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Neben Janne kann man die traditionelle Kleidung sehen, Sari für Frauen, Dhoti für Männer (Foto: EMS/Erstling)
Neben Janne kann man die traditionelle Kleidung sehen, Sari für Frauen, Dhoti für Männer (Foto: EMS/Erstling)
27. Februar 2020

Genderrollen in Indien

Valérie

Valérie

Indien
unterstützt ein Mädchenheim
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Gestern saß ich mit ein paar der älteren Mädchen in der Study Hall und wir unterhielten uns über die Examen, die im März anstehen. Eines der Mädchen kam dazu, zeigte uns ein Magazin und wir blätterten es zusammen durch. Es ging um Promis, neue Filme und Fashion und enthielt auch genug Werbung. Was mir auffiel: Küchengeräte, Gewürze oder besser alles das mit Hausarbeit zu tun hatte, wurde allein von weiblichen Models beworben. War es nur Zufall? War es in Deutschland auch so, ist mir aber nie aufgefallen?

Ich merke schon, dass ich mich jetzt viel stärker mit Geschlechterrollen auseinandersetze. So richtig viele Gedanken habe ich mir ehrlichgesagt vorher nicht gemacht. Jetzt sehe ich es überall: geschlechterspezifische Farben in der Kinderabteilung, die extreme Darstellung des Helden und der 'Geretteten' in Filmen oder die 'Pink Tax', die Frauenprodukte unnötig teurer macht. Wie sehr bestehen diese Rollen hier? Gibt es andere Bilder welche Rollen die Geschlechter einnehmen sollten?

Als ich im Internet recherchiert habe bin ich vor allem auf sehr gegensätzliche Nachrichten gestoßen: Frauen haben auf dem Papier seit Jahren immer mehr Rechte bekommen und neue Gesetze wurden verabschiedet. In der Realität sehe es jedoch nicht nur in ländlichen Regionen noch anders aus: Frauen blieben als Hausfrau zuhause, gehorchten ihrem Vater und später ihrem Ehemann und seien häuslicher sowie sexueller Gewalt ausgesetzt. Indien sei das viertgefährlichste Land für Frauen auf der Welt. Männer bekämen von klein auf gesagt ihre Stimme zähle mehr und sie hätten das Recht zu entscheiden. Auch wenn ich Quellen mit Statistiken und Analysen herausgesucht habe, sah alles sehr dunkel aus. Ich wollte mich noch nicht von der Negativität überzeugen lassen und habe mit zwei Mädchen aus dem Heim, meiner Chefin, sowie einem Mitglied unserer Kirchengemeinde gesprochen. Zwar haben sie sich in ein paar Punkten wiedersprochen, ihre Antworten haben mir trotzdem viel Einsicht gegeben. Natürlich sind die Aussagen immer noch Meinungen von Einzelpersonen, also keine allgemeingültige Wahrheit. Ich wollte aber die Möglichkeit nutzen weitere Erfahrungen miteinzubringen, und mich nicht nur auf Statistiken begrenzen.

Anamika erklärte mir, wie wichtig es ist, dass Frauen arbeiten gehen und nicht nur als Hausfrau zuhause bleiben. "Working mothers can support their children in many ways." Sie erklärte mir, dass viele Mütter ihren Kinder nicht bei Hausaufgaben helfen können und sie lieber zur Nachhilfe schicken. Arbeitende Mütter seien gebildeter und erziehen ihre Kinder moderner, meinte sie. Als ich gefragt habe, ob ihre Mutter bei der Erziehung von ihr und ihrem großen Bruder Unterschiede gemacht hat, schüttelte sie den Kopf. "My mother told both of us that we are strong and that the world is waiting for us. She's encouraging us a lot." Sie fügte hinzu, dass Mütter ein großes Vorbild darstellen. Wenn Kinder von Anfang an durch das Bild des arbeitenden Vaters und der Hausfrau geprägt werden, ist es schwierig dem Ganzen zu entkommen.

