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Das erste Mal mit Sari (Foto: EMS/Gunstheimer)
Das erste Mal mit Sari
20. Oktober 2019

Über Jasmin, sonnige Stunden und das Ankommen

Lea

Lea

Indien
wirkt in einem Frauenzentrum mit
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Es ist das erste frische Lüftchen seit Tagen, das mir um die Nase weht und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich sitze am Fenster im Bus und beobachte die vorbeiziehenden, kahlen Felder unter dem grauen Himmel. Die Straßen glänzen noch vom morgendlichen Regen. Vereinzelt sprießt das erste leuchtende Grün aus der dunklen, feuchten Erde. Ein paar Kokospalmen und Pfauenpaare zieren die flache Landschaft. Ein Mädchen sitzt neben mir, sie trägt Jasminblüten im streng geflochtenen Haar. Ich habe den Rucksack ihrer Freundin auf dem Schoß, weil es so eng ist. Alle stehen dicht an dicht, schnelles Tamilisch und Gelächter erfüllen die Luft. Aus ein paar Lautsprechern ertönt Bollywood-Musik, die manchmal ein bisschen an Bach oder traditionell mexikanisches „Mariachi“ erinnert. Der schwere Duft von Jasmin vermischt sich mit den Abgasen der vorbeiknatternden Motorräder und dem Geruch von Regen auf staubigem Asphalt. Plötzlich zerschneidet das ohrenbetäubende Quäken der Hupe die Luft. Wir halten für ein paar Sekunden, Menschen drängen eilig zur Tür. Einen Augenblick später haben wir wieder Fahrt aufgenommen und bahnen uns einen Weg durch das morgendliche Treiben von Kovilpatti. Der Fahrer lenkt den alten Bus scheinbar mühelos und tiefenentspannt durch das Chaos aus Menschenmassen, hupenden Motorrädern und Tuk-tuks(1), streunenden Hunden, Hühnern und querliegenden Kühen. Die Frontscheibe des Busses ist mit Glitzersteinen und rosa Blumenketten geschmückt. Der davor drapierte Schrein mit dem Portrait eines sehr ernst schauenden Mannes schwankt gefährlich, als wir abrupt vor einer der vielen Geschwindigkeits-Reduzierungs-Bodenwellen bremsen.

Dieser Bus brachte mich Ende September zu Rahel, einer Mitfreiwilligen. Da für die Kinder Ferien waren, verbrachten wir eine Woche damit uns Madurai, die Teeplantagen von Munnar und Mysore anzuschauen. Aber ich greife voraus.

Für mich war der Beginn dieses neuen Lebensabschnitts fließender Natur. Er begann mit der Frage, ob ich wirklich drei Kilo Klopapier in meinem Rucksack verstauen muss und endete mit dem ersten sonnigen Morgen in meiner Einsatzstelle. Über das, was dazwischen kam versuche ich nun mal in chronologischer Reihenfolge zu berichten.

Wir sieben Freiwillige flogen am 9. September von Frankfurt nach Chennai. Bis auf den positiven Sprengstofftest meines Handgepäcks lief alles reibungslos. Nachdem ein paar Sprengstoffexperten die Ecken meines Herrenhutter Sterns ein paar Mal auseinander und wieder zusammengesteckt hatten ließen sie mich passieren. Wir landeten nach einem entspannten Flug und zwei südindischen Mahlzeiten pünktlich in Chennai und wurden dort von Solomon Paul, dem Leiter des Youth Departments der CSI abgeholt. Die nächsten drei Tage verbrachten wir im CSI Center und hörten wirklich interessante Vorträgen über dessen Arbeit und laufende Projekte, wagten unsere ersten Versuche mit der rechten Hand zu essen und über indische Straßen zu gehen ohne vom erstbesten Bus erfasst zu werden.

Danach ging es für uns mit dem Zug weiter nach Bangalore. Wir wandelten durch lokale Märkte, entdeckten Obst und Gemüse in den interessantesten Formen und Farben (es gibt eine Art Gurke, die aussieht wie eine überdimensional große, stachelige Raupe) und ließen uns durch die Straßen treiben. Wir sahen Menschen, die halb auf dem Gehweg, halb auf der Fahrbahn schliefen und Menschen, die mit großen Tüten aus teuren Läden kamen. Wir sahen Ladenverkäufer, die nicht aussahen als wären sie schon 12 und Kinder in Schuluniform, die durch die Straßen hüpften. Wir sahen Inder und Inderinnen in westlicher Kleidung und Männer mit Wickelröcken. Kein Ort, keine Straße war wie die andere. Das Gefühl hatte ich übrigens auch bei jedem Ort, den ich in den letzten Wochen besuchen konnte. Jede Erwartung, ob positiv oder negativ kann im Bruchteil einer Sekunde und ohne Vorwarnung über den Haufen geworfen werden. Zum Beispiel habe ich in Mitten der vielen Goldschmuckläden ein Geschäft nur für Türklinken gefunden. Und sie waren wirklich unglaublich schön!

