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Ein Morgen im Magilchi Illam (Foto: EMS/Gunstheimer)
04. März 2020

Der weisse Ritter

Lea

Lea

Indien
wirkt in einem Frauenzentrum mit
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Es begab sich einmal in einem Land vor unserer Zeit, dass in einem kleinen Städtchen ein Kind geboren wurde. Es war ein kleines Mädchen und als sie zu schreien begann, wurde sie sogleich in weiche Windeln gewickelt und die Mutter schaukelte sie liebevoll in den Armen. Das kleine Mädchen entwickelte sich sehr gut und alle waren stolz auf sie.

Schon bald konnte sie selbstständig auf Bäume klettern, ihre eigenen Sandkuchen verkaufen und zweimal hintereinander durch den Teich schwimmen. Alle liebten sie sehr und ihre Eltern unterstützten sie, so gut sie nur konnten. Das Mädchen wurde älter und sie lernte. Sie lernte, Menschen zu respektieren. Sie lernte, sich selbst zu respektieren. Sie wurde älter und sie lernte Nein zu sagen. Sie lernte, Menschen beim Sprechen in die Augen zu blicken und ihre Stimme zu erheben, wenn sie etwas zu sagen hatte. Sie lernte, dass sie frei sein konnte, wenn sie das wollte. Dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen konnte, aber auch für diese verantwortlich war.

Eines Tages erzählte ihr Jemand von fernen Orten in fernen Ländern. Jemand erzählte ihr von fremden Kulturen, fremden Sprachen und fremden Menschen und die Augen des kleinen Mädchens wurden groß. Da sie von Natur aus sehr neugierig war, fragte sie Jemand sogleich, ob es nicht möglich wäre, in diesen fernen Ort im fernen Land zu reisen. Jemand wiegte leicht den Kopf und begann dann zu sprechen. Diesmal lag allerdings kein Lächeln mehr auf seinen Lippen, was das kleine Mädchen ein wenig verunsicherte. Diesmal sprach Jemand von Rassismus, Religion und Privilegien. Von Gesellschaftssystemen, Geschlechterrollen, Kolonialgeschichte und Armut. Von Reichtum, Gerechtigkeit, Unterdrückung, Faschismus und Hautfarbe. Jemand erklärte ihr, wie es sein würde, an diesem fernen Ort im fernen Land und sie hörte aufmerksam zu. Als Jemand zu Ende gesprochen hatte, nickte das Mädchen, dankte ihr, verabschiedete sich und machte sich sogleich munter auf den Weg, denn sie wusste ja, was sie erwarten würde, und war vorbereitet.

Nach langem Fußmarsch erreichte das kleine Mädchen irgendwann das ferne Land und sie wurde mit offenen Armen empfangen. So lebte sie einige Zeit an diesem fernen Ort und nach und nach wurde er immer weniger fern für sie und die fremden Menschen immer weniger fremd. Sie erkannte Dinge, von denen ihr Jemand erzählt hatte wieder, doch musste sie bald feststellen, dass obwohl sie von all diesen Dingen wusste, sie sie nur durch wirkliche Erfahrung tatsächlich verstand. So spürte das kleine Mädchen plötzlich, dass Menschen sie hier an diesem nicht mehr ganz so fernen Ort anders betrachteten und behandelten. Auch ein paar Menschen zu Hause, die manchmal eine Brieftaube sandten, sahen sie anders. Für viele Menschen, denen sie begegnete, war sie kein Mädchen wie die anderen Mädchen, mit denen sie hier zusammenlebte. Sie wurde zu jemand anderem. Sie wurde zur Königin, zum Universalgenie, zur Richterin, zur Millionärin, zur Prostituierten. Zum weißen Ritter. Manchmal wurde sie auch einfach nur wieder zur Fremden, was sie aber noch am vertretbarsten fand, denn das war sie ja eigentlich auch.

