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Ein Topf mit Egwan auf dem Feuer in unserem Hof (Foto: EMS/Müller)
Ein Topf mit Egwan auf dem Feuer in unserem Hof (Foto: EMS/Müller)
21. Mai 2019

Wie erstmal Ungewohntes zu Alltag wird

Johanna

Johanna

Kamerun
arbeitet in einem Krankenhaus und einer Schule mit
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Mein Alltag - so ganz anders und doch ähnlich

Hallo zusammen,

wie ihr an der Überschrift schon seht, soll es diesmal ein bisschen um meinen Alltag hier gehen oder das, was hier zu meinem Alltag wurde. Ich versuche darauf einzugehen, indem ich euch eine typische Woche von mir beschreibe.

Montag bis Freitag klingelt um 6.00 Uhr mein Wecker. Nicht immer, aber oft stehe ich dann gleich auf und helfe zum Beispiel meinem jüngeren Gastbruder beim Spülen oder meinen Gastschwestern beim Putzen. Je nachdem, was es halt zu tun gibt. Besonders am Anfang war das noch nicht so, weil meine Gastgeschwister oft nicht wollten, dass ich ihnen helfe. Dadurch saß ich manchmal nur da, während alle anderen ihre festen Aufgaben hatten und wollte eigentlich helfen, wusste aber nicht was. Inzwischen weiß ich aber besser, was zu tun ist und kann dann zumindest manchmal einfach was machen, auch wenn sie nicht danach fragen, und auch meine Gastgeschwister fragen mich eher mal, ob ich ihnen helfen kann.
Nacheinander waschen sich dann alle vier Kinder, die in die Schule gehen, und ich im Bad. Waschen bedeutet bei uns, dass man sich mit einem Eimer Wasser duscht, weil es im Bad keine Dusche gibt. Am Anfang war es schon ungewohnt keine Dusche zu haben, aber inzwischen ist es komplett selbstverständlich für mich und wenn ich mal wo bin, wo es eine Dusche gibt, kommt es mir eher wie Luxus vor. Bei uns im Bad gibt es einfach im Boden einen Abfluss, sodass man gefahrlos das ganze Bad unter Wasser setzen kann, wenn man sich wäscht – welches Kind in Deutschland würde das nicht gerne mal machen?
Bis Februar gab es bei uns im Haus nur sehr selten fließend Wasser. Während der Regenzeit war das kein so großes Problem, weil man dann Regenwasser auffangen konnte. In der Trockenzeit, also vor allem Dezember bis Februar, war es aber sehr anstrengend, weil das bedeutet hat, dass wir fast alles Wasser, das wir gebraucht haben, erstmal von einem anderen Haus holen mussten, wo Wasser geflossen ist. Das lag nicht daran, dass die Wasserversorgung hier überall so schlecht ist, sondern weil eine größere Leitung kaputt war. Inzwischen ist sie aber repariert und es gibt fast jeden Tag fließend Wasser, nur wenn zu viele Leute, die weiter unten wohnen viel Wasser benutzen, kommt es nicht bis zu uns nach oben. Es gibt aber auch viele Häuser, vor allem in der Stadtmitte und in der Nähe der Hauptstraßen, wo es immer fließend Wasser gibt.

Bevor ich in die Arbeit gehe, esse ich normalerweise noch etwas. Das kann von Reis mit Stew über Brot mit Avocado bis hin zu Pfannkuchen alles sein. Pfannkuchen sind schon die Ausnahme, weil normalerweise das Essen vom Abend davor nochmal aufgewärmt wird. Wenn Brot im Haus ist, gibt es aber oft Brot mit Tee und/oder Avocado. Avocado ist eine von vielen Früchten, die es in Deutschland schon auch gibt, hier aber wirklich an jeder Ecke und auch deutlich besser. Andere Früchte, die es hier viel mehr und besser gibt sind Ananas, Melone, Banane, Papaya, Guave und bestimmt noch ein paar an die ich gerade nicht denke. Die werde ich wieder in Deutschland definitiv vermissen. Im Gegensatz dazu gibt es Äpfel hier zwar schon, aber sie sind sehr teuer, weil sie importiert werden. Im Prinzip ist es also genauso wie in Deutschland, nur mit den Früchten umgekehrt.

