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Die Landschaft um Agogo ist sehr grün und hügelig. (Foto: EMS/Keller)
Die Landschaft um Agogo ist sehr grün und hügelig.
26. November 2019

Unter Profis

Carolin

Carolin

Ghana
unterstützt das Agogo-Hospital
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Viele fragen, ob ich mich inzwischen eingelebt habe. Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten, denn in manchen Dingen tue ich mich immer noch schwer und andere gehen mir schon leicht von der Hand.

Jedenfalls fühle ich mich hier in Agogo sehr wohl. Nachdem ich andere Freiwillige besucht habe, habe ich es hier sehr zu schätzen gelernt. Ich brauche keine Angst zu haben, wenn ich abends im Dunkeln noch mal schnell ein Brot kaufen gehe. Denn die Stände sind nur über die Straße. Ich kann alles zu Fuß erreichen und auf dem Markt bekomme ich alles, was ich brauche. Wenn ich etwas ganz spezielles oder etwas westliches haben möchte, dann gibt es das in Kumasi in der Mall. Das kann ich dann immer gleich mit einem Besuch bei Anton verknüpfen.

Auf dem Markt bewege ich mich schon viel sicherer und habe Stammstände, an denen ich mein Essen kaufe. Inzwischen koche ich auch regelmäßig! Morgens gibt es Müsli oder Toastbot, mittags esse ich in der Kantine und abends koche ich.

In der Kantine gibt es Local Food. Ghanaische Küche habe ich in Deutschland noch nirgends gesehen. Man isst mit der rechten Hand, die linke gilt als unrein. Es ist unhöflich wenn man etwas mit der linken Hand gibt. Dass mit den Fingern gegessen wird, ist für mich noch immer gewöhnungsbedürftig. Ich schaue dabei einfach nicht gerne zu und finde es unappetitlich. Dabei stehen auf den Tischen extra Schalen, Wasserkaraffen und Spülmittel zum Händewaschen.

Das ghanaische Essen ist meistens sehr scharf. Leider bin ich sehr schlecht darin, scharf zu essen. Deshalb esse ich in der Kantine nur Reis, der ist zwar auch scharf aber noch so, dass ich ihn essen kann. Reis wird auf verschiedene Weisen zubereitet. Fried rice ist etwas angebraten mit Gemüse. Jollof rice ist rot und gut gewürzt, leider weiß ich nicht womit. Es ist aber sehr lecker. Da ich in Deutschland schon sehr wenig Fleisch gegessen habe, wurde mir empfohlen zu sagen, dass ich Vegetarierin bin. Das hat sich als eine gute Idee heraus gestellt, denn es wird zu JEDER Mahlzeit entweder Fisch oder Hähnchenfleisch gegessen.

Das wohl typischste ghanaische Essen ist Fufu. Das wird aus Kochbanane und Yam zubereitet. Beides wird gekocht und dann meist im Freien mit Hilfe von Mörser (waduro) und Stampfer (woma) zu einem Brei gestampft. Das hat dann ungefähr die Konsistenz von Kaugummi und schmeckt wie Kartoffelbrei. Das wird dann zusammen mit einer Suppe mit der Hand gegessen. Es gibt mehrere Suppen die dann mit Fufu, Riceballs oder Banku kombiniert werden. Riceballs werden aus Reis gemacht, der zu einem etwas klebrigen Ball geformt wird. Banku wird aus Kassawa, einer Wurzel, gemacht. Dafür wird Kassawa getrocknet und zu Mehl weiter verarbeitet. Das wiederum wird dann mit Wasser unter ständigem Rühren zu einem glatten Teig verkocht. Für Banku gibt es eine ganz besondere Suppe – Okrosoup. Sie ist sehr schleimig und zieht in etwa Fäden wie ein rohes Ei. Andere Suppen die dazu gegessen werden sind zum Beispiel die Lightsoup, sie wird aus Tomate, Zwiebeln, Pepper und Wasser gekocht. Das ist auch wie das „Grundrezept“ für die anderen Suppen. Zur Erdnusssoup wird dann noch Erdnusspaste hinzugefügt und zur Palmnutsoup Palmnut. Und dann gibt es noch Abunebunu, das ist wie die Palmnutsoup nur wird hier dann noch Mailsmehl hinzugefügt.

