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Mitfreiwillige Melina in der Pausenaufsicht. (Foto: EMS/Bühler)
11. Juli 2017

Das Magische an Typisch-Bolivien-Momenten

Naomi

Naomi

Bolivien
wirkt in einem Kulturzentrum mit
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Mehr als nur Sonnenuntergänge

Es gibt doch diese Momente, die man wahrscheinlich bis an sein Lebensende nicht vergisst. Meistens weil sie auf irgendeine Art und Weise einschneidend waren, weil sie einen gefreut haben, überrascht, traumatisiert – je nachdem. In meiner Sammlung von unvergesslichen Augenblicken sind zum Beispiel einige in ihrer Schönheit nicht zu beschreibende Sonnenuntergänge am Meer, tiefe Gespräche mit Freunden oder eine Schlägerei in der 5. Klasse. Seit meinem Freiwilligendienst gehören auch viele Typisch-Bolivien-Momente dazu.

Selbstverständlich war in Bolivien vieles einschneidend. Vom Essen über die Landschaft bis hin zu den Begegnungen mit Menschen wurde ich immer wieder überrascht von der Andersartigkeit der Dinge. Das bedeutet jetzt nicht, dass ich zehn Monate lang sozusagen dauerüberrascht war: Sobald meine Seele und mein Körper sich an den Rhythmus meines bolivianischen Arbeitsalltags gewohnt hatten, kehrte mehr Ruhe ein. Auch die krassesten Sachen schienen mit der Zeit ein Stück weit ‚normal’ für mich. In der Anfangszeit fand ich es zum Beispiel nervig, dass ich beim Zähneputzen kein Wasser schlucken durfte. Daran habe ich mich aber derart gewöhnt, dass mir zurück in meiner Heimat ab und zu plötzlich begleitet von einem Schwall Begeisterung einfällt, dass ich sogar vom Hahn trinken kann. Mein Freiwilligendienst hat mich in eine andere Kultur und fremde Lebensweise versetzt, die mich die Welt in einer neuen Perspektive sehen ließen. Eine Wahrnehmung des Alltags, die von unvergesslichen Typisch-Bolivien-Momenten geprägt war und die mir den Wert von Freundschaft tiefer bewusst machte. Es war eine Zeit in der die Zuneigung von Kindern ausreichte, um einen schönen Tag zu haben und in der sich manchmal aber auch eine große Ratlosigkeit gegenüber meiner Aufgabe und meinem Dasein breitmachte. 

Anfang März, an einem Tag mit einem so strahlend blauen Himmel wie es nur nach drei Monaten Regen geht, passierte genau ein solcher Typisch-Bolivien-Moment. Meine Mitfreiwillige Melina und ich betraten wie gewöhnlich um 8.30 Uhr das Kindergartengelände, wo sich bereits einige in Dinosaurier mutierte Kinder auf dem Rasen austobten. Von der Profe, unserer Kindergärtnerin, fehlte jedoch untypischerweise jede Spur. Umzingelt von 16 aufgeregten Bengeln warteten wir eine Weile, weil wir noch davon ausgingen, dass die Profe ihren Wecker für ein Mal nicht gehört hat. Um die Kinder nicht die ganze Zeit warten zu lassen, machten wir uns dann auf die Suche nach ihr. Wer zufälligerweise mal in Bolivien ist, sollte unbedingt versuchen, verschiedene Leute auf der Strasse um dieselbe Auskunft zu fragen. Es ist ganz lustig, wie alle sehr freundlich und eifrig weiterhelfen wollen, man jedoch jedes Mal eine andere Information bekommt. :-) Auch an diesem Morgen tischten uns alle etwas ganz anderes auf, so dass wir am Schluss nicht wussten, ob die Grossmutterder Profe gestorben gestorben war, ob sie sich mit ihrem Freund aus dem Dorf verstritten hatte. Jemand meinte sogar, die Eltern des Kindes, das sich aus Unfähigkeit beim Herumtoben vorige Woche den Kopf am Boden angehauen hatte, hätten bei der Schulleitung Klage eingereicht und die Profe sei gefeuert worden. Verwirrt schickten Melina und ich die Kinder für diesen Tag früher nach Hause.