Wenn ich nicht zu Hause esse, kaufe ich mir vor dem Krankenhaus etwas zu essen. Das ist ein weiterer Punkt, der für mich inzwischen so selbstverständlich ist: Dass es an jeder Straße und überall kleine Läden mit Essen gibt. Es gibt Läden, wo man von Stiften über Waschpulver bis hin zu Brot alles kaufen kann, wo es dann auch vor allem Brot mit Aufstrich oder beispielsweise Ei zum Essen gibt. Genauso gibt es aber auch Stände, bei denen man sich zum Essen reinsetzen kann und wo es dann oft jeden Tag zwei oder drei verschiedene warme Gerichte zur Auswahl gibt. Diese Gerichte werden zu Hause vorbereitet und dann in Warmhalteboxen mitgebracht. An der Hauptstraße gibt es außerdem viele Stände, wo Fleisch oder Fisch gegrillt oder frittiert wird.

Nachmittags kommt es dann immer darauf an, was ich zu tun habe. Manchmal schreibe ich zum Beispiel einen Blogeintrag oder E-Mails, manchmal putze ich mein Zimmer, wasche Kleider, helfe den anderen bei etwas im Haus, sitze mit meinen Gasteltern im Wohnzimmer oder ich rede einfach mit meinen Gastgeschwistern. So geht die Woche meistens ganz schön schnell vorbei.

Samstags muss ich dann zwar nicht für die Arbeit um 6.00 Uhr aufstehen, aber viel später stehe ich normalerweise trotzdem nicht auf. Hier gibt es kaum einen Tag an dem meine Gastgeschwister nach 6.00 Uhr aufstehen und dann will/kann ich auch nicht viel länger schlafen. Meistens putze ich morgens erstmal mein Zimmer und wasche meine Kleider. Das ist auch etwas, was inzwischen so selbstverständlich anders ist, dass ich meine Kleider mit der Hand wasche.
In meiner ersten Woche haben mir meine Gastschwestern versucht beizubringen wie man richtig mit der Hand wäscht. Nach dem ersten Mal waschen hatte ich aber sogar Wunden an den Fingern, entweder weil ich mich einfach zu blöd angestellt habe oder weil meine Hände nicht daran gewöhnt waren oder beides. Es hat ein bisschen gebraucht, bis ich es hinbekommen habe so zu waschen wie die Leute hier, inzwischen kann ich es aber doch deutlich besser, wenn auch immer noch nicht so schnell wie meine Gastschwestern. Wenn das Waschen samstags erledigt ist, esse ich dann was. Wenn ich schon um 6.00 Uhr aufstehe und dann vielleicht um 10.00 Uhr mit Waschen und Putzen fertig bin, habe ich um die Uhrzeit, wo ich in Deutschland manchmal erst aufgestanden bin schon einiges geschafft. Das finde ich eigentlich echt gut und ich will versuchen, mir das frühe Aufstehen ein bisschen beizubehalten, wenn ich zurück bin, auch wenn ich nicht so überzeugt bin, dass das klappt :D
Danach ist dann meistens ein bisschen Zeit um sich auszuruhen bis angefangen wird zu kochen. Gekocht wird hier zum größten Teil im Hof, was ich definitiv vermissen werde. Ich genieße es sehr, so viel Zeit draußen zu verbringen und draußen ist es auch nicht so schlimm, wenn man ein bisschen mehr Dreck macht. Je nachdem was wir kochen, wird es auf dem Gas oder über dem Feuer gekocht. Wenn es etwas ist was lange kochen muss, machen wir es normalerweise über dem Feuer, weil Feuerholz billiger als Gas ist. Das ist aber auch nicht bei jeder Familie hier so, es gibt auch viele Familien bei denen nur über dem Gas gekocht wird.

Samstags ist für die meisten Leute auch der Tag um auf den Markt zu gehen. Wenn ich ohne meine Gastmutter auf den Markt gehe, laufe ich meistens aus unserem Viertel bis zur Hauptstraße. Dort nehme ich dann ein Taxi bis zum Markt. Der Verkehr hier wird definitiv von Taxis und Motoradtaxis dominiert. Ein Taxi kostet innerhalb der Stadt (fast) immer 100 Franc CFA, das sind umgerechnet etwa 15 Cent. Wenn ich in die Stadt fahre nehme ich lieber ein Taxi als ein Moto, weil es sicherer ist. Taxis fahren normalerweise aber nicht bis in die Viertel, sodass ich, wenn ich das Stück in unserem Viertel nicht laufen will dann doch ein Moto nehme.