Aus den Kochbananen lässt sich auch Redred machen. Das sind fritierte Stückchen, die süß schmecken. Das wird zusammen mit Bohnen gegessen. Das waren alles Gerichte, die ich schon mal probiert oder zumindest gesehen habe. Bei meiner Recherche nach einheimischem Essen bin ich noch auf andere Gerichte gestoßen. Zum Beispiel gibt es noch mehrere Arten von Abomu. Das ist wohl so ähnlich wie ein Eintopf zubereitet aus Palmöl, Zwiebeln, Kochbananen und dann wahlweise mit Garden eggs, Tomaten oder Spinat. Das wird dann mit einem in Salz eingelegten Fisch serviert.

Das ist für mich doch alles ziemlich ungewöhnlich. Was wir aber schon in Accra kennen und lieben gelernt haben, ist Indomie. Das sind Instantnudeln, die man sich auf der Straße zubereiten lassen kann. Die Nudeln werden zusammen mit Ei, Salat, Paprika, Karotte, Zwiebel und (für mich ohne) Fleisch und Sardinen gebraten. Und was auch nicht fehlen darf ist, wie immer, Pepper. Das gibt es immer und überall und könnte es auch immer essen!

Abends wenn ich selbst koche gibt es oft eine Gemüsepfanne mit Spiegelei oder Nudeln. Wenn es auf dem Markt Kartoffeln gibt, freue ich mich immer sehr auf Bratkartoffeln. Und inzwischen habe ich sogar schon Spätzle gemacht! Das Kochen ist eine gute Beschäftigung am Abend und macht mir viel Spaß.

Am Straßenrand kann man auch viele leckere Snacks kaufen. Zum Beispiel Fried Yam oder Fried Plantain oder auch Plantain Chips oder auch gegrillte Plantains. Andere Snacks sind Bofro (fritierte Teigbällchen) oder Trinkorangen, das sind Orangen bei denen die äußere Schicht geschält ist aber das Weiße noch dran ist. Wenn man sie oben aufschneidet kann man den Saft aussaugen. Seeehr lecker! In Agogo gibt es an der Hauptstraße mehrere Popcornstände. Das Popcorn wird hier mit Milchpulver gesüßt, das ist süß und noch klebriger. Bisher kannte ich Popcorn nur aus dem Kino, aber hier gibt es das überall ganz frisch zu kaufen.

Aber jetzt zurück zu der Frage, ob ich mich eingelebt habe. Ich habe gemerkt, dass ich mich viel selbstsicherer bewege. Da ich fast jedes Wochenende reise, ist das keine Schwierigkeit mehr. Man reist von Stadt zu Stadt mit einem Trotro oder Bus. Trotros sind alte Sprinter, in die ungefähr 15 bis 20 Personen passen. Sie haben keine Fahrpläne sondern fahren ab, wenn sie voll oder auch überfüllt sind. So lässt sich eine Reise nie genau planen und man muss spontan und flexibel sein.

Mein Englisch hat sich auch schon ein wenig gebessert. Ich gehe Gesprächen nicht mehr aus dem Weg sondern freue mich sogar wenn sich jemand mit mir unterhält. Trotzdem wünschte ich, es wäre besser.

Mein Tagesablauf hat sich inzwischen eingependelt. Ich bin dabei geblieben um 8:00 Uhr anzufangen. Wir basteln und malen viel, das Unterrichten ist noch eine Herausforderung. Welches Kind hat welchen Wissensstand, welche Aufgabe hat den richtigen Schwierigkeitsgrad? Auch sind sie nicht leicht zu motivieren, die Spielsachen sind doch viel interessanter! Da sie freiwillig kommen haben sie auch keine Verpflichtung zu bleiben. So herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, da sie auch immer wieder zum Arzt gehen müssen, Medizin nehmen oder zum Verbandswechsel. Oft sitze ich in dem Raum oder bin in den Patientenzimmern und habe nichts zu tun. Deshalb habe ich nun nachgefragt, ob ich nachmittags woanders arbeiten kann. Zum Beispiel würde ich gerne schneidern lernen oder im Kindergarten bei mir hinterm Haus arbeiten. Seit Mitte November arbeite ich nachmittags in der Krippe. Dort bin ich viel mit trösten und laufende Nasen putzen beschäftigt. Aber es ist schön, das Lachen der Kinder zu sehen wenn ich mit ihnen herum blödel.

