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Wadi Rum: der vielleicht schönste Ort der Welt. (Foto: EMS/Janke)
Wadi Rum: der vielleicht schönste Ort der Welt. (Foto: EMS/Janke)
09. Januar 2019

Perfekte Weihnachten?

Anna

Anna

Jordanien
wirkt an einer integrativen Blindenschule mit
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An der Arab Episcopal School und der dazugehörigen Kirche wurde die Weihnachtszeit ausgiebig gefeiert. Den ganzen Dezember gab es kleinere Veranstaltungen wie zum Beispiel einen Bingoabend, einen Weihnachtsbasar und ein großes Weihnachtessen, inklusive aufgeführten Sketchen. Obwohl ich alle Veranstaltungen sehr interessant fand und es mich fasziniert hat, wie Weihnachten in einem anderen Land gefeiert wird, habe ich doch auch meine bisher gewohnte Adventszeit vermisst. Für mich ging es in den letzten Jahren im Dezember vor allem darum, sich auf Weihnachten einzustimmen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Aufgrund des vollen Terminkalenders ist für mich die Ruhe und Besinnlichkeit dieses Jahr leider ein bisschen zu kurz gekommen. Dafür habe ich aber viele Weihnachtsfeiern und Nikolausauftritte miterlebt und fand es sehr schön, dass die Weihnachtszeit in der Gemeinde so zelebriert wurde.
Auch in der Schule wurden schon seit Mitte November fleißig Weihnachtlieder auf Arabisch, Englisch und sogar auf Deutsch gesungen und Tänze einstudiert. Am 22. Dezember hatten die SchülerInnen dann ihren großen Auftritt, es gab eine Weihnachtsfeier, viele Eltern kamen und es wurden Lieder und Tänze aufgeführt. Ich fand es schön zu sehen, wie sich alle Kinder auf Weihnachten gefreut haben und fröhlich die gleichen Weihnachtslieder aufgeführt haben, die ich früher auch in der Schule gesungen habe.

Am 24. Dezember haben Annabelle und ich dann Besuch von Lisa, Luka und Felix, den Freiwilligen aus Amman, bekommen. Zusammen haben wir den Gottesdienst besucht und waren anschließend bei unserem Pfarrer und seiner Familie eingeladen. Den Abend haben wir zunächst mit der Familie und dann alleine mit viel leckerem Essen, Plätzchen und Weihnachtsliedern verbracht. Trotz eines weihnachtlichen Abends inklusive vielen Traditionen, die ich so auch aus Deutschland kenne, war ich immer noch auf der Suche nach der perfekten Weihnachtstimmung. Vor allem der Gedanke daran, dass meine Familie in Deutschland gerade ‚richtig Weihnachten feiert‘ hat mich die ganze Zeit begleitet. Am 1. Weihnachtsfeiertag bin ich dann mit den anderen Freiwilligen nach Amman gefahren. Abends haben wir ein großes Weihnachtsessen vorbereitet und als wir alle zusammen am Tisch saßen, im Schein von Kerzen und Lichterketten, hatte ich das erste Mal das Gefühl, doch noch ein bisschen Weihnachtsstimmung gefunden zu haben.

Viel Zeit zum Genießen hatte ich aber nicht, am nächsten Tag ging es nämlich für Annabelle, Lisa, Felix und mich früh morgens los in unseren Urlaub. Das Ziel war Petra, eine Ruinenstadt, welche einmal die Hauptstadt der Nabatäer war. Die Sehenswürdigkeit steht auf der Liste der sieben neuen Weltwunder und ist dementsprechend beliebt bei Touristen. Da Irbid sehr unspektakulär für Besucher ist, war die Menge von Besuchern erst einmal ein kleiner Schock und sehr befremdlich für mich. Mir war gar nicht bewusst, dass es so viele Touristen in Jordanien gibt, trotz der Tatsache, dass es gerade Winter und unangenehm kalt ist. Außerdem war für den nächsten Tag Regen angekündigt und das kann in Petra schnell sehr gefährlich werden. Deshalb habe ich vor meiner Reise auch in ein paar geschockte Gesichter geblickt, als ich erzählt habe, dass ich gerne nach Weihnachten und wahrscheinlich bei Regen Petra besuchen möchte. Aber wie gefährlich es wirklich werden kann habe ich an unserem ersten Tag noch nicht gesehen. Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel bin ich mit den Anderen durch die antike Stadt gelaufen, habe hunderte Bilder gemacht und meine freien Tage genossen. Irgendwann ist mir dann eingefallen, dass es eigentlich der zweite Weihnachtsfeiertag ist und ich normalerweise mit meiner Familie vor dem Weihnachtsbaum sitzen und Plätzchen essen müsste. In diesem Moment war mir dann aber die angenehm warme Sonne und das Besichtigen Petras doch irgendwie lieber und ich habe es auch ein bisschen genossen, nicht meine gewohnten Weihnachtsfeiertage zu durchleben.

Am zweiten Tag Petra habe ich dann plötzlich verstanden, warum so viele Leute Angst um mich hatten. Morgens