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Auf dem Weg nach Thootukudi (Foto: EMS/Gunstheimer)
Auf dem Weg nach Thootukudi
15. Januar 2020

Über das Pauken, Okraschoten und "dancing teeth"

Lea

Lea

Indien
wirkt in einem Frauenzentrum mit
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Ein kleines Update zu meinen Tätigkeiten

Es ist 07:23 Uhr und ich sitze im Klassenzimmer an einer der kleinen Einzelbänke am Fenster. Es ist noch angenehm kühl von der Nacht, aber die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon die müden Gesichter. Von 7 bis 8 Uhr wird hier fleißig gelernt, Hausaufgaben erledigt und Kekse gegessen. 10. bis 12. Klasse lernt im Zimmer, alle Jüngeren im Boarding Home. Leises Gemurmel erfüllt den Raum. Hin und wieder hört man die streitenden Papageien auf dem Dach oder das Rascheln von Papier. Im Moment pauken alle angestrengt für Sozialwissenschaften und Tamil, wobei ich leider nicht weiterhelfen kann. Deshalb nutze ich die Zeit mal zum Bericht erstatten.

English-Workshop No.1

Donnerstags fahre ich, wenn die Regierung nicht spontan Ferien ankündigt, nach Thootukudi für den Englisch-Workshop. Die Schule wurde erst vor ein paar Jahren gegründet und versucht neue Ideen umzusetzen und moderne Methoden zu nutzen. Auf Gewalt als Lehrmittel wird, soweit ich weiß verzichtet, es gibt Nachmittagsangebote wie Karate und individuelle Nachhilfestunden für schwächere Schüler. Ich verstehe mich sehr gut mit der Schulleiterin und sie erklärte mir unter anderem einmal, dass viele Kinder einen Großteil ihrer Freizeit am Handy verbringen würden, durch die Eltern als Vorbild, und was das für negative Auswirkungen auf das Lernverhalten haben kann. Anscheinend besteht nicht nur in Deutschland dieses Problem.

Wie in allen anderen Schulen die ich bis jetzt gesehen habe, wird hier sehr stark auf Frontalunterricht gesetzt. Die Schüler sollen lernen nachzusprechen, zu wiederholen. Selbst denken ist häufig unerwünscht. Ich vermute aber, dass dies daher kommt, dass die Gesellschaft traditionell eher auf Kollektivismus als auf Individualismus, wie bei uns, ausgelegt ist. Nicht das Individuum, die Meinung des Individuums steht im Mittelpunkt, sondern das Wohlergehen der Gruppe.

Im WWTC komme ich oft zur „Study-Time“ (siehe oben) und helfe bei Englisch und Mathe. Einmal habe ich mit ein paar Zehntklässlerinnen für ihr Englisch-Examen gelernt. „Lernen“ hieß, alle Antworten auf die Fragen der Probetests und Übungen auswendig zu lernen.

Die Schule in Toothukudi ist außerdem englischsprachig, was ein großer Vorteil ist. Selbst die Fünftklässler verstehen mich sehr gut, größere Schwierigkeiten gibt es aber noch beim Sprechen. Aus diesem Grund bestehen meine Stunden vor allem aus Sprachspielen, Dialogen und angeleiteten Diskussionen rund um aktuelle und die Schüler betreffende Themen. An einem Tag habe ich zum Beispiel in der 7. Klasse gefragt, ob sie finden, dass Männer im Haushalt helfen sollten. Alle außer einer stimmten zu und die Jungs erzählten mir, was sie über Gleichberechtigung gelernt haben. Ein Junge merkte an, dass es durch die Vergangenheit und Traditionen oft eine strenge Rollenverteilung gibt, bei der in vielen Fällen der Mann arbeiten geht, die Frau zu Hause bleibt und somit die Haushaltsführung und das Kümmern um die Kinder ihre gleichwertige Arbeit ist. Außerdem hätte der Mann nach seiner Arbeit keine Zeit und Kraft mehr. Daraus entwickelte sich eine hitzige Diskussion, die damit schloss, dass wir den Menschen, die sich um den Haushalt kümmern öfter mal danken und ihre Arbeit anerkennen sollten.

