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Gläubige auf dem Weg zum Tempel (Foto: EMS/Hildenbrandt)
Gläubige auf dem Weg zum Tempel (Foto: EMS/Hildenbrandt)
21. Februar 2019

Barfuß auf heiligen Pfaden

Sophia

Sophia

Indien
arbeitet in einem Heim für Kinder mit geistiger Behinderung mit
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5,5 Monate und somit mehr als die Hälfte meiner Zeit hier in Indien sind bereits vergangen. Manchmal kann ich mich gar nicht richtig entscheiden, ob das für mich ein langer Zeitraum ist und das Ende fast zum Greifen nahe ist, oder ob das Wort „Halbzeit“ für mich eher bedeutet, dass ich noch einmal ziemlich lange weit von Zuhause weg sein werde.

Aber in einem Punkt kann ich mir ganz sicher sein: Es ist ein wahnsinnig großes Privileg, die Chance zu haben, hier zu sein und das alles zu erleben, ein Privileg, welches nur sehr wenige Menschen haben. Und für dieses Privileg bin ich unglaublich dankbar. Und egal ob diese 5,5 Monate kurz oder doch ziemlich lange sind, die wertvollen Erfahrungen die ich in dieser Zeit sammeln durfte, sind kaum zählbar und wenn ich jemandem davon berichten soll, dann verliere ich selber den Überblick und weiß gar nicht richtig, wo ich anfangen soll.

Von einer Erfahrung, die ich erst vor wenigen Tagen gemacht habe, möchte ich euch nun berichten:

Wenn man hier in Tamil Nadu einen Felsen oder einen Berg sieht, dann kann man sich eigentlich ziemlich sicher sein, dass sich auf dessen Spitze ein hinduistischer Tempel befindet, ähnlich wie bei uns Kreuze auf den Berggipfeln zu finden sind.

Vor einiger Zeit hat mir meine Freundin Prathiba von einer spirituellen Wanderung berichtet, die viele Hindus jeden Monat zu Voll- und Neumond auf sich nehmen. Diese Wanderung führt auch auf einen solchen Berg, den Berg Sathuragiri, auf dem sich zwei Tempel befinden. Da ich für mein Leben gerne wandere und das hier nicht so wie Zuhause praktizieren kann, war ich natürlich sofort begeistert, als sie mich vor wenigen Tagen fragte, ob ich sie begleiten wolle. Da wir den 9 Kilometer langen Aufstieg nicht in der heißen Mittagssonne machen wollten, nahmen wir früh am Morgen gegen 5 Uhr die einstündige Autofahrt auf uns, um den Startpunkt nicht zu spät zu erreichen. Dort angekommen, trafen wir auf hunderte von Hindus, die darauf warteten, dass die Eingangstore zum Weg geöffnet wurden. Auf dem Platz, auf dem sich die Menschenmassen sammelten, wurden spirituelle Gegenstände, Bilder von Göttern und Steine verkauft, die, wenn man sie anzündet, einen Geruch wie Räucherstäbchen freigeben und deren Dämpfe den Geist befreien und entspannend wirken sollen.

Gegen 6:30 Uhr wurden die Tore geöffnet und nachdem wir einen Eintritt von umgerechnet circa 5 Cent gezahlt haben, ging es los. Egal ob im Christentum, Islam oder Hinduismus, betritt man hier in Indien ein Gotteshaus, so werden die Schuhe ausgezogen. Es hört sich vielleicht erst einmal komisch an, wenn ich euch sage, dass auch die 18 Kilometer lange Wanderung barfuß bestritten wird, aber es war tatsächlich machbar. Auch ich, obwohl das keiner von mir verlangt hat, wollte es einmal ausprobieren und es war im Endeffekt teilweise sogar bequemer, als in festen Laufschuhen.

