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Malstunde zu Weihnachten (Foto: EMS/Hildenbrandt)
Malstunde zu Weihnachten (Foto: EMS/Hildenbrandt)
12. Dezember 2018

Willkommen im Elwin Centre

Sophia

Sophia

Indien
arbeitet in einem Heim für Kinder mit geistiger Behinderung mit
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...und der CSI School for the Mentally Retarded

Drei Monate bin ich nun schon hier im Süden Indiens. Für mich selber kaum zu glauben, denn die Zeit verging wie im Flug.

Ihr habt euch sicherlich nach meinen letzten beiden Blogeinträgen gefragt, warum ich bis jetzt nicht von meiner Einsatzstelle berichtet habe, wo diese ja eigentlich das Wichtigste meines Auslandsaufenthaltes ist. Ganz einfach: Es hat wirklich diese drei Monate gedauert, bis ich mich hier eingelebt habe, bis ich einen mehr oder weniger festen Tagesablauf hatte (warum mehr oder weniger, das erfahrt ihr später noch), bis ich die Kinder aber auch die Lehrer und anderen Angestellten besser kennengelernt habe, bis ich meine Aufgaben gefunden habe, bis ich mich an die neue Umgebung und die Gewohnheiten der Menschen hier gewöhnt habe und bis das Elwin Centre so etwas wie mein Zuhause wurde.

Aber nun, wo ich an diesem Punkt angekommen bin, möchte ich euch schnellstmöglich von dem berichten, was ich hier den ganzen Tag mache was sich hinter dem Namen „Elwin Centre“ verbirgt:

Das Elwin Centre wurde im Jahr 1980 gegründet und nach einer englischen Missionarin Namens Alice Elwin benannt, welche bis 1961 auf dem Gelände gelebt hat. Zu Beginn besuchten 13 Schüler die Schule. Heute sind es 118.

Eigentlich ist das Centre wie ein winzig kleines, eigenes Dorf, denn neben der CSI School for the Mentally Retarded gibt es außerdem noch eine Schule für Gehörlose. Jede Schule hat eine eigene Essenshalle mit zugehöriger Küche und eigene Hostel für die Schüler, wobei die Hostel-Gebäude für Jungen und für Mädchen getrennt sind. Außerdem befinden sich auf dem Gelände Häuser für unsere Special Employees, ehemalige Schüler, die aber weiterhin hier wohnen, teilweise bei uns, aber auch teilweise außerhalb arbeiten. Sie haben ein separates Hostel mit Küche und ein Gebäude des Vocational Trainings. Dort werden Dinge wie Schmuck, Taschen, Säfte und vieles mehr, hergestellt, die anschließend verkauft werden. Auch ältere Schüler unserer Schule kommen hier das erste Mal mit Tätigkeiten des Arbeitens in Kontakt und werden in diese Richtung geschult. Des Weiteren haben wir hier eine wunderschöne Kapelle für Prayer, eine große Halle für Veranstaltungen und für Special Food (auch dazu später mehr), einen Sportplatz, Spielplätze, einen kleinen Garten, verschiedene Ställe für unsere Tiere, wie zum Beispiel für Ziegen, Kaninchen, Tauben, Enten und Gänse, und dann wäre da noch neben anderen kleineren Gebäuden das Elwin Cottage, ein kleines Häuschen, welches ich bewohnen darf.

Aber wie sieht eigentlich so ein typischer Tag bei uns aus? Zunächst einmal muss ich dazu sagen, dass es keine typischen Tage gibt. Irgendwie gleicht kein Tag dem anderen und der eigentliche Tagesablauf wird durch Besucher, Functions (Feiern) oder irgendwelche Vorbereitungen, im Moment zum Beispiel für Weihnachten, durcheinander gebracht.