Von Montag bis Freitag ist jeden Abend in der Stunde vor dem Sonnenuntergang Volleyball. Das ist die Zeit, in der es nicht zu heiß ist, um Sport zu machen. Dort spiele ich mit Angestellten aus dem Krankenhaus und Lehrern aus Agogo zusammen, richtige Profis. Da sie seit Jahren jeden Abend Volleyball spielen sind sie richtig gut und ich kann noch lange nicht mithalten. Aber ich habe jetzt viel Zeit, um das zu üben. Die Sonne geht ruckzuck unter, pünktlich um 18 Uhr ist es dunkel. Dann stirbt auch langsam das Leben auf der Straße aus. Der Tagesrhythmus ist bei den Einheimischen etwas anders als ich es aus Deutschland kenne. Wenn die Sonne untergegangen ist, gehen die meisten schlafen. Das empfinde ich als sehr früh. Dafür stehen sie dann auch sehr früh – gegen 4 Uhr morgens – wieder auf.

In meiner Freizeit bin ich mit dem Haushalt gut beschäftigt. Handwäsche ist ziemlich zeitaufwändig! Wie oben schon erwähnt ist auch das Kochen eine gute Beschäftigung. An meinen Herd habe ich mich inzwischen gewöhnt. Trotzdem verbringe ich nur wenig Zeit in der Küche, denn ich bereite alles zum Kochen in meinem Zimmer vor. Eine weitere Aktivität hier findet Mittwochabends statt. Da gehe ich zum Chor. Offiziell beginnt der Chor um 18:30 Uhr doch das bedeutet in Ghana dass der Chor erst um 19:00 Uhr beginnt. Bei einer Verabredung mit Deutschen und Ghanaern ist es immer ratsam zu fragen, ob man nach ghanaischer oder deutscher Zeit kommen soll.

Das ist eine der unklaren Grenzen. Es gibt nicht immer klare Linien und Abgrenzungen. Dass die Zeit nicht so genau genommen wird, ist für mich schon normal und ich habe es auch schon angenommen. Auch die Familienverhältnisse sind nicht so klar wie ich sie aus Deutschland kenne. Freunde oder Verwandte werden herzlich aufgenommen und wie eigene Kinder behandelt. Wenn andere Weiße im Krankenhaus zu Besuch waren, wurden wir immer in Verbindung gesetzt und auch als Schwestern beziehungsweise Brüder bezeichnet. Für die Einheimischen gehören wir einfach zusammen. Die Begriffe, die die Familienverhältnisse beschreiben, werden freier verwendet. Noch ein Unterschied liegt in der Arbeit. Die Marktfrauen oder die Besitzer einer der Straßenstände sitzen den ganzen Tag an ihrem Stand und warten auf Kunden. Manche haben auch nicht nur den Stand als Job sondern arbeiten noch woanders. Es ist, glaube ich, gewöhnlicher mehrere Jobs zu haben als einen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich in Ghana sehr wohl fühle. Mir gefällt das Leben, die Einfachheit, die Spontaneität und die Aufgeschlossenheit. Es ist schön in den Tag hinein zu leben und nicht schon alles Monate im voraus zu planen, sondern auch erst mitten in der Woche zu entscheiden, dass man am Wochenende wegfährt. Das einzige woran ich beziehungsweise wir Freiwilligen schon länger Planen ist der Weihnachtsurlaub. Darauf freue ich mich schon sehr! Weihnachten ohne Familie, Tannenbaum und Plätzchen wird bestimmt ziemlich anders! Besonders, da wir an den Strand fahren wollen. Mein Plan für dieses Weihnachten ist Surfen lernen! Mal sehen, ob das funktioniert – ich bin gespannt!

 

 

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Streetfood (Foto: EMS/Keller)
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Mein normales Mittagessen: Fried Rice mit Redred und Salat (Foto: EMS/Keller)

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