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Ein Bus vor der Husseini Moschee im Zentrum Ammans (Foto: EMS/Kollert)
Ein Bus vor der Husseini Moschee im Zentrum Ammans (Foto: EMS/Kollert)
08. April 2019

Mein Weg durch Amman

Lisa Luka

Lisa Luka

Jordanien
arbeitet in der Theodor-Schneller-Schule mit
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Liebe Leser*innen,

Lang ist es her, seit mein letzter Blogeintrag online gegangen ist – bitte entschuldigt, dass ich euch hier nicht auf dem Laufenden gehalten habe. In den letzten Monaten ist vieles geschehen: die Vorweihnachtszeit, Festtage, Jahreswechsel, Halbjahresferien und das Zwischenseminar – das sind nur einige der Meilensteine. Aber was sich bei mir in der letzten Zeit v.a. getan hat, sind die “schleichenden“ Entwicklungen.
Das Auf und Ab eines Freiwilligendienstes habe ich durchlebt, dabei langsam besser Arabisch gelernt und das als Schlüssel zu den Menschen und einem glücklicheren Erleben hier empfunden. Mit der Zeit habe ich mich immer besser eingelebt, inzwischen fühle ich mich wohl und versuche, die plötzlich so wenig verbleibende Zeit noch gut zu nutzen, aber auch zu genießen.

Aus meinem lieb gewonnenen Alltag möchte ich euch gerne etwas erzählen, was zum festen Bestandteil meines Lebens hier geworden ist: Die Bus- und Fußreise von der Schneller-Schule zu meiner Sprachschule in Amman. Denn obwohl ich meist grob angebe, dass ich in Amman lebe, liegt das Gelände der Theodor-Schneller-Schule tatsächlich am nordöstlichen Rand der Stadt und gehört seit der jüngsten Distrikts-Reform sogar zum Governorate (dem Bezirk) der nächsten Großstadt Zarqa. Lange Rede kurzer Sinn – um nach Amman reinzukommen, fahren wir Freiwillige mit dem Bus zwischen einer dreiviertel bis zu eineinhalb Stunden. Ein langer Weg, den ich inzwischen in- und auswendig kenne, denn mindestens zweimal die Woche lege ich die ca. 15 km zur Sprachschule zurück.
Eine solche Fahrt, und damit einen kleinen Einblick in das hiesige Alltagsleben, möchte ich euch also einmal beschreiben:

Der Weg beginnt etwas gefährlich, denn sobald ich das Gelände der TSS verlasse, gilt es erst einmal die viel befahrene Straße, an der die Einrichtung liegt, zu überqueren. Dabei gibt es hier keine Ampel oder Zebrastreifen, dafür aber immer einige nette Autofahrer, die bremsen und einen herüberlassen. Trotzdem braucht es beherzte Courage für die ersten paar Schritte in den Verkehr. Ansonsten gilt die Devise: “Irgendwann kommt die große Lücke!”.
Auf der richtigen Straßenseite angekommen, fange ich an nach einem Bus Ausschau zu halten. Denn wenn nicht gerade Stoßzeit ist, halten die Busse auf einen Handwink überall, um Mitfahrer aufzunehmen. Sobald einer der kleinen weißen Busse hält und ich eingestiegen bin, geht es daran einen Platz zu finden.


Hier in Jordanien habe ich es seit einem halben Jahr noch nie erlebt, dass eine Frau im Bus stehen muss. Selbst wenn schon alle Plätze belegt sind, überlässt mir jemand seinen Sitz - ganz egal wie sehr ich anfangs noch abwehrte und beteuerte, dass ich auch stehen kann. Dass Frauen sitzen dürfen/müssen, scheint Priorität Nummer eins zu sein. Nach Frauen sind ältere Herren dran, in einem vollen Bus stehen also in der Regel nur junge Männer. Priorität Nummer zwei ist die möglichst geschlechtergetrennte Sitzordnung: Frauen sitzen nebeneinander oder auf Einzelsitzen. Dafür sorgt auch schon mal der Geldeinsammler, indem er die Fahrgäste so herumdirigiert, dass es passt. Diese Regel kann aber durchaus auch gebrochen werden: Wenn es gar nicht zu vermeiden ist, kommt es deshalb schon mal vor, dass Männer neben Frauen sitzen - vorzugsweise aber mit einem gewissen Abstand.

Wie sieht es in den Bussen hier aus? Es gibt unterschiedliche Modelle: kleinere weiße mit ca. 20 Sitzplätzen, aber auch größere bunte, wie sie in Deutschland üblich sind. Anders als bei mir zuhause haben aber alle Busse hier Vorhänge und zu öffnende Fenster – was sich im Sommer als lebensrettend erweist!
Während ich im ersten Bus sitze und draußen vor dem Fenster erst Marka und dann Amman vorbeiziehen, kommt früher oder später jemand vorbei, um den Fahrpreis einzusammeln. Bis auf diesen kurzen Kontakt habe ich die ersten Monate meist schweigend aber neugierig aus dem Fenster gesehen. Je besser nun meine Sprachkenntnisse werden, desto öfter kommt es auch zu einer Unterhaltung mit meiner*m Nebensitzer*in. Diese kurzen Gespräche sind meistens eher oberflächlich und doch mag ich die freundliche Art, mit der die meisten Menschen hier mit mir umgehen. Sei es die 8-fache Mutter, die Lehramtsstudentin oder der Physikprofessor – die Busgesellschaft ist wirklich interessant!