Irgendwann begann sie sich zu fragen, wer sie denn nun wirklich war. Oder wer sie gern sein wollte. Immer häufiger spürte sie Verbundenheit mit den Menschen an dem nicht mehr ganz so fernen Ort und eines Tages fühlte sie Verantwortung. Sie spürte die schweren Flügel des Privilegs auf ihrem Rücken und wünschte, dass sie für etwas Gutes von Nutzen sein konnten. Sie fühlte sich in irgendeiner Weise, verantwortlich etwas tun zu müssen, verbessern zu müssen. Im ersten Moment schien das ein sehr ehrenwerter Gedanke zu sein. Doch umso mehr sie darüber nachdachte, desto klarer erkannte sie die wahre Gestalt des weißen Ritters den viele, auch sie selbst manchmal, in ihr sehen wollten.

Der weiße Ritter zerbarst in tausendundein Stücke und hervor kamen Vorurteil, Rassismus und ein alter Schnürstiefel eines schmalfüßigen Kolonialherren.

Das kleine Mädchen erkannte, dass das mit dem Helfen nicht ganz so einfach war. Denn die Sache, die zwar niemand wirklich dachte, aber die immer latent mitschwang, war, dass die Menschen hier nicht fähig genug wären, keine Verantwortung für sich selbst übernehmen könnten und erst einmal Menschen aus dem globalen Westen kommen müssten um ihnen zu zeigen was richtig ist.

Und das, dachte sich das kleine Mädchen, ist wirklich überaus selbstverherrlichend und diskriminierend und sie schämte sich dafür, dass sie das nicht früher schon verstanden hatte. Natürlich, fand sie, war nichts einzuwenden gegen Hilfe, die von Betroffenen extra angefragt wurde oder gegen Unterstützung wenn wirklich Ressourcen, nötiges Fachwissen oder Fachkräfte fehlten. Da sie aber noch keine ausgebildete Fachkraft, sondern nur ein kleines Mädchen mit ganz passablen Sprachkenntnissen und einem Kopf voller Ideen war, erinnerte sie sich, wofür sie wirklich in das nicht mehr ganz so ferne Land gekommen war. Sie wollte lernen und teilen. Und vielleicht, ganz vielleicht brachte eine ihrer Geschichten jemanden zum Grübeln und dazu, sich in einer Situation einmal anders zu verhalten als sonst.

 

Anmerkung d. A.:

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich in den letzten 5 Monaten mehr gelernt habe als in 12 Jahren Schulbankdrücken. „Lernen“ bedeutet für mich hier nicht nur Tamil Vokabeln zu wiederholen. Es bedeutet auch sich mit Fragen wie „Was ist mir wichtig?“, „Was macht mich glücklich?“, „Was brauche ich wirklich?“ auseinanderzusetzen. Es bedeutet, ungewohnte oder gänzlich neue Situationen zu managen, Herausforderungen anzunehmen, die einem am Anfang vielleicht unschaffbar erscheinen und sich Dinge einzugestehen, die man nicht wahrhaben will. Ich persönlich habe für mich gelernt, dass ich umso glücklicher bin, desto mehr ich meine eigenen Werte verkörpere und lebe.

Zu diesen Werten gehört auch das Teilen. Teilen als Freiwillige heißt für mich Vorbild zu sein. Damit meine ich, dass mein Verhalten, da leider häufig noch eine Sprachbarriere besteht, mein Kommunikationsmittel ist.

Beispielsweise lehne ich ab, wenn mir ein Stuhl angeboten wird obwohl alle anderen auf dem Boden sitzen und versuche insgesamt alle Bevorzugungen aufgrund meiner Hautfarbe zu verweigern. Ich habe außerdem nun nach langen Diskussionen erreicht, dass ich mehr als nur meinen Teller abwaschen darf und auch bei Gartenarbeiten oder beim Putzen helfen kann.

Aber auch beim zusammen kochen, sticken, arbeiten, Hausaufgaben machen, herumalbern, zusammen im Dunkeln sitzen weil Stromausfall ist oder Bus fahren kommt man zum Teilen, zum Lernen und zum Austauschen. Des Weiteren kann ich mein Wissen über Lerntechniken und Grammatik weitergeben (die 10. und 12. Klassen haben im März ihre Abschlussexamen) und meine Ideen in verschiedenen Projekten einbringen. Und vielleicht, ganz vielleicht bringe ich mal jemanden zum Grübeln und dazu, sich in einer Situation anders zu verhalten als sonst.

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Hochzeit (Foto: EMS/Gunstheimer)
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Vorbereitungen für das Mittagessen - Chana Masala (Foto: EMS/Gunstheimer)

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