Für die Kinder, manchmal auch für mich, beginnt der Tag gegen 5:30 Uhr mit Aufstehen und Zähneputzen. Um 6 Uhr folgt dann der Morgen-Prayer und eine anschließende Gymnastikeinheit. Bis es um 8 Uhr dann Frühstück für die Kinder gibt, wird sich gewaschen, ebenso die Kleidung, geputzt und alles für den Tag vorbereitet. Beim Essen austeilen unterstütze ich Saral bei ihrer Gruppe, bestehend aus 14 Jungen verschiedenen Alters. Nach jeder Mahlzeit gebe ich diesen dann auch ihre Medikamente. Wenn die Kinder gegessen und ihre Tabletten genommen habe, gehe ich dann auch Essen. Um 9 Uhr klingelt die Schulglocke. Die Kinder machen sich auf den Weg zur Schule und für die Lehrer und mich beginnt der morgendliche Prayer in der Kapelle, bestehend aus zwei Liedern, einer Bibelstelle, die vorgelesen wird und anschließendem Gebet. Danach haben die Kinder bis circa 10 Uhr eine Art Bibelstunde. Bis 10:30 Uhr ist eine kurze Teepause und dann bis zur Mittagspause um 12:30 Uhr Unterricht in den verschiedenen Klassen. In der einstündigen Pause gibt es wieder erst für die Kinder und danach für mich Essen. Anschließend ist bis 15:30 Uhr erneut normal Unterricht. In dieser Zeit mache ich meistens eine Pause und nutze diese, um meine Wäsche zu waschen, was mit der Hand viel Zeit in Anspruch nimmt, mein Cottage sauber zu halten oder einfach mal zu entspannen und ein Buch zu lesen. Es folgt eine halbstündige Spieleinheit für alle Kinder auf dem Schulhof und um 16 Uhr machen sich die Kinder wieder auf den Rückweg zum Hostel. Dort gibt es erst einmal Tee und Snacks und danach sind die verschiedensten Aufgaben zu erledigen. Gegen 17:30 Uhr ist dann alles geschafft und bis 18:30 Uhr steht etwas Freizeit auf dem Programm. Es folgt eine halbe Stunde Prayer und danach gibt es Abendessen. Für die Staff ist um 20 Uhr der Prayer im Hostel. Anschließend gibt es auch für uns Essen.

Ich persönlich habe nicht wirklich feste Aufgaben hier. Zu Beginn ist es mir etwas schwer gefallen, dass mir niemand gesagt hat, was ich zu machen habe und meine Mitmenschen versucht haben, mir jegliche Arbeit abzunehmen, wodurch ich mich sehr oft nutzlos und fehl am Platz gefühlt habe. Allerdings konnte ich mit der Zeit ein paar Sachen finden, die nun zu meinen Aufgaben geworden sind.
In der Schule versuche ich, mich mit Kindern zu beschäftigen, die nichts zu tun haben, und mache mit diesen gelegentlich einfache Übungen zur Stiftführung oder versuche, ihr Gedächtnis ein wenig zu schulen, oder aber, ich bemühe mich einfach darum, sie zum Lachen zu bringen und Spaß mit ihnen zu haben, indem ich sie ein wenig durchkitzele und Blödsinn mit ihnen mache.
In vielen Schülern stecken auch verborgene Talente. So lernen einzelne Kinder sogar ein wenig Englisch, was ich mit ihnen festigen und weiter ausbauen kann. Außerdem helfe ich aber auch den Lehrerinnen dabei, Dinge für den Unterricht herzustellen, zum Beispiel zur Schulung der Motorik, oder die Klassenräume mit einem neuen Wandbild bunter zu gestalten. Nach der Schule, wenn die Kinder noch Aufgaben zu erledigen haben, helfe ich manchmal in der Küche beim Gemüse schneiden für das nächste Essen. Bei so vielen Kindern und den Staff kommt da nämlich einiges an Arbeit zusammen. Haben die Kinder dann frei, so spiele ich ab und zu mit ihnen Ball, wir gehen auf den Spielplatz oder malen etwas. Gelegentlich bringe ich auch meine Ukulele mit zum Hostel, spiele und singe den Kindern vor und lasse sie danach selbst einmal probieren, dem Instrument einen Ton zu entlocken, was dann immer für große Begeisterung sorgt.

In den letzten Wochen kamen dann noch ein paar weitere Aufgaben auf mich zu: Unser Schulleiter Joseph hat nämlich eine Schulmannschaft für ein Fußballturnier für geistig Benachteiligte angemeldet, welches im Rahmen des Staates Tamil Nadu ausgetragen wurde. Allerdings konnte er das Training aufgrund eines Verkehrsunfalls nicht übernehmen. Daraufhin habe ich mich dazu bereiterklärt, zweimal täglich mit sieben unserer Schüler zu trainieren und ich kann überglücklich und stolz sagen, dass sich das für mich viel zu frühe Aufstehen gelohnt hat, denn wir haben den dritten Platz erreichen können.

Aufgrund von Weihnachten studiere ich außerdem einen Tanz mit neun unserer Kinder ein, der zur Christmas-Function der Schule aufgeführt wird. Auch hierfür üben wir zweimal täglich.

