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Geburtstagsfeier im Kinderheim (Foto: EMS/Suwita)
Geburtstagsfeier im Kinderheim
31. März 2020

Individualismus - Kollektivismus

Charlotte

Charlotte

Indonesien
unterstützt eine Einrichtung für Kinder mit Behinderung
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Das erste Mal habe ich diese Begriffe zusammen in unserem zweiten Vorbereitungsseminar in Stuttgart gehört. Was da alles dazugehört sprengt diesen Blogbeitrag um Längen; hier möchte ich mich deshalb auf die vielen Gästen in sozialen Einrichtungen (bei mir das Panti asuhan (Kinderheim) und das RBM) und auf einige kleine Erlebnisse von mir, beschränken.

Worum geht es jetzt überhaupt? Am Anfang war ich ziemlich überrascht, dass es bei meinen beiden Einsatzstellen so üblich ist, dass Leute zu Besuch kommen. Die meisten Gäste, die ich bisher schon im Panti erlebt habe, kamen zu Geburtstagsfeiern und Gäste, die nur vorbeikommen um es sich kurz anzuschauen, ein paar Worte zu sagen und sich von den Kindern was vorsingen zu lassen. Besonders die Geburtstagsfeiern haben in mir zunächst sehr negative Gefühle ausgelöst – reiche Familien, die mit ihren sehr aufgestylten (meistens 1-3 jährigen) Kindern und deren ebenso aufgestylten Freunden und Familie ins Panti kommen. Da gibt es dann manchmal mehr, manchmal weniger Programm durch einen Moderator. Was aber immer passiert, ist das gemeinsame Geburtskuchen Anschneiden der Eltern mit ihrem Kind und das gemeinsame Essen danach. Einfach nur dreist, oder? So den eigenen Reichtum in einem Waisenhaus zu präsentieren und die große Aula dort für eine Feier zu nutzen.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Als einmal wieder Gäste von der Kirche da waren, hat eine Pfarrerin das so erklärt: „Warum ist das Panti so ein beliebter Ort für Geburtstags- und Weihnachtsfeiern? Das ist nicht um zu zeigen ‚wir sind so reich‘, sondern um zu zeigen, wir sind alle Geschwister, egal wo wir herkommen, wieviel Geld wir haben, wir sind alle Familie und möchten zusammen feiern.“ Und es wird dann natürlich auch immer etwas mitgebracht: Reis, Nudeln, Eier, oft auch noch andere praktische Dinge, wie neue Becher, Wäscheklammern oder Eimer für alle. Von Gästen, die super viel mitbringen, z. B. eine neue Gitarre und ein neues Keyboard, zu Gästen, die vorbeikommen um drei Hühner oder ein paar Säcke Reis vorbeizubringen.

Für mich waren diese Besuche am Anfang ein bisschen so, wie als ob die Kinder eine Attraktion wären. Und man dann danach daheim erzählen konnte, man hat die armen Kinder im Waisenhaus besucht (auch wenn die Kinder meistens keine richtigen Waisen sind, sondern oft aus armen Familien kommen und vom Panti das Schulgeld bezahlt wird).

Die oben genannte Erklärung, hat meinen Blick auf die Sache schon ein wenig verändert. Den Gedanke einer Gemeinschaft, die füreinander sorgt, dass Leute da sind die an einen denken, finde ich sehr schön. Es gibt natürlich noch weitere Vorteile: Es gibt hier weniger diese „falsche Scheu“, dass es peinlich wäre nur ein bisschen zu geben, deswegen lässt man es lieber gleich sein. Jeder kleine Beitrag hilft dem Ganzen. Zudem ist die Unterstützung viel regionaler und die Leute können gleich einen direkten Effekt sehen bzw. wissen was mit ihrem Geld und ihren Sachspenden passiert – anders, als wenn man an große NGOs spendet. Dadurch ist es viel näher an den Menschen dran.

Ein großes Problem sozialer Randgruppen in Deutschland ist die Isolierung von der Gesellschaft. Viele Rentner*innen in Altersheimen klagen über Einsamkeit, Obdachlose erzählen, dass sie ignoriert werden und sich unsichtbar fühlen. Das so viele Gäste nicht nur positiv sind, ist klar, aber hier sind die Leute auf jeden Fall sichtbarer. Weihnachtsfeiern im Panti, im RBM, im Gefängnis, Besuche in Altersheimen – das ist hier nichts Außergewöhnliches.

Wo ich die Gemeinschaft hier ganz persönlich zu spüren bekommen habe, war als ich krank wurde: Nachdem ich wegen Typhus einige Nächte stationär im Krankenhaus bleiben musste, war ich doch überrascht, dass mich so viele Leute besucht haben. Teilweise waren dann fünf, sechs Leute in meinem Raum, die sich aber meistens untereinander unterhalten haben, während mir gesagt wurde, ich soll mich ausruhen und schlafen. Ich hatte so tatsächlich den ganzen Tag Besuch und es wurde oft irgendwas mitgebracht, viel Obst aber auch Kekse, Schokolade und Toast. Das ging dann soweit, dass es ganz klar war, dass jemand über Nacht bei mir im Krankenhaus sein muss, um auf mich aufzupassen (da wurde dann auch vom Krankenhauspersonal nachgefragt, ob es jemanden gibt). Dort wurde mir gleich erklärt, dass das typisch für Toraja ist: Das man jemanden, der krank ist, alleine lässt, das darf nicht sein.

Wie stehe ich inzwischen zu dem Thema? Für mich ist es immer noch ungewohnt. Und wenn Leute ins Panti oder RBM kommen und gleich anfangen Fotos zu machen oder zu filmen, dann finde ich es super unangenehm. Gerade bei Sachen wie Fotos, hat Privatsphäre oft andere Grenzen und es ist dann eher in die andere Richtung unverständlich bzw. schwerer nachvollziehbar, wenn Fotos verweigert werden.

Inzwischen kann ich aber die Gedanken dahinter auf jeden Fall viel besser nachvollziehen – eigentlich ist dieser Gedanke von der Gemeinschaft als oberstes Gut auch wirklich schön.

Wie viele von euch bestimmt schon wissen, bin ich aufgrund der aktuellen Situation mit Covid-19 schon früher als geplant aus Indonesien ausgereist. Den Blogpost hatte ich eigentlich schon mehrere Wochen vor meiner Ausreise angefangen, aufgrund des ganzen Stresses am Ende kommt er allerdings erst jetzt online.

Ich hoffe ich konnte ein paar von euch Indonesien etwas näher bringen und ich freue mich, dass ich einige meiner Erfahrungen mit euch teilen konnte. Vielleicht sehe ich den ein oder anderen schon bald wieder, jetzt wo ich wieder in Deutschland bin.

Liebe Grüße,

Charlotte

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Alles von Gästen - teilweise werden Reissäcke sogar verkauft und bei Nudelpackungen läuft das MHD ab (Foto: EMS/Suwita)
Alles von Gästen - teilweise werden Reissäcke sogar verkauft und bei Nudelpackungen läuft das MHD ab
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Viel Dekoration gehört auch immer dazu (Foto: EMS/Suwita)
Viel Dekoration gehört auch immer dazu

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