Nimisha zeigte mir eine andere Perspektive auf das, was ich im Internet gelesen hatte. Sie selbst fühle sich sehr sicher in Indien als junge Frau. Sie ist ambitioniert und möchte Krankenschwester werden, meint aber auch dass es ein sehr frauendominierter Beruf ist. "Most girls want to become nurses, teachers or something like make-up artists or fashion designer." Die Rollen wer welchen Beruf ausführen soll bestehen also genau wie in Deutschland auch hier sehr stark. Dass es nicht der Wahrheit entspricht erklärte sie mir mit einem Beispiel, das mich faszinierte: Die indische Regierung sah, dass auch Frauen in das nur für Männer erlaubte Militär wollten und schuf ein paar hundert Plätze, für die sich Frauen bewerben könnten. Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass sich über 100 Frauen auf einen Platz bewerben würden. Die Vorurteile der Regierung, dass Frauen nicht ins Militär wollten waren absolut nicht gerechtfertigt. Durch andere Quellen las ich, dass in Studiengängen wie Ingeneurwesen oder Architektur Frauen nicht mehr nur die Ausnahme darstellen. Ein großes Problem ist jedoch, dass viele Frauen, vor allem in ländlichen Regionen schon früh die Schule abbrechen und ihnen so die Möglichkeit auf höhere Bildung verwehrt bleibt. Das Bild der Frau ändert sich nur schleichend, auch wenn Frauen mehr und mehr sichtbar werden. Nimisha sieht sehr positiv in die Zukunft und meint auch: "Women are safe in India. As long as they don't go out at night nothing can happen."

Nachdem ich mit meiner Chefin gesprochen hatte war ich vor allem überwältigt. Aspekte, an die ich überhaupt nicht gedacht hatte kamen mir plötzlich wichtig zu erwähnen vor. Ein Satz, der mir immer noch im Kopf ist, fasste es gut zusammen: "At the beginning the girl children are somebodys daughter, then when they marry they become somebodys wife and in the end they are somebodys mother. But they are never seen as an individual person who can be somebody without a man." Sie nannte mir einige Beispiele für diese Aussage. Witwen haben es in manchen Regionen (sie nannte Tamil Nadu, Karnataka und Andra Pradesh) besonders schwer. Sati, was so viel wie 'treue Frau' bedeutet war bis 1829 Normalität für hinduistische Familien. Wenn der Mann starb und verbrannt wurde, wurde die Frau mitverbrannt. Was heute verboten ist, lebe als Gedanke weiter: ohne ihren Mann seien Frauen Nichts, erklärte sie mir. Damit Frauen als Witwen erkannt werden, rasieren Familienmitglieder die Kopfhaare der Witwe und sie darf ausschließlich weiße Saris tragen. Meine Chefin meinte: "Sadly it is so hard to break out of this system. I am lucky because I am christian, I don't follow these rules."

Ein anderer Aspekt, den sie erwähnte war die Last, die Mädchen immer noch für eine Familie darstellen würden. Mitgift, obwohl abgeschafft, sei immer noch ein Grund keine Mädchen zu bekommen. Auch hier zeige sich wieder dasselbe   Problem: Mädchen seien unerwünscht, müssen die wenigen Jahre in denen sie bei der Familie wohnen arbeiten bis sie verheiratet werden, während Jungs verwöhnt würden. Frauen, die nur Mädchen gebähren seien verflucht, obwohl sie nichts dafür könnten. Das Bild, das sie zeichnete konnte ich mir nicht vorstellen. Doch: In Indien gibt es für 1000 Männer nur 914 Frauen aufgrund der Praxis der Neugeborenentötung. Ein Zitat des indischen Autors Shoba Dé bestärkt dies nur: "In a society like ours, to be born male is enough. A man does not need any other attributes. It is also a society that pampers men beyond reason."

