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Trial and Error
Fehler machen will gelernt sein
Theodor-Schneller-School Amman, 18. November, 17:27.
Am Kaffeetisch vor mir sitzen drei kleine Mädchen, die eifrig in ihre Hefte schreiben. Daneben eine junge Erwachsene, die ihnen in bestimmtem, aber immer freundlichem Ton erklärt, was zu tun ist. Was genau sie sagt, kann ich leider nicht verstehen, soweit reicht mein Arabisch noch nicht, aber es geht scheinbar um Mathe. An zwei Schreibtischen im Nebenraum machen die beiden älteren Schülerinnen selbstständig ihre Hausaufgaben. „Welcome to the girls family“ steht in großen, bunten Buchstaben an der Wand. Es ist das erste Mal, seit ich Mitte Oktober an die Schneller Schule kam, dass ich während der Lernzeit eine Pause habe, weil es heute scheinbar weniger Deutsch und Englisch Hausaufgaben gibt als gewöhnlich.
Aber erstmal eine kurze Vorstellung meiner Einsatzstelle: Die Theodor-Schneller-Schule (TSS) im Osten von Jordaniens Hauptstadt Amman ist ein Bildungszentrum mit Kindergarten, Schule bis Klasse 10 und mehreren Ausbildungsstätten für Handwerksberufe. Ein Teil der Schulkinder wohnt außerdem im angeschlossenen Internat in Gruppen mit bis zu 17 Kindern, die „Families“ genannt werden. Dort sind meine Mitfreiwillige Ailu (bei den kleinen Jungs) und ich (bei den Mädchen), um mit den Kindern zu spielen und eben auch die Fremdsprachen zu üben. Auch wir wohnen auf dem Internatsgelände, allerdings nicht direkt in den Gruppenräumen der Kinder. Anders als die meisten kirchlichen Privatschulen hier, richtet sich die Schnellerschule nicht nur an christliche Kinder aus wohlhabenden Gegenden, sondern auch an Familien aus der direkten Umgebung, die oft nur wenig oder gar kein Schulgeld zahlen können. Dabei ist es egal, welcher Religion sie angehören. So soll gelernt werden, dass auch Muslime und Christen befreundet sein und friedlich zusammenleben können. Durch die kühler werdenden Temperaturen Ende November machte sich bei Ailu und mir bald die erste Erkältung bemerkbar. Infolgedessen war ich froh, als im Dezember die Klausurenphase begann. Dadurch ergaben sich für mich nach der Spielplatzzeit immer häufiger ruhige Momente, zum Lesen, Schreiben und Beobachten. Außer an Tagen vor Deutsch oder Englisch Tests. Dann waren Geduld, Ausdauer und gute Ideen gefragt, um die Mädchen mehrere Stunden lang zum Lernen zu motivieren und mit ihnen die erforderten Inhalte zu üben. Es ist herausfordernd, macht mir aber auch unglaublich Spaß, insbesondere, weil man mit den Kindern viel lachen kann.
Eines Freitagmorgens sitze ich im Gottesdienst in der Sudanese International Church (SIC). Der britische Pastor mit koreanischen Wurzeln predigt auf Arabisch, seine Frau neben ihm übersetzt auf Englisch. Ich genieße die zweisprachigen Gottesdienste und die Vielfalt in der Gemeinde sehr. Es geht um Verse am Ende von 2. Korinther 11, darum, dass wir nicht mit unseren Stärken, sondern mit unseren Schwächen prahlen sollten. Noch lange denke ich darüber nach. Oft berichtet man eben gerne all das Schöne und Gute (vielleicht weil das glücklicherweise auch oft überwiegt). Da mich selbst ehrliche Gespräche über Probleme und Schwierigkeiten sehr ermutigen, nehme ich mir nach dieser Predigt vor, in meinem nächsten Blog voller Stolz von Fehlern und Schwächen zu schreiben…
Bei einem Spiel auf dem Vorbereitungsseminar haben wir gelernt: „In eine neue Kultur geworfen zu werden ist wie ein Spiel spielen, dessen Regeln man nicht kennt.“ Dieser Vergleich beschreibt das unbeholfene Gefühl, zu Beginn meiner Arbeitszeit eigentlich gut. Trotz aller Hilfsbereitschaft können mir die „Spielregeln“ der jordanischen Kultur nicht einfach erklärt oder beigebracht werden. Vieles wo ich nach Regeln und Mustern suche, um es besser zu verstehen, passiert für alle um mich herum eben ganz natürlich. Ich lerne also nach dem Trial-and-Error Prinzip (eng. Versuch und Irrtum). Am Anfang wundere ich mich über alles. Vieles davon wird mit der Zeit normal, aber wenn man bei jeder Bewegung etwas falsch machen könnte, ist es wohl logisch, dass man etwas steif wirkt. Als ich eines Tages versuche all meine „Errors“ aufzuschreiben, nimmt die Liste gefühlt kein Ende: "Ich öffne jemandem die Tür, dem ich nicht die Tür öffnen sollte – Ich erlaube einem Kind etwas, was es eigentlich nicht darf – Ich nehme mir unwissentlich den Teller, der jemand anders gehört – Ich öffne alle Fenster, obwohl ich sie doch schließen sollte –…" Zum Glück ist das Team im Internat sehr geduldig mit mir. Ich merke aber, dass ich es selbst nicht gewohnt bin, ständig Fehler zu machen und das damit verbundene Gefühl ist nun mal unangenehm, denn so sehr ich auch helfen will, fühle ich mich doch oft als Last. Ich habe zwar sicher viele soziale Kompetenzen und Fähigkeiten, aber ich habe sie in Deutschland. Hier muss ich vieles neu lernen und auch neue Ausdrucksformen für meinen Charakter finden – eine Herausforderung, die ich so nicht erwartet hätte. Es haben sich bereits viele Anekdoten zu Problemen mit kulturellen Unterschieden, Sprachbarriere und Sonderbehandlungsbedarf (z.B., weil ich eigentlich Vegetarierin bin) angesammelt. An viele Fragen und Situationen habe ich mich inzwischen gewöhnt, über anderes kann ich rückblickend lachen. Ein Ausschnitt meines Alltags, für den leider weder das eine noch das andere gilt, ist der folgende:
