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Stärker zusammen (Foto: EMS/von der Laden)
11. Februar 2017

#DankeKonfuzius

Bennet

Bennet

Korea
unterstützt die kirchliche Sozialarbeit der PROK
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#DankeKonfuzius

Vor etwa einer Woche war ich sehr hungrig. Ich habe dann das getan, was wohl die meisten Menschen in meiner Situation getan hätten, und bin ins nächstgelegene Korean BBQ Restaurant gegangen. Das Problem war nur, dass man vor Ort erstmal nicht wusste, was man mit mir anfangen solle. Was sucht eine einzelne Person in einem Restaurant? (Spoiler Alert: Essen.) Tatsächlich sind Speisekarten hierzulande oft auf Gruppen ausgelegt. So wird neben den Side Dishes auch üblicherweise das Hauptgericht geteilt. Ebenfalls ist es keineswegs eine Seltenheit, dass der gesamte Tisch aus einer Suppenschüssel löffelt.

Dieser Gemeinschaftsgedanke beschränkt sich hierbei auch nicht nur auf das Essen: Viele Koreaner bleiben solange zu Hause leben bis sie heiraten und mit ihrem Ehepartner zusammenziehen. Wobei selbst in diesem Fall oft nur einer der beiden in das Elternhaus des anderen einzieht. In der Tat habe ich bisher kaum eine Person in ihren Zwanzigern kennengelernt, die alleine wohnt. Teilweise wird das sicherlich finanziellen Beschränkungen geschuldet sein, der elementare Grund ist allerdings der tief in der koreanischen Kultur verankerte "Kollektivismus". Wikipedia glaubt, unter Kollektivismus werde ein System von Werten und Normen verstanden, in dem das Wohlergehen des Kollektivs die höchste Priorität einnimmt. Dieser Gedanke ist wiederum ein Bestandteil des Konfuzianismus, einer insbesondere in Ostasien stark ausgeprägten Morallehre von circa 500 v. Chr. Diese sieht vor, durch das Einhalten gewisser Moralvorstellungen, wie das würdevolle Behandeln anderer Menschen und absolute Loyalität zur Familie, zu einer harmonischen Gesellschaft beizutragen.

Ein Beispiel dafür, wie groß der Einfluss des Kollektivismus auf das koreanische Volk noch immer ist, liefert die Finanzkrise, die das Land 1996 erschüttert hat. Die großen koreanischen Firmen wie Samsung und Hyundai riefen die Bürger des Landes damals auf, ihre Wertgegenstände zu spenden. Es bestand der Konsens, dass die Katastrophe nur gemeinsam abgewendet werden könne. Unter anderem wurden zahlreiche Eheringe und Medaillen von Profisportlern gespendet, was letztendlich nicht unwesentlich zum Ende der Krise beigetragen hat. Und siehe da, heutzutage ist Südkorea eines der am weitesten entwickelten Länder unseres Planeten.

Während die heranwachsende Generation, da der Kapitalismus es so will, sicherlich Teil eines etwas individualistischeren Koreas sein wird, ist der Kollektivismus gerade auf sozialer Ebene noch immer allgegenwärtig. Hier sehe ich im Übrigen durchaus Nachteile: So gehört das gemeinsame Ausgehen (also Saufen (wirklich)) mit den Arbeitskollegen nach Feierabend quasi zum Pflichtprogramm. Wer sich dem entzieht, wird sich berechtigte Sorgen um Benachteiligung vom Chef machen müssen. Zumindest ist es das, was mir bisher jeder Koreaner zu dieser Tradition erzählt hat.

Mir selbst fällt außerdem ständig auf, wie sehr eine Liebesbeziehung zum Social Standing beizutragen scheint. Allzu oft höre ich Leute sich darüber beklagen, single zu sein und wie sehr es ihnen zu schaffen macht, Pärchen auf der Straße zu sehen. Wenn ich die Frage nach einer Freundin verneine, wird sich in der Regel besorgt danach erkundigt, wie ich nur in diese bedauernswerte Situation geraten konnte. Wer allerdings das nicht zu überschätzende Privileg genießt, eine/n Freund/Freundin an seiner Seite zu haben, der lässt sich auch nicht zweimal bitten, es zur Schau zu stellen: Der Trend des Partnerlooks erlebt in Korea zurzeit seinen siebten Frühling. Auch der Wirtschaft ist die intensive Suche nach dem Seelenpartner vieler Adoleszenten nicht entgangen - inzwischen wurde jeder zweite Feiertag zum Quasi-Valentinstag deklariert. Wie zum Beispiel Weihnachten.

Ich bewundere all die Menschen in Korea, die jeden Tag mit einer Selbstlosigkeit bestreiten, von der sich die meisten von uns schon längst verabschiedet haben. Ich bin unfassbar dankbar dafür, dass man sich so sehr um mich sorgt, teilweise ohne mich überhaupt zu kennen. Schade finde ich lediglich, dass man durch den gelebten Kollektivismus Gefahr läuft, seine eigene Identität nicht uneingeschränkt entwickeln zu können. Wie dem auch sei, ich hab letztendlich trotzdem alleine essen dürfen. Ende gut, alles gut.