Ich habe mich also auch mit einem männlichen Mitglied unserer Kirchengemeinde unterhalten, um eine andere Sichtweise zu bekommen. Seiner Meinung nach sind es vor allem strukturelle Probleme, die Frauen das Leben schwermachten. Die indische Gesellschaft sei durch jahrelanges Handeln nach den Regeln des Patriarchats nicht dafür gemacht Frauen einen Platz freizuhalten. Junge Menschen und die neuen Generationen akzeptierten Frauen als einen Teil der Gesellschaft, das größte Problem sei die Erziehung und das traditionelle Bild, das leider noch immer weitergegeben wird. Eine Studie zeigte mir ein klareres Bild: ein drittel aller Männer erlaube ihren Frauen nicht selbst auszusuchen was sie anziehen möchten, 66% glaubten sie hätten in wichtigen Entscheidungen mehr zu sagen als die Frau und 75% der Männer erwarten, dass die Partnerin dem Wunsch nach Sex zustimmt. Was herausstach, war vor allem, dass Männer die wirtschaftliche Krisen erfahren eher zu Gewalt neigen. Was es für die befragten Männer bedeutet maskulin zu sein?: “acting tough, freely exercising his privilege to lay down the rules in personal relationships, and, above all, controlling women.”

Ich bin immer noch dabei all diese Informationen zu verarbeiten. Pessimismus ist aber nicht die richtige Lösung, denn Frauen in Indien haben an vielen Orten Dinge geschaffen, die eine Entwicklung zu mehr Gleichheit vorantreiben. Ein Beispiel ist die 29-jährige Kirti Bharti. Sie gründete 2012 die non-profit Hilfsorganisation, die von Kinderheirat Betroffene unterstützt. Sie selbst ist Psychologin und hat allein in den letzten vier Jahren 900 Kinderheiraten verhindern und 150 rückgängig machen können. Oder Lakshmi Agarwal, eine Säureangriff Überlebende, die als Direktorin der NGO 'Chhanv Foundation' für Opfer von Säureatacken kämpft. Sie schaffte es mit einer Petition den Preis von Säure zu erhöhen und machte die Regierung damit auf strukturelle Probleme aufmerksam. Es gibt unzählige weitere Aktivistinnen, die Fortschritt voranbringen und sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Von der 'Gulabi Gang', eine Frauengruppe um Sampat Pal, die sich gegen Soziale Ungerechtigkeit einsetzen und dabei im pinken Sari auftreten, hatte ich schon in Deutschland gehört. Klimmaaktivistinnen, Aktivistinnen für Geschlechtergleichheit und Frauen die ihre Rolle als Anwältinnen oder Politikerinnen nutzen, um Veränderung zu bewirken, zeigten mir, dass das Bild, das ich mir vorher gemacht hatte nicht der Wahrheit entsprach.

Bevor ich nach Indien geflogen bin, kam sehr oft, wenn ich von meinen Plänen erzählt hatte die ängstliche Frage: 'Aber bist du da auch sicher?' Natürlich ist es gut gemeint so etwas zu fragen, es zeigt aber deutlich das Bild Indiens, das Viele ersteinmal im Kopf haben: unsicher für eine junge Frau wie mich. Jetzt weiß ich: Manches ist gerechtfertigt, Vieles nicht. Es gibt Probleme, aber auch in Deutschland habe ich ehrlichgesagt Angst nachts alleine draußen herumzulaufen. Aber es braucht Zeit, all das zu verstehen, die Vorurteile abzubauen und sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Obwohl, wann weiß ich denn überhaupt die ganze Wahrheit?

 

Quellen:

www.thebetterindia.com/77860/indian-human-rights-activists-international-day/
www.scoopwhoop.com/inothernews/women-who-shaped-the-feminist-movement-in-india/
www.borgenmagazine.com/gender-roles-india/
factsanddetails.com/india/People_and_Life/sub7_3d/entry-4174.html

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Werbung für eine Fertigmischung im Magazin 'Vanita' (Foto: EMS/Erstling)
Werbung für eine Fertigmischung im Magazin 'Vanita' (Foto: EMS/Erstling)

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