Was passiert sonst so während einer Busfahrt? Manchmal wird man von der Polizei angehalten, ein Uniformierter sammelt die Pässe der Männer ein, nimmt sie für einen Moment mit nach draußen und teilt sie dann wieder aus. Einmal hatte ein Fahrgast einen Krampfanfall und die Männer um ihn herum haben sich fürsorglich um ihn gekümmert und den gesamten Bus zum nächsten Krankenhaus dirigiert, wo der Betroffene aufgenommen wurde. Hin und wieder habe ich Streit zwischen dem Fahrer und seinem Mitarbeiter oder einem anderen Fahrer erlebt – meist ist es aber ruhig und irgendwie sehr gemeinschaftlich im Bus. Fast immer gibt es allerdings Stau, ein 'running gag' hier in Amman – die Verkehrssituation ist tatsächlich festgefahren..

Ansonsten sehe ich während der Fahrt ganz gerne aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Menschen und Häuser: Schulkinder, Moscheen, Müllverbrennung, Einkaufende, Krankenhäuser, Werkstätten, Verkehrspolizisten, Wohnblocks, Zeltlager, die Taxi-Station und schließlich der Busbahnhof Raghadan.

Hier ist die Endstation bzw. die Verbindungsstelle zu allen weiteren Bussen. Ihr müsst euch einen geschäftigen Platz vorstellen, denn Raghadan ist nicht nur eine der Hauptbusstationen in Amman, sondern zur gleichen Zeit auch ein Markt, auf dem man von Gemüse über Kleidung bis hin zu Handys alles mögliche bekommen kann. Anfangs war ich in diesem bunten Treiben erst einmal sehr verloren und wusste nicht, welchen der gut 20 bereitstehenden Busse ich nehmen sollte.
Aber mein Aussehen und Auftreten rief schnell einige der pausierenden Fahrer auf den Plan und ich wurde immer hilfsbereit angesprochen, wohin ich denn möchte und dann zu dem richtigen Bus geführt. Inzwischen kenne ich mich zwar aus, aber ich werde trotzdem noch so gut wie jedes Mal herausgepickt und angesprochen. Tatsächlich habe ich in Raghadan aber auch fast noch nie andere Weiße gesehen – ich habe das Gefühl, die meisten Touristen und auch die hier wohnenden Europäer, die ich kenne, fahren lieber mit dem Taxi oder Uber als das Bussystem zu nutzen.


Sobald der richtige Bus und darin wieder der richtige Platz gefunden ist, geht es weiter. Hier in Raghadan und auch an den andern Busstationen in Amman gibt es keinen Fahrplan mit geregelten Abfahrtszeiten, sondern die Busse warten bis sich genügend Fahrgäste gefunden haben und starten, sobald sie voll sind. Weiter geht also die Fahrt in die Innenstadt Ammans, vorbei an einem Wohn-/Werkstättengebiet, über eine stets beflaggte Brücke am Rande des Hügels, auf dem die alte Königsresidenz steht, das Römische Theater hinter uns lassend und schließlich bis in das Herz der geschäftigen, staugeplagten Innenstadt zur Husseini-Moschee.

Hier steige ich aus und trete den Rest des Weges zu Fuß an. In den Morgenstunden sind die Gehwege noch recht leer und viele Geschäfte haben geschlossen. Geht man hier aber am Nachmittag entlang, reiht sich eine schier endlose Kette kleiner Lädchen und Ständen aneinander, durch die sich eine Menge an Fußgängern bewegt: Burka und Shorts, neugierige Touristen und täglich anwesende Bäcker, Tesla-Fahrer und Bettlerin - in der Innenstadt treffen sich Gegensätze.
Auch auf diesem Weg werde ich gefühlt überdurchschnittlich oft angesprochen, ob ich nicht etwas kaufen möchte oder bin mit anderweitigen Kommentaren und Blicken konfrontiert. Doch trotz der Menschenmenge werde ich seltenst in irgendeiner Weise berührt – die Grenzen des Respekts bleiben in diesem geschäftigen Treiben gewahrt: die Menschen machen einander Platz, lassen Schnellere vorbei und weichen aus, wenn jemand entgegenkommt.

Trotz dieser Rücksicht bin ich recht froh, wenn ich den Jebel Weibdeh (den Hügel, auf dem die Sprachschule steht) erreiche und in dessen ruhigeren Straßen das letzte Stück des Weges zurücklege. Die engen, steilen Treppchen hier führen mich immer höher aus dem Tal der Innenstadt heraus und liefern erstaunliche Blicke über das Meer der hellen Häuser Ammans.
In den letzten Wochen ist genau an diesem Punkt meines Weges die Zeit für den Adhan (den Ruf des Muezzins) erreicht, und so schallt nun aus zahlreichen Lautsprechern der Gebetsruf über die Dächer. So langsam hat mich der Aufstieg auf den Berg doch erschöpft und sobald ich mein Ziel, die Sprachschule, erreiche, freue ich mich, die letzten paar Minuten vor der Stunde noch in deren Innenhof verschnaufen zu können.

Schön, dass ihr diesmal meinen Weg mit mir gegangen seid!

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Der Busbahnhof Raghadan - welcher Bus ist der richtige? (Foto: EMS/Kollert)
Der Busbahnhof Raghadan - welcher Bus ist der richtige? (Foto: EMS/Kollert)
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In der Innenstadt zu einer etwas ruhigeren Stunde (Foto: EMS/Kollert)
In der Innenstadt zu einer etwas ruhigeren Stunde (Foto: EMS/Kollert)

Kommentare

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Annika 13. April 2019
Liebe Luka!

Dein Blogbeitrag hat mir sehr gut gefallen. Du hast richtig lebendig beschrieben, wie es in den Bussen und in der Innenstadt so sein kann, hab vielen Dank dafür! Da kommen schöne Erinnerungen wieder hoch :)

Ganz liebe Grüße
Annika