Als wir starteten, war die Sonne noch nicht zu sehen und der Weg war nur vom riesigen Vollmond beleuchtet, der hier viel größer zu sein scheint, als in Deutschland und wodurch die Stimmung irgendwie ganz besonders war. Während des ersten Kilometers haben wir uns den Weg noch mit vielen anderen Menschen geteilt und der Wegrand war gesäumt von einigen Gläubigen, die auf ein paar Almosen von den Wanderern hofften. 18 Kilometer. Nicht gerade ein Spaziergang. Und trotzdem befanden sich auf der Strecke Leute, die aussahen, als wären sie 90 Jahre alt. Manche mit Gehstöcken. Andere begleitet von jüngeren Familienmitgliedern, die ihnen halfen. Und auch diese bemerkenswerten Personen meistens barfuß. Als ich über die gebrechlich wirkenden Menschen nachgedacht habe, deren Gesichter vom Leben gezeichnet waren und eine ganz persönliche Geschichte erzählten, fiel mir auf, dass ich so etwas in Deutschland nur sehr selten beobachtet habe, wodurch mein Respekt ihnen gegenüber noch weiter wuchs.

Zu Beginn war der Weg noch gepflastert und relativ eben, ohne große Anstiege. Später, als es schon heller war, wurde dieser aber immer unebener, steiler und steiniger. Gelegentlich durchquerten wir einen kleinen Fluss und überquerten große glatte Felsen, in die ein paar Stufen gemeißelt waren. Links neben uns befand sich ein Tal, durch das ein Flussbett führte, welches aber aufgrund der momentanen Hitze und fehlenden Regens komplett ausgetrocknet war. Unsere ständigen Weggefährten waren Affenfamilien, die Babys festgeklammert an den Bäuchen der Mütter. Obwohl wir mittlerweile den Weg nahezu für uns alleine hatten, weil sich die Menschenmassen auseinander gelaufen haben, wurden wir ab und zu von einzelnen Leuten überholt, die den Weg fast schon im Lauftempo absolvierten, für mich bei den Temperaturen undenkbar. Schweißgebadet war ich nämlich auch bei normalem Gehtempo und das, obwohl es noch früh am Tag war. Schon unterwegs standen immer wieder kleinere Tempel, bei denen „Tempeldiener“, ähnlich wie bei uns Pfarrer (die aber nichts erzählen), kurze Rituale abhalten und die Gläubigen beten.

Als wir circa zwei Stunden nach Beginn der Wanderung am Ziel angekommen waren, traf ich auf etwas, das ich nicht erwartet habe: Viele Zelte und Hütten, in denen Essen, Getränke, Blumen, und andere Opfergaben verkauft wurden, fast schon wie ein kleiner Basar. Auch wir kauften Blüten als Opfergaben und einige Öllampen, die für die Götter entzündet wurden. Auch gemauerte Häuser kamen später zum Vorschein. Als ich Prathiba dann gefragt habe, erzählte sie mir, dass die Familien, die die Sachen verkaufen, dort oben leben. Einen Transportlift gibt es nicht, Strom wird nur mit Motoren erzeugt und alles, was die Menschen dort haben und verkaufen, müssen sie nach oben tragen. Teilweise laufen sie den 18 Kilometer langen Weg bis zu dreimal am Tag, jedes Mal mit einem riesigen Sack voller Essen und Kleidung, den sie auf ihren Köpfen balancieren. Einige Meter weiter führten Stufen nach oben zu einem von den zwei Tempeln. Auf einer der Stufen lag eine Kuh, welche von den vorbeilaufenden Menschen kurz berührt, gefüttert und auch angebetet wurde.

