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Zusammen mit gehörlosen Schülern haben wir mit den Kindern aus der Taubblindenabteilung einen kleinen Ausflug gemacht. (Foto: EMS/Killgus)
Ausflug mit den taubblinden Kindern
24. November 2016

Alltag kehrt ein

Stephan

Stephan

Jordanien
unterstützt eine integrative Schule für Gehörlose
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Einblick in meine Woche

Inzwischen ist es nicht mehr lange bis Weihnachten und die zu Beginn ungewohnten Abläufe sind Alltag geworden. Die meiste Zeit in der Woche verbringe ich in der Taubblindenabteilung des Instituts, in der ich fast ausschließlich als Lehrer und Bezugsperson von Hazem arbeite. Bevor ich mit Hazem zusammenarbeite, zeige ich ihm meine Gebärde und er weiß daraufhin mit wem er es zu tun hat. So haben wir eine Beziehung zueinander aufgebaut und er drückt mich fest an sich, wenn ich ihn begrüße. Er kennt mich und weiß, was ich von ihm erwarte und testet dabei immer wieder die Grenzen aus, wie das jeder Junge in seinem Alter tut. Immer wieder bin ich beeindruckt, wie selbstständig er durch seinen Alltag geht. So ist es für ihn zum Beispiel kein Problem sich selbst anzuziehen, während mir nur noch die Aufgabe bleibt, seinen Gürtel zuzuziehen und seine Schuhe zu binden.

Auch wenn Kommunikation meistens von mir ausgeht, versteht er, was ich ihm sagen möchte und macht deutlich, ob er etwas zu trinken möchte oder nicht, und zeigt mir in dringenden Fällen selbstständig, dass wir der Toilette dringend einen Besuch abstatten sollten. Er zeigt durch seine Mimik und Gestik deutlich, welche Aktivität ihm Spaß macht oder freut sich lautstark, wenn das nicht immer geliebte Basteln vorbei ist. Auf dem Trampolin zu springen oder zu duschen lässt ihn nicht aufhören zu strahlen und mit der Belohnung, springen zu dürfen lassen sich neue Gebärden in Windeseile erlernen. Jegliche Art der sportlichen Betätigung, Musik (beziehungsweise die Schwingungen) mit bis auf das Maximum aufgedrehten Kopfhörern wahrzunehmen und der Kontakt mit Wasser machen ihn derartig glücklich, dass er alles um sich herum zu vergessen scheint. Um ihn weiter zu fördern, arbeiten wir unter anderem zusammen in der Ausbildungsabteilung des Instituts mit, waschen ein Auto oder schleifen einen Stuhl zurecht. Dass Hazem diese Sachen bewerkstelligen kann, finde ich bemerkenswert und erstaunt mich immer wieder. Es fordert mich heraus, ihm neue Dinge näher zu bringen und seine Konzentration hochzuhalten, aber jeder kleine Erfolg motiviert und bereitet Freude.

Während ich so von Sonntag bis Donnerstag in der Taubblindenabteilung aktiv bin, ändert sich mein Programm freitags, wenn Hazem über das Wochenende (in Jordanien üblicherweise Freitag und Samstag) zu Hause bei seiner Familie ist. Jeden Freitag kehre ich vormittags mit den gehörlosen Jungs die Straßen rund um das Institut und muss hin und wieder ermutigend auf sie einwirken weiterzukehren. Nach dem Mittagessen geht es mit den kleineren Schulkindern auf einen Ausflug zu einem nächstgelegenen Platz, an dem sie spielen und herumtoben können, um ihre überschüssige Energie loszuwerden. Abends bin ich mit den älteren Jungs in der Werkstatt anzutreffen, wenn wir diese aufräumen und auf Vordermann bringen. Trotz der größeren körperlichen Belastung sind diese Aufgaben eine gute Abwechslung und ich schätze es, mich mit den Gehörlosen unterhalten und austauschen zu können. Da ich dieselbe Arbeit wie sie verrichte, bin ich einer von ihnen und sie sind ganz unbefangen mir gegenüber. Ich bin ein Teil der Familie am Institut und auch wenn das in Form der Arbeit viel Kraft und Energie kostet, ist es schön zu wissen, angenommen zu sein und gebraucht zu werden.

Am Institut wird nun jede Möglichkeit genutzt um blinkenden und glitzernden Weihnachtsschmuck anzubringen und ich freue mich auf das Weihnachtfest in neuem Umfeld, das aber schon vertraut auf mich wirkt.

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Im Augenblick des Fotos versuche ich den gehörlosen Kindern zu erklären, dass nur jeweils ein Kind den taubblinden Mohammed im Spielzeugauto anschieben darf. (Foto: EMS/Killgus)
Beim Spielen mit Gehörlosen und dem taubbblinden Mohammed
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Schon mit Arbeitskleidung ausgerüstet drückt mich Hazem fest an sich. (Foto: EMS/Killgus)
Zuneigungsbekundungen vor dem Arbeiten in der Werkstatt