Dazu kann ich mittlerweile sogar ein kleines bisschen aus Erfahrung sprechen. Hand- und Betttücher mit Hand zu waschen ist der reinste Spaß für meine Armmuskeln.

Des Weiteren habe ich beschlossen, richtig kochen zu lernen. Im Center gibt es eine große und eine kleine Küche. In der großen Küche kochen zwei Köchinnen für alle, deshalb gibt es morgens, mittags und abends Reis. Dazu variabel Sambar (Gemüsesoße, manchmal mit Linsen), Colombo (dickere Gemüsesoße meist mit Kichererbsen, Ei oder Bohnen), Chutney  (Kokosnuss- bzw. Tomatenmus) oder gebratenes Gemüse (Okraschoten, Möhren, Bittergurke und verschiedene Kürbisgewächse). Sonntag wird Fleisch oder Fisch gegessen. Da Kasthuri Akka und Chalakkani Akka Diabetes haben, nicht so viel Reis essen können und ich als Gast die Wahl bekomme, wird morgens und abends in der kleinen Küche extra gekocht. Im Moment kocht eine der Trainees und bringt mir die geheimen Tricks und Kniffe der südindischen Küche bei. Zu meinen Lieblingsgerichten zählen Dosai (Pfannkuchen aus verschiedenen Hirsearten oder Reismehl), Dal (Linsencurry), Ragi Puttu (Fingerhirse-Kokosraspel-Rolle mit Banane und Kokosmilch) und Idli (eine Art Reismehl-Mungobohnen-Hefekloß ohne Hefe).

English Workshop No.2

Dienstags besuche ich eine Grundschule in Nagalapuram, da auch hier angefragt wurde, ob ich nicht etwas mit der 5. und 4. Klasse machen könnte. Das ist ein bisschen komplizierter als in Thootukudi, da hier noch nicht mal die Lehrerinnen mein Englisch wirklich verstehen können. Ein Grund dafür ist natürlich auch meine ungewöhnliche Aussprache. Ich würde fast behaupten, dass es einfacher ist mit den Kindern zu kommunizieren als mit den Lehrerinnen, da die Kinder wenn sie nicht mehr weiter wissen einfach Hände, Füße und alles andere zur Kommunikation nutzen. Solange ich die kleinen Grammatikeinheiten nur geschickt verstecke funktioniert das also sehr gut.

Ein weiteres Thema, dem ich mich seit November widme ist die Zahnpflege der Mädchen. Eine Organisation aus Dänemark unterstützt das WWTC regelmäßig und hat schon vor einigen Jahren verschiedene Projekte hier gestartet. Unter anderem haben sie die Mädchen im Center und in den Nachmittagscentren in den umliegenden Dörfern untersucht und festgestellt, dass Zahnpflege zu kurz kommt. In den meisten Familien putzte man wenn überhaupt nur morgens Zähne und häufig auch ohne Zahncreme oder nur mit dem Finger. Wir versuchen im Center das Zähneputzen auch abends zur Routine zu machen, weshalb ich drei bis viermal in der Woche zusammen mit den Mädchen Zähne putze und einmal pro Monat mit Kasthuri Akka einen Workshop zum Thema Mundhygiene und Karies durchführe. Leider haben viele Mädchen schon Karies, das auch, solange es nicht schmerzt, nicht behandelt wird. Trotzdem freut es mich immer wieder, wenn mir vor dem zu Bett gehen stolz die sauberen Zähnchen präsentiert oder ein neuer „dancing tooth“ gezeigt wird.

Bis bald,

Lea

Postscriptum:

Ich habe letzte Woche von einem Dreijährigen gelernt, dass Tiergeräusche anscheinend abhängig von Land und Sprache sind, auch wenn es sich um das gleiche Tier handelt. Hunde machen hier „Loll“ und nicht „Wuff“.

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Ragi-Dosai, Kokoschutney und Puli Colombo (Foto: EMS/Gunstheimer)
Ragi-Dosai, Kokoschutney und Puli Colombo
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Memory mit den Pattis (Foto: EMS/Gunstheimer)
Memory mit den Pattis

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