Im Tempel selber fand das typische Ritual statt, welches ich schon einige Male beobachtet habe: Die Hindus stehen in zwei Reihen vor der Statur des Gottes, in diesem Fall Lord Shiva, welche sich in einem kleinen extra Tempel befindet, geschmückt mit Blumen, Ketten und Kerzen. Der Tempeldiener hat eine Art Teller, in dessen Mitte sich eine Öllampe befindet. Um die Lampe herum befindet sich weißes Farbpulver. Bevor das Ritual beginnt, werden die Opfergaben abgegeben. Manche Leute legen ein paar Rupien auf den Teller. Andere geben Blumen, Kokosnüsse und Zitronen ab. Danach geht der Tempeldiener mit einer Glocke und dem Teller zur Statue des Gottes. Der Teller mit der Lampe wird in verschiedenen Bewegungen um die Figur bewegt, gleichzeitig die Glocke geläutet. Währenddessen beten die Gläubigen laut vor sich hin, manche singen Lieder. Die Atmosphäre in diesem Moment kann man kaum beschreiben. Mein ganzer Körper war plötzlich mit Gänsehaut bedeckt und die Energie, die von den Gläubigen ausging, machte mir sogar ein wenig Angst. Gefühle, die ich in Indien des Öfteren gespürt habe, machten sich in mir breit. Daraufhin geht der Diener zu den Menschen, welche sich den Rauch der Lampe zufächern, und damit einen Teil des göttlichen Geistes, den die Flamme vorher aufgenommen hat. Anschließend bekommen sie etwas vom weißen Pulver in die Hand, welches sie sich an die Mitte ihrer Stirn machen, dem Punkt, in dem sich alle Energie des Körpers vereint.
(Kurze Nebeninformation: Dieses Pulver, welches die Stirn der Hindus zeichnet sieht man am Häufigsten in den Farben rot, weiß und gelb. Diese Zeichnung nennt sich Tika oder Tilika. Rote Farbe namens Sindoor besteht aus dem Mineral Zinnober, Kurkuma und Zitrone und repräsentiert Lord Shiva. Sie wird außerdem von vielen verheirateten Frauen am Ansatz des Scheitels getragen. Die weiße Farbe war zu früheren Zeiten Asche, welche eine Erinnerung an Verstorbene und den Tod, damit die Kürze eines Lebens, sein soll. Das gelbe Pulver ist aus Sandelholz hergestellt, welches eine kühlende Wirkung auf diesen wichtigen Punkt an der Stirn hat. Das Farbpulver ist das eigentlich Wichtige für den Hinduismus. Der Bindi, also der kleine Klebepunkt, der oftmals auch mit einem Glitzerstein ist, kam erst später als eine Art Schmuck hinzu. Es gibt auch Anhänger anderer Religionen, die ihn einfach nur wegen des Aussehens tragen. So auch ich manchmal, was in meiner Einrichtung aber leider nicht erwünscht ist.)
Die Zeremonie musste aber aufgrund frecher Äffchen gelegentlich unterbrochen werden, da diese ständig versucht haben, die Opfergaben zu stehlen. Als der erste Tempelbesuch beendet war, gingen wir in einen Raum, in dem wir unser Frühstück einnahmen, welches für alle Besucher kostenlos war. Doch bevor mir das gestattet wurde, musste ich meine Schuhe nach draußen bringen, die ich zum besseren Transport an meinem Rucksack hängen hatte. Man musste nämlich nicht nur barfuß sein, es durften sich auch keine Schuhe im Raum befinden.

Danach sind wir dann zum zweiten Tempel gelaufen, der ein paar hundert Meter entfernt lag. Auf dem Weg dorthin wurde ich erneut von anderen Wanderern auf meine Schuhe hingewiesen, die ich vor dem Betreten vom Rucksack entfernen sollte. Was ich dort im diesem Tempel vorgefunden habe, hat mich zugleich erstaunt aber auch erschrocken: Ein Junge, der vielleicht 13 Jahre alt war, half als Tempeldiener, ein Alter, in dem wir in Deutschland draußen mit unseren Freunden Fußball spielen und an etwas wie Arbeit gar nicht denken wollen. Als ich meine Freundin danach fragte, ob die Kinder denn nicht in die Schule gehen, meinte sie, dass vielleicht Ferien wären. Ich hoffe sehr, dass sie Recht hat, allerdings weiß ich auch, dass Schulbildung hier für viele Kinder nicht zugänglich ist und einen ganz anderen Stellenwert einnimmt, als bei uns. In diesem Tempel hat sich Prathiba's Bruder eine Flasche Wasser abgefüllt und diese „segnen“ lassen. Dazu wurden Blätter und etwas vom weißen Pulver in das Wasser gegeben. Anschließend wurde die Flasche vor die Gottesfigur gestellt und ähnlich mit der Glocke und der Ölkerze vorgegangen, wie beim anderen Ritual zuvor.

