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Weihnachtliches Indien
Wenn ich an Weihnachten denke, kommen mir Bilder von verschneiten Straßen, duftenden Plätzchen, Kerzenschein und Familienabenden in den Sinn. Doch dieses Jahr war alles anders. Ich hatte das Privileg, das Fest auf eine völlig neue Art zu erleben. Ich war gespannt, wie Weihnachten in einem tropischen Land mit hinduistisch geprägter Kultur gefeiert wird. Was ich erlebt habe, war eine beeindruckende Mischung aus christlicher Tradition, indischer Gastfreundschaft und einer Lebendigkeit, die mich tief berührte.
Meine Zeit in Indien war von Beginn an sehr intensiv, aufregend und inspirierend. Allerdings war kaum ein Abschnitt so angefüllt mit Eindrücken wie die Vorweihnachtszeit. In dieser Zeit habe ich Außergewöhnliches erlebt, gesehen und gehört. Ich hatte zwar erwartet, kulturelle Unterschiede zur deutschen Weihnacht zu finden, doch die Intensität und Schönheit mit der hier Weihnachten gefeiert wird, hat mich sehr beeindruckt.
Angefangen hat die Vorweihnachtszeit schon Anfang November. Im Elwin Centre, dem Heim in dem ich meinen Freiwilligendienst entrichte, haben wir da schon begonnen Weihnachtsdeko in Form von kleinen Kugeln, Bäumchen und Sternen aus Moosgummi herzustellen, die in Gottesdiensten an Gemeindemitglieder verkauft wurde und eine Einnahmequelle des Centres bildete. Da wir viele Wochen lang beinahe jeden Tag die gleichen Motive gebastelt haben, hing mir das ganze gegen Ende zwar etwas zum Hals raus, es war trotzdem eine schöne Einstimmung auf das was da noch kommen sollte.
Eine der schönsten Traditionen, die ich erleben durfte, waren die sogennanten ,,carol rounds“. Wir sind in jeder Dezemberwoche, je drei mal, mit einer großen Gruppe von Männern aus der Gemeinde losgezogen, um Gemeindemitglieder in ihren Häusern zu besuchen. Diese haben wir mit Rollern und Motorrädern erreicht, auf denen selten nur einer saß. Die schiere Menge der Gefährte war jedes Mal aufs Neue beeindruckend. In den Häusern wurden dann laut und leidenschafltich sowohl tamilische als auch englische Weihnachtslieder gesungen. Die positive Energie und die Freude der Menschen war dabei total ansteckend. Da ich kein Tamil spreche konnte ich die meisten Lieder zwar nicht mitsingen, ich habe aber Tambourin gespielt und die Gruppe somit unterstützt. In den Häusern wurden wir immer sehr herzlich empfangen, die Bewohner waren begeistert, dass wir kamen und haben sich über den Gesang und die Gebete sehr gefreut. Von den Leuten wurden wir auch oft zu Tee und Snacks eingeladen oder haben kleine Geschenke bekommen. Auch Spenden für die Gemeinde wurden gesammelt. Mit am beeindruckensten war für mich die Gastfreundschaft der Menschen. Die ist in Indien sowieso schon sehr groß, an Weihnachten hat sich das aber noch einmal mehr gezeigt.
Zusätzlich zu den carol rounds waren wir bei einigen ,,christmas functions“ von anderen Schulen und auch das Elwin Centre hat einige functions gefeiert. Eine function ist eine Weihnachtsfeier, bei der viel getanzt und gesungen wird und bei der mindestens ein Krippenspiel aufgeführt wird. Die Feiern sind immer sehr fröhlich und die Kostüme der Kinder waren glitzernd und bunt. Simon und ich sind bei den functions unseres Heims selbst in die Rolle der Weisen aus dem Morgenland geschlüpft und waren mit prächtiger Kleidung und eigenen Kamelen unterwegs. Das besondere bei den Krippenspielen bei uns war, dass sich echte Tiere um die Krippe versammelten, die Hirten hatten kleine Ziegenbabys dabei und einmal war sogar ein Kalb mit von der Partie. Nach den Feierlichkeiten wurde die ganze Festgesellschaft dazu eingeladen auf dem Gelände zu essen und sich gemeinsam auf Weihnachten einzustimmen.
Ein wenig deutsche Weihnachten konnten Simon und ich auch nach Indien bringen, indem wir ein paar Ausstecherle gebacken haben, wie ich sie wahrscheinlich jedes Jahr irgendwann mal gegessen habe. Das war eine sehr nette Erinnerung, die etwas Vertrautheit in das sonst eher fremdartige Umfeld um uns herum gebracht hat. Die Plätzchen wurden verpackt und in der Bäckerei, die zum Heim gehört, verkauft.
Heiligabend selber haben wir indischen ems-Freiwillige zusammen verbracht. Wir sind am 23 Dezember in den Zug gestiegen und kamen ca. 24 Stunden später in Goa an. Dort haben wir Weihnachten und Silvester unter Palmen und am herrlich warmen Meer verbracht. Auch wenn es total schön war, war Heiligabend doch das einzige Mal in meiner bisherigen Zeit hier, an dem ich Heimweh hatte, weil man das Fest doch eigentlich im Kreis der Familie feiert und das ja auch das Schöne daran ist.
Was mir besonders auffiel, war, das Weihnachten in Indien lang nicht so kommerzialisiert ist wie in Deutschland. Hier steht der religiöse und gemeinschaftliche Aspekt mehr im Vordergrund. Geschenke gibt es zwar, sie sind aber oft symbolisch. Viel wichtiger ist es Zeit miteinander zu verbringen, gemeinsam zu essen und zu feiern.
Mein Weihachten dieses Jahr war alles in allem das aufregendste und eindrucksvollste, das ich bisher erlebt habe. Und auch wenn es so anders war als sonst, blieb die Essenz des Festes doch das gleiche – es ging um Gemeinschaft, Liebe und Dankbarkeit. Vielleicht ist es genau das, was Weihnachten so besonders macht: Es ist ein Fest, das überall auf der Welt unterschiedlich gefeiert wird, aber doch immer die gleiche Botschaft trägt.
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
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