Der Markt hier wirkt auf den ersten Blick sehr unübersichtlich und chaotisch. Wenn man ein paar Mal da war, findet man aber schnell ein System raus. Es gibt verschiedene Blocks mit verschiedenen Sachen. Zum Beispiel ein Block mit Küchengeräten, einer mit Gemüse, mit Fleisch, mit Kleidern, mit Schuhen und einer mit Technik. Inzwischen finden wir uns auch schon deutlich besser zurecht. Dadurch wird ein Marktbesuch schon sehr viel angenehmer, weil es grundsätzlich doch relativ anstrengend ist. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass man ständig von allen Seiten angesprochen wird, damit man etwas kauft. Das ist nicht nur bei uns so, aber ich merke schon, dass Ruth und ich alleine deutlich mehr angesprochen werden, als wenn wir mit kamerunischer Begleitung unterwegs sind. Dieses Angesprochen werden gibt es nicht nur auf dem Markt, sondern fast egal wo wir unterwegs sind. Mit der Zeit habe ich mich aber auch daran gewöhnt und je nach Laune können so auch sehr lustige Gespräche entstehen.

Sonntagvormittag ist Gottesdienst. Der fängt um 9.00 Uhr an, was aber nicht bedeutet, dass davor keine Zeit mehr wäre etwas im Haus zu arbeiten. Ich bin meistens zwischen 9.00 und 9.30 Uhr an der Kirche, was immer noch als pünktlich akzeptiert werden kann. Der Gottesdienst fängt schon meistens gegen 9.00 Uhr an, bis alle Leute da sind, kann es aber noch bis zu einer Stunde brauchen. Im Vergleich zu meiner Gemeinde in Deutschland ist es deutlich mehr Liturgie im Gottesdienst, was ich erstmal lernen musste, vor allem, weil es ja auf Englisch ist. Inzwischen gehört aber auch das für mich fest zu den Gottesdiensten dazu. Und auch wenn es mehr Liturgie ist, sind andere Teile des Gottesdienstes deutlich lebendiger. Nämlich immer dann, wenn gesungen wird.

Ich denke, viele Leute haben eine sehr klischeehafte Vorstellung von stundenlangen afrikanischen Gottesdiensten mit Trommeln und vielen sehr typisch afrikanischen Kleidern. Zum Teil trifft das hier schon zu, zum Teil aber auch nicht. Ja, vor allem Ältere haben oft geschneiderte Kleider aus den Stoffen hier, es gibt aber auch viele, die andere Kleider anhaben. Genauso gibt es zwar Musik mit Trommeln, es gibt aber auch eine Band, die mit Keyboard, Schlagzeug und Gitarre spielt. Zu dem klischeehaften Bild eines afrikanischen Gottesdienstes gehört natürlich auch dazu, dass unglaublich viel getanzt wird. Es kommt immer auf den Gottesdienst und auf die Leute an, ob das zutrifft. In manchen Gottesdiensten ist die Stimmung einfach nicht so gut oder es werden nicht die richtigen Lieder gespielt, sodass nicht so viel getanzt wird. In anderen Gottesdiensten wird aber sehr viel getanzt. Grundsätzlich tanzen außerdem vor allem die Jugendlichen. Bei den Erwachsenen schon auch manche, aber nicht so viele und so begeistert. Irgendwie also auch wieder ähnlich wie in Deutschland. Nach dem Gottesdienst wünschen sich alle einen schönen Sonntag und gehen nach Hause.

Sonntagnachmittags wird hier meistens erstmal gekocht. Später kommen dann manchmal Leute zu Besuch oder wir besuchen jemanden. Wenn man hier jemanden besucht ist es oft so, dass man in einer Warmhaltebox ein bisschen von dem Essen mitbringt, was man zu Hause hat. Dafür wird einem dann garantiert auch Essen angeboten. Wenn diejenigen, die man besuchen will nicht da sind, lässt man einfach das Essen da und richtet ihnen so quasi die Grüße aus. Dass ein Besuch angekündigt wird ist eher selten, außer man kommt von weiter oder bleibt länger da. Das finde ich auch sehr schön hier, die spontane Gastfreundschaft, dass ein Besucher nie rausgeschmissen wird und mit Sicherheit immer irgendwas zu essen gefunden wird.

Das war sie dann meine Woche mit allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu einer typischen Woche in Deutschland. Nein, ganz sicher nicht alle, das kann man gar nicht alles aufschreiben, aber doch ein paar Eindrücke, die euch hoffentlich eine bessere Vorstellung von meinem Alltag hier geben.

Viele Grüße, Johanna

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Blick auf das Krankenhaus (Foto: EMS/Pascall)
Blick auf das Krankenhaus (Foto: EMS/Pascall)
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Der Markt in Bafoussam (Foto: EMS/ Körner)
Der Markt in Bafoussam (Foto: EMS/ Körner)

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