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Ein Tag am Toten Meer neigt sich dem Ende zu, so wie auch mein ÖFP in Jordanien. (Foto: EMS/Schiller)
Ein Tag am Toten Meer neigt sich dem Ende zu, so wie auch mein ÖFP in Jordanien. (Foto: EMS/Schiller)
11. Juni 2019

Abschied und Rückblick

Annabelle

Annabelle

Jordanien
leistet ihren Freiwilligendienst an einer integrativen Blindenschule
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Vom Neuland zurück ins Vertraute - oder umgekehrt?

Hallo ihr Lieben!

Nun rückt das Ende meines Freiwilligendienstes immer näher und in wenigen Tagen heißt es für mich Abschied nehmen von den Kollegen, von Irbid und von Jordanien. Diese Vorstellung ist noch sehr surreal und ich kann kaum glauben, dass das Ende jetzt auf einmal so schnell da war. Auch wenn ich es mir vor fünf Monaten noch so sehnlichst herbei gewünscht habe, weil ich sehr starkes Heimweh hatte, weiß ich jetzt nicht so ganz genau wie ich damit umgehen soll. So Vieles, das mir anfangs fremd und ungewohnt vorkam ist für mich ganz normal und vertraut geworden. Ich kenne den Schulweg und die Strecke zwischen Amman und Irbid wie meine Westentasche, „ja", „nein", „ich", „und", „oder" und ähnliche kurze Wörter rutschen mir automatisch auf Arabisch heraus, besonders, wenn ich mich in einer anderen Fremdsprache unterhalte, das Minibus- und Taxifahren ist Routine für mich geworden und auch, dass das Hahnenwasser nicht trinkbar ist und das Klopapier in den Mülleimer gehört statt in die Toilette ist mittlerweile selbstverständlich.

Währenddessen hat sich in Deutschland so einiges verändert in unserem Haus, in der Familie, im Freundeskreis und natürlich auch in der Politik. Momentan habe ich ziemliche Schwierigkeiten mir vorzustellen, wie es ist in Deutschland durch die Stadt zu laufen oder Bus und Zug zu fahren, da es schon so lange her ist, dass ich das zum letzten Mal gemacht habe. Ich denke ich werde mich erst einmal wieder an ein paar Dinge in Deutschland gewöhnen müssen, wie zum Beispiel das Wetter, selber Auto fahren, die Landschaft, den Euro und daran, dass die meisten Leute Deutsch sprechen und mich verstehen können. Außerdem fängt für mich ein neuer Lebensabschnitt an mit Umzug und Studium, worauf ich mich aber schon sehr freue.
Allein die Atmosphäre in Deutschland ist eine ganz andere als in Jordanien und es wird sich am Anfang bestimmt komisch für mich anfühlen. Dagegen kann ich allerdings nicht viel machen, darum freue ich mich einfach auf alles und jeden und plane meine Zeit in Deutschland bis zum Studienbeginn so gut es geht schon mal voraus.

Mit Sicherheit werde ich in Deutschland dann Dinge aus Jordanien vermissen, die jetzt noch selbstverständlich für mich sind. Darum versuche ich einfach alles in den letzten Tagen in vollen Zügen zu genießen, jedes Essen noch ein letztes Mal zu essen und noch so viel zu unternehmen und Freunde zu besuchen, wie  möglich. Denn der Tag des Abschieds kommt unweigerlich auf mich zu, Freude und Trauer werden sich jede Sekunde abwechseln und ich werde mit einem ähnlich betäubenden Gefühl im Magen im Flugzeug sitzen wie auf dem Hinflug. Ich möchte es aber nicht bereuen müssen, die letzte Zeit hier vergeudet und nur abgewartet zu haben und deshalb war ich diesen letzten Monat noch einmal etwas in ganz Jordanien unterwegs.
So viel zum Abschied aus Jordanien und Ankommen in Deutschland.

Zum Rückblick habe ich mir folgende drei Fragen gestellt, „Was habe ich gelernt?“, „Was nehme ich mit?“, „Bin ich ein anderer Mensch geworden?“ und diese Antworten gefunden:

1- Ich habe gelernt für meine Bedürfnisse einzustehen, weitestgehend für mich selbst zu sorgen und meine Grenzen zu erkennen.

2- Die zehn Monate waren eine wertvolle Zeit für mich selbst. Ich kann nun meine Interessen deutlicher erkennen und einordnen und ich hatte Zeit meine nahe Zukunft ordentlich und in Ruhe zu planen.

3- Ich habe mit Arabisch eine vierte Fremdsprache gelernt, die sogar zu den meistgesprochenen Sprachen der Welt zählt, was ich ziemlich cool finde.

4- Ich habe Einblicke in die arabische Kultur gewonnen und konnte ein Verständnis für diese aufbauen.

5- Ich habe eine Liebe zum arabischen Essen, zur arabischen Sprache und zur arabischen Kultur entwickelt, die mir sicher mein Leben lang erhalten bleibt und mich auch weiterhin prägen wird.

6- Ich bin geduldiger - vor allem mit mir selbst - und disziplinierter geworden, das heißt, ich schiebe nicht mehr so extrem viel auf und achte mehr darauf, für was ich wie viel Geld ausgebe. Die Ursache dafür liegt in der hohen Selbstverantwortung, die ich habe, da wir alleine wohnen.

7- Mir ist bewusst geworden wie wichtig mir Familie und Freunde sind und wie lieb ich sie habe, nämlich sehr!

Ich bin also kein anderer Mensch geworden, bin mir aber im Großen und Ganzen meiner selbst besser bewusst, habe mich weiterentwickelt, habe viel dazu gelernt und bin an vielen Erfahrungen gewachsen.

Außerdem durfte ich die Zeit mit vier wundervollen Mitfreiwilligen verbringen und ich hoffe, dass wir unsere Freundschaft auch mit nach Deutschland nehmen.

Zum Ende meines Freiwilligendienstes möchte ich mich noch einmal bei allen bedanken, die mir diesen ermöglicht haben und die mich auf meinem Weg begleitet haben.
An alle Mitarbeiter bei der EMS, an alle Mitarbeiter und Schüler der AES, an meine Mitfreiwilligen, an meine Eltern und Familie und an meinen Freund und seine Familie: Vielen Dank! Ich freue mich schon euch wieder zu sehen.

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Meine Mitfreiwilligen und ich in Jerash. Von links nach rechts: Felix, Anna, Lisa, ich und Luka (Foto: EMS/Schnotz)
Meine Mitfreiwilligen und ich in Jerash. Von links nach rechts: Felix, Anna, Lisa, Ich und Luka (Foto: EMS/Schnotz)
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Die SchülerInnen, mit denen ich gearbeitet habe, vermisse ich jetzt schon. Hier bin ich mit Tamara (links im Bild) und Rua‘ (in der Mitte) aus der 7. Klasse zu sehen. (Foto: EMS/Schiller)
Die SchülerInnen, mit denen ich gearbeitet habe vermisse ich jetzt schon. Hier bin ich mit Tamara (links im Bild) und Rua‘ (in der Mitte) aus der 7. Klasse zu sehen. (Foto: EMS/Schiller)

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