Es ist Dienstagabend, die Zweitklässlerin neben mir schreibt einen Text aus dem Englischbuch ab. Es sind nur wenige Zeilen, aber es ist mühsam. Sie ist müde und kann sich einfach nicht mehr konzentrieren. Ihre gleichaltrige Freundin ist schon fertig und malt. Ich versuche mein Bestes das Mädchen bei Laune zu halten, will ihr vermitteln, dass sie Lücken zwischen den Worten lassen muss, gebe es aber schnell auf, nachdem ich merke, dass sie mich nicht versteht (oder nicht verstehen will) und sich die Stimmung dadurch nur verschlechtert. Als endlich alle Buchstaben im Heft sind, darf ich ihr erleichtert sagen, dass wir fertig sind. Sie läuft zu ihrer Erzieherin und verkündet stolz die frohe Botschaft. Diese öffnet das Heft, schüttelt den Kopf und richtet strenge Worte an die Schülerin, dann wendet sie sich zu mir und erklärt, dass das nicht richtig sei, weil man doch Lücken zwischen den Worten lassen müsse. Sie trennt die Seite aus dem Heft und gibt Anweisung, die Aufgabe nochmal zu machen. Da sitzen wir beiden wieder. Obwohl ich weiß, dass mir niemand die Schuld dafür gibt und diese Situation sicher auch nicht ungewöhnlich ist, fühle ich mich miserabel, es tut mir leid. Fehler auf Kosten der Kinder sind für mich die aller schrecklichsten und auch davon kann ich leider ein Lied singen.
An vieles muss ich mich auch jetzt nach mehreren Monaten noch gewöhnen, unter anderem an einen Alltag, der sich sehr stark von dem unterscheidet, was ich gewohnt bin. Hier habe ich viel Freizeit, jetzt, wo sechs Wochen lang Winterferien sind, sogar noch mehr. Das hatte ich in Deutschland auch, aber dort konnte ich die Zeit problemlos füllen oder sogar überfüllen. Hier gehe ich gerne in den Gottesdienst, spaziere oder jogge auf dem TSS-Gelände, füttere Katzen und treffe mich mit den anderen Freiwilligen. Trotzdem bleibt viel Zeit zum Nachdenken und alles ist ein bisschen anstrengender als in Deutschland (ich brauche auch mehr Schlaf). Eine Bekannte aus der SIC meinte mal zu mir: „Im Ausland sein ohne Sprache und Kultur zu kennen, lehrt sehr viel Demut.“ Bei all meinen Fehlern und Schwächen und der Nachsicht und Hilfe anderer, auf die ich hier angewiesen bin, verstehe ich jetzt, was das heißt. Wo ich schwach bin, zeigt Gott seine Stärke. Dadurch habe ich jeden Tag sehr viele neue Trials und die Errors werden langsam aber sicher seltener.
Jetzt ist es schon Ende Januar. Der Blogeintrag bis hierhin ist bereits im Dezember entstanden, dann verwarf ich ihn und wollte über die Weihnachts- und Neujahrszeit schreiben, die sehr schön und ereignisreich war. Als Julia und Margarete, die beiden Freiwilligen in der Nachbarstadt Salt, meinten, darüber wollten sie auch schreiben, entschied ich mich doch bei diesem etwas schwereren Thema zu bleiben. Also lest gerne die Einträge der beiden, falls euch auch das unbeschwertere, weihnachtliche Jordanien interessiert. Wenn ich versuchen würde all die Erfolge aufzuschreiben, die ich in den letzten hier Monaten hatte, dann wäre die Liste eigentlich noch länger als die mit den kleinen Alltagsfehlern, denn das Positive ist oft so umfassend, dass es sich eher in Prozessen als in Einzelsituationen ausdrücken lässt. „Von den Kindern zum Mitspielen eingeladen werden – Einen Witz machen, über den sie lachen (auch da gab es Errors) – Immer erfolgreichere Kurzgespräche auf Arabisch – Die Feststellung, dass man sich selbstständig in der Stadt, die zu Beginn so fremd war, zurechtfindet…“ Froh kann ich also sagen: Es geht mir gut, ich hatte schöne Feiertage und ich verstehe mich super mit meinen Mitfreiwilligen; ein unglaubliches Geschenk. In den letzten Wochen haben wir (Julia, Margarete, Ailu und ich) gemeinsam mehrere Reisen unternommen, um das Land zu erkunden – es ist wunderschön! Mal sehen, wie der Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag nächste Woche wird, ich bin gespannt und freue mich die Kinder wiederzusehen.
Liebste Grüße,
Caro
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