Jetzt, wo ich ein wenig vom Elwin Centre und meinen Tätigkeiten hier berichtet habe, möchte ich noch näher auf einige Besonderheiten eingehen:

Eine davon ist das bereits erwähnte Special Food. Dahinter versteckt sich etwas sehr Wichtiges für unsere Schule, und zwar gespendetes Essen von Leuten, die hier in der Umgebung leben. Oftmals spenden Menschen Essen, wenn sie Geburtstag haben oder eine Hochzeit stattfindet. Meistens kommen die Spender dann zum Essen zu uns ins Centre und bevor gegessen wird, singen und beten wir für sie. Aber warum ist dieses Essen so wichtig? Früher noch wurde die Schule von beispielsweise der Kindernothilfe aus Deutschland finanziell unterstützt. Diese Unterstützung gibt es heute aber leider nicht mehr und auch der Staat unterstützt hier in Indien Kinder mit speziellen Bedürfnissen so gut wie gar nicht, was man auch deutlich erkennt, wenn man normale Bildungseinrichtungen mit solchen wie unserer vergleicht. Aufgrund dessen reicht das Geld gerade einmal für ganz einfaches Essen und das Centre ist auf die Spenden angewiesen, um den Kindern ein wenig Abwechslung und etwas anderes als Reis mit lediglich Soße zu bieten. Umso glücklicher macht es mich aber, dass so viele Leute hier Essen spenden, auch wenn sie keine Christen sind. Fast täglich haben wir eine „Special“ Mahlzeit für die Kinder.

Eine weitere Besonderheit ist die Kommunikation mit den Kindern, beziehungsweise die Art und Weise des Lernens. Viele unserer Kinder haben Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Deshalb kann jeder unserer Schüler eine Art Gebärdensprache, die ihm dabei hilft, zu zeigen, was er will oder was ihm fehlt. Aber nicht nur dafür sind die Zeichen gut. Mit Gedächtnisproblemen haben hier nämlich auch einige zu kämpfen. Mithilfe der Zeichensprache fällt es ihnen aber weitaus leichter, sich Dinge zu merken. So wird diese zum Beispiel dafür verwendet, um Gebete, Lieder und Reime auswendig zu lernen. Für mich persönlich sehr beeindruckend, zu sehen, wie wichtig Körpersprache für solch besondere Kinder ist.

Die dritte Besonderheit, von der ich noch kurz berichten möchte, sind die „Special Sundays“ unserer Schule. Dahinter verbirgt sich ein Besuch einiger unserer Schüler und Lehrer bei Gottesdiensten in verschiedenen Kirchen der Umgebung, welche ein- bis zweimal monatlich stattfinden. Unsere Kinder singen während des Gottesdienstes, tanzen oder führen einen kleinen Sketch auf, womit sie den Menschen zeigen können, wie viel eigentlich in ihnen steckt. Außerdem hält der Correspondent der CSI School Mr. Dayalan Barnabas, der auch Pfarrer ist, die Predigt und berichtet darin unter anderem von ehemaligen, aber auch aktuellen Schülern der Schule und wie diese sich entwickelt haben. Nach dem Gottesdienst werden dann die Produkte unsere Schule, die im Vocational Training hergestellt wurden, verkauft und es erstaunt mich immer wieder, wie positiv die Menschen diese Special Sundays annehmen. Auch ich habe für diese Gottesdienste eine persönliche Aufgabe, welche darin besteht, Ukulele zu spielen und ein Lied zu singen.

Trotz all dieser wunderbaren Dinge, die unsere Schule ausmachen, sind für mich die besten Momente immer noch die ganz Kleinen und Unscheinbaren: Wenn die großen Schüler den kleinen und etwas hilflosen ganz selbstverständlich unter die Arme greifen; wenn ein Kind, welches eigentlich nie redet, plötzlich anfängt, loszureden; oder wenn ich es schaffe, ein Lächeln in das Gesicht eines Kindes zu zaubern, welches sonst meistens weint und kaum lacht. Das sind die Momente, die mich auch automatisch glücklich machen und durch die ich auch nach einem schlechten Tag oder einer schlechten Woche sagen kann, dass es sich lohnt, hier zu sein.

Mit diesem Glücksgefühl und einem Lächeln im Gesicht wünsche ich euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2019.

Ich persönlich bin schon sehr gespannt darauf, was dieses neue Jahr noch hier in Indien für mich bereit hält!

Eure Sophia

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Fußballmannschaft der Schule (Foto: EMS/Muthukumar)
Fußballmannschaft der Schule (Foto: EMS/Muthukumar)
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Karthik beim Ukulele-Spielen (Foto: EMS/Hildenbrandt)
Karthik beim Ukulele-Spielen (Foto: EMS/Hildenbrandt)

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