Als wir uns auf dem Rückweg machten, hatte die Sonne schon fast ihren höchsten Punkt erreicht und brannte erbarmungslos vom Himmel auf uns herab. Ein paar schattenspendende Bäume wurden zu meinen besten Freunden. Mit der Zeit taten die Füße dann doch ein wenig weh, die Kraft ließ nach und auch die Knie begannen beim bergab Laufen zu schmerzen. Das Gefühl von Wärme und Schwitzen, was ich schon am Morgen empfunden hatte, nahm nun ganz andere Ausmaße an. Am Schlimmsten waren die großen Felsen, die von der Sonne extrem aufgeheizt waren, wodurch es sich so anfühlte, als würde ich auf Feuer gehen. Diese Stellen mussten wir im schnellstmöglichen Lauftempo überwinden und setzten uns teilweise sogar kurz hin, um die Fuße in die Luft halten zu können. Das muss für alle beobachtenden Personen sicherlich sehr lustig ausgesehen haben.

Trotz aller Schwierigkeiten wurde aber auch dieser Weg zu einem einzigartigen Erlebnis, da mir auch Menschen entgegen kamen, die ihr Ziel noch nicht erreicht hatten, und ich diese nun viel besser beobachten konnte. So viele unterschiedliche Leute, die das gleiche Ziel verfolgen, habe ich in Indien selten gesehen. Jung und Alt. Gut genährt, aber auch knochig und zerbrechlich. Frauen in traditionellen Saris, aber auch junge Frauen, in dreiviertel langen Sportleggings und offenen Haaren, was normalerweise tabu ist und was ich so in Tamil Nadu noch nicht gesehen habe. Einige der Menschen hörten spirituellen Liedern zu, andere sangen selber, wieder andere beteten laut vor sich hin. Am Wegrand saßen nun auch einige Frauen und Männer, die Getränke und manchmal sogar Eis auf einem Felsen verkauften. Wie Marktschreier versuchten sie, auf ihre Produkte aufmerksam zu machen, indem sie die selben Worte laut und immer wieder im selben Tonfall wiederholten. Viele der Männer, die mir entgegen kamen, trugen Lungis, eine Art traditioneller Rock für Männer. Außerdem begegneten mir die Dorfbewohner mit ihren großen Paketen auf den Köpfen, die sich langsam vorwärts bewegten und jeden Schritt mit Bedacht wählten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Später traf ich noch auf zwei Männer, die gemeinsam einen Holzstab auf ihren Schultern trugen, an dem ein Stofftuch hing. Als sie mir näher kamen, realisierte ich erst, was sich in diesem Tuch befand: die Leiche einer verstorbenen Person. Mit so etwas hatte ich gar nicht gerechnet. Als ich meine Mitreisenden schockiert angeschaut habe, bemerkte ich jedoch, dass der Anblick für sie ganz normal gewesen sein muss.

Nach dem dreistündigen Abstieg erreichten wir übermüdet den Ausgangspunkt unserer Wanderung und im Auto schlief ich sofort ein.

Diese Wanderung war für mich eine sehr schöne und positive Erfahrung, denn ich war einfach mal wieder froh, dem Hobby aus meiner Heimat nachgehen zu können. Der religiöse Teil war natürlich ein Pluspunkt, der das Ganze zu etwas wirklich Besonderem gemacht hat.

Sicherlich werde ich noch viele weitere dieser Erfahrungen in den nächsten vier Monaten machen und ich freue mich schon darauf, diese mit euch zu teilen!

Bis bald!

Eure Sophia

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Basar kurz vor dem Ziel (Foto: EMS/Hildenbrandt)
Basar kurz vor dem Ziel (Foto: EMS/Hildenbrandt)
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Transportlift? Nichts da! (Foto: EMS/Hildenbrandt)
Transportlift? Nichts da! (Foto: EMS/Hildenbrandt)

Kommentare

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DANIEL 12. März 2019 Deutschland
Wie immer toll geschrieben!