In Bangalore wurden wir von unseren Wardens (BetreuerInnen) abgeholt. Meine Warden heißt Sister Kasthuri Manickam und ist Leiterin des WWTCs. Bevor wir in den Nachtzug Richtung Süden stiegen besuchten wir noch ein paar ihrer Klosterschwestern im Womens House…. Wir unterhielten uns gut, vor allem über Reisen, Sprachen, Essen, Familie (absolutes Lieblingsthema bei den meisten meiner bisher geführten Gespräche) und wie man welche Pflanze am besten züchtet. Auf dem Gelände befindet sich ein großer Garten mit verschiedenen Gewürzen, Gemüsesorten und sogar Bananenstauden. Letztendlich stiegen wir mit drei neuen Setzlingen, getrockneten Samen und einer Liste für mich, wie man am besten Kurkuma heranzieht, in den Zug. Wir fuhren Sleeper Class, die letzte Klasse, ohne Türen und mit jeweils drei Liegen übereinander, wobei sich die Mittlere am Tag einklappen lässt. Kasthuri zeigte mir, wie man seine Tasche mit den Wertsachen richtig als Kopfkissen verstaut. Ich schlief leider nicht sehr gut, weil die Pritsche etwas zu kurz für mich war, aber fühlte mich sehr sicher. Außerdem konnte ich mich so morgens um 5 an die offene Tür setzten und die vorbeirasenden, vom Morgentau glitzernden Reisfelder in den ersten, goldenen Strahlen der Sonne beobachten.

Das Women Workers Training Centre

Als wir verstaubt und verschwitzt von der Mittagshitze ankamen wurden wir mit einem Lied von den Trainees (in das auch der Hund Brownie direkt mit einstimmte) herzlich empfangen.

Meine erste Woche in Nagalapuram verbrachte ich damit, das Center und dessen Bewohner  kennenzulernen.  Im WWTC leben Mädchen und junge Frauen und nehmen Unterricht zum Beispiel im Nähen, Handarbeiten machen oder Tastaturschreiben. Manche wohnen auch zu Hause oder besuchen noch zusätzlich ein College. Direkt angeschlossen ist außerdem das Magilchi Illam, ein Mädchenheim. Die Mädchen kommen aus schwierigen, oft sehr armen Familien, die meisten Mütter sind verwitwet. Obwohl das Center sehr christlich geprägt ist und die Kinder zwei Mal am Tag in die Kirche gehen, wohnen hier auch Mädchen aus hinduistischen Familien. Dies stellt aber für niemanden ein Problem dar. Ich fühle mich fast wie in einer großen Patchwork-Familie. Jeder achtet auf jeden. Gerade in den ersten Wochen war es toll, weit weg von meiner eigenen Familie, mit Menschen zu sein, die mir ein kleines Bisschen das Gefühl von Heimat geben.

Ich hatte also in der ersten Woche die Möglichkeit, die verschiedenen Bereiche zu besuchen und am Ende erstellten Kasthuri und ich einen Plan. Neben dem Lernen der vielen Namen stellte die Online-Registrierung bei der indischen Regierung leider eine große Herausforderung dar und kostet uns noch bis jetzt viel Zeit und Nerven, da immer wieder neue Dokumente nachgefordert werden. Ich vermute es liegt daran, dass die aktuelle, national-hinduistische Regierung nicht so gut auf christliche Organisationen zu sprechen ist.

An einem Tag besuchten wir außerdem den Bischof in der nächstgrößeren Stadt namens Thoothukudi. Dieser überraschte mich mit der Bitte, 3 Tage die Woche in der englischsprachigen CBSE Victoria School in Toothukudi „Spoken English“ zu unterrichten. Da die Stadt aber 2,5 h Busfahrt vom Center entfernt ist, ich eigentlich genug Arbeit habe und keinerlei Vorbereitung auf das Unterrichten hatte, konnten wir uns auf einen Tag pro Woche einigen. Ich werde dort keine Lehrer ersetzen oder Examen abnehmen. Mein persönliches Ziel ist es, den Kindern ein bisschen die Angst vor dem Englischsprechen zu nehmen und Spaß am Lernen einer neuen Fremdsprache zu vermitteln. Dazu aber nächstes Mal mehr.