Erst vom Schulleiter, der nicht jeden Tag arbeitet, erfuhren wir anderntags vom Stellenwechsel unserer Profe. Da sie in der Stadt Arbeit in einem Kindergarten nahe ihrer Wohnung gefunden hatte, würde sie nicht mehr kommen. Auf die Schnelle lässt sich in einem so kleinen und zudem auch noch abgelegenen Dorf wie Independencia kein Ersatz finden, erklärte der sympathische Direktor, deshalb hätten sie an uns als neue Profes gedacht. Ein Handschlag genügte, um Melina und mich zu den verantwortlichen Lehrerinnen unserer Kindergartenklasse zu machen, bis ein Ersatz gefunden worden wäre. Für mich ein wirklich Typischer-Bolivien-Moment und gleichzeitig der Anfang einer bunten Zeit voller Spass und Verantwortung. Knapp vier Wochen lang durften Melina und ich im Team mit den Kindern machen, was immer wir wollten. Während wir vorher die Lehrerin unterstützt hatten, selber aber nicht wirklich etwas vorzubereiten oder zu organisieren hatten, verbrachten wir nun Abende über gekleisterten Hühnern und selbstgestalteten Aufgabenblättern, die wir mit den Kindern ausprobieren wollten. Anstatt uns weiterhin mit dem langweiligen Erlernen von Vokalen zu beschäftigen, machten wir das mit den Kindern, was wir während unserer Kindergartenzeit am liebsten gemacht hatten: Spielen, spielen und noch mehr spielen. Trotzdem waren wir so ganz frei nicht, ab und zu schaute der Schulleiter vorbei und wir waren verpflichtet, täglich Hausaufgaben zu verteilen. Obwohl die Hausaufgaben von einigen gerne gemacht wurden, will ich deren Nutzen gerade bei Vierjährigen bis heute nicht so recht akzeptieren. Manchmal kamen wir unerfahrenen Profes auch an unsere Grenzen, mussten in der ein oder anderen Situation aufpassen, dass wir weder schrien noch zu Diktatorinnen wurden. Im Nachhinein meinten Melina und ich sogar, dass wir uns als Profes vielleicht nicht so gemocht hätten, weil wir teilweise zu streng waren oder didaktisch noch etwas ungeschickt :-)

Nach einem Monat traten Melina und ich wieder in die alten Fußstapfen als Hilfslehrerinnen, weil eine neue Profe gefunden worden war. Irgendwie war das sehr schade, irgendwie waren wir auch ein bisschen erleichtert. Die Neue stellte sich bereits nach einem Tag als interessiert, kommunikativ und sehr nett heraus, so dass wir sogar jeden Tag unser Spiel-und-Spass-Programm für eine Stunde oder mehr fortsetzen durften. Obwohl wir unsere wawas, also die Kinder schon vorher lieb hatten, entstand in den letzten Monaten etwas Neues, ganz Besonderes. So zum Beispiel wurden wir durchgehend jeden Tag in der Tür zum Klassenzimmer überrannt und viele holten sich auch während dem Unterricht eine Umarmung bei uns ab. Da die neue Profe nun die seriöse Lehrerin war, die Kinder uns aber auch als Profes respektierten, war es uns möglich, richtig coole Sachen auf die Beine zu stellen. Am Muttertag sang unsere Klasse vor versammelten Dorf ein Lied mit Bewegungen für ihre Mamas. Der Text war auf Englisch und trotz reichlich üben, wurde am Schluss lauthals so etwas wie ‚I love Naomi’ (an Stelle von ‚I love my Mommy’) gesungen. Zum Glück verstehen die wenigsten Bewohner Independencias Englisch!

Für mich sind typisch-Bolivien-Momente eben nicht Volkstänze oder bolivianische Gerichte (obschon die zum Teil wirklich geil sind!). Diese Dinge sind in jedem Land zu finden, auch wenn in anderen Variationen. Ich meine eben die Momente, die ich wahrscheinlich weder in Deutschland noch in der Schweiz so erleben würde und die gerade Bolivien für mich persönlich so besonders machen.

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Essen & Freundschaft nach der Mais-Ernte. (Foto: EMS/Bühler)
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Verwirrte Lamas auf der Fahrbahn. (Foto: EMS/Bühler)