Mein Tag beginnt (bis auf Montag, der mein persönlicher Sonntag geworden ist) zwischen 5 und 6 Uhr. Je nachdem ob, seit wann und in welchem Stil aus den Lautsprechern hinter meinem Zimmer hinduistische Rhythmen scheppern, entscheide ich, wie ich den Morgen verbringe. Wenn ab 4:30 Uhr Partystimmung ist, nehme ich meist die Bauschutzkopfhörer meiner Vorfreiwilligen und schlafe noch ein bisschen oder höre ein Hörbuch. Die Zeit, in der die Lautsprecher schweigen und ich auf dem Dach sitzen kann, ist aber meine Liebste. Dann machen ich Yoga, plane meinen Tag, lese oder genieße manchmal einfach nur die Stille und den Sonnenaufgang.

Um 8:30 Uhr gibt es Frühstück, danach sitze ich, bis auf sonntags, da ist Kirche, für eine Stunde mit den Trainees zusammen und mache Grammatikstunden, Spiele oder Übungen mit ihnen um beim Englisch lernen zu helfen. Anschließend besuche ich an einem Tag in der Woche die Patties (ältere Damen, die Meisterinnen im Schummeln sind) und spiele mit ihnen Memory oder Mikado (ich verliere leider fast immer, da ich einfach nicht gut schummeln kann, aber das wird hoffentlich noch!). Am Tag darauf gehe ich zum Day Care Center, eine Art Kleinkindbetreuung. Den Freitagvormittag verbringe ich mit einer 4. Und 5. Klasse in der nahe gelegenen Primary School und versuche ihnen die ersten englischen Sätze zu entlocken. Um 13 Uhr essen wir zu Mittag und danach gibt es viele Möglichkeiten den Nachmittag zu verbringen. Ich kann zur Sewing Class gehen und mit den Trainees Nähen lernen oder auch die Zeit für mich nutzen zum Beispiel zum Wäsche waschen, Unterricht vorbereiten oder Tamil lernen. Manchmal helfe ich außerdem Sr. Kasthuri im Büro bei Übersetzungen und mit der Planung von Aktivitäten. Gegen halb 5 kommen die Boarding Home Mädchen von der Schule zurück und ich habe Zeit um mit ihnen zu spielen und herumzualbern. Ein paar Mädchen der 8. und 9. Klasse helfe ich außerdem immer mal bei ihrer English Reading Practice.

Dieser Plan hängt zwar nun in meinem Zimmer, allerdings sieht meine Woche hier immer etwas anders aus. Ob es neue Gäste sind, spontane Ferien, weil es zu stark regnet oder ein Katzenbaby namens Rosie, um das sich gekümmert werden muss – hier ist immer etwas los. Langsam beginne ich, mich wirklich wohl zu fühlen, trotz der einen oder anderen Herausforderung. Oder vielleicht auch genau deshalb?

Grüße aus dem verregneten Nagalapuram

und bis bald,

Lea

 

POSTSCRIPTUM  #1

Ich habe keine drei Kilo Klopapier in meinem Rucksack mitgenommen. Wollte ich auch nicht. In meinem Dorf kann man keines kaufen, die meisten Menschen nutzen Wasser, bzw. spezielle Duschen wie in vielen Teilen Asiens und das ist, wenn man es richtig macht sehr hygienisch und macht außerdem keinen Müll!

(1) Kleine, gelbe Gefährte mit den kuriosesten Huptönen, die dich sehr spontan überall hinbringen können

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Nach einer erfolgreichen Stunde in der Primary School (Foto: EMS/Gunstheimer)
Nach einer erfolgreichen Stunde in der Primary School
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Versteckspiel mit Kuh (Foto: EMS/Gunstheimer)
Versteckspiel mit Kuh

Kommentare

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Clara 02. November 2019 Deutschland
Hej Lea, voll schön deinen blog zu lesen:) Ich bin Clara, eine Vorfreiwillige von dir von 2016/17, ich hoffe dass du dich weiterhin so gut mit allen verstehst und wohlfühlst, grüß mir mal alle<3 ! Und meld dich gerne wenn du irgendwann mal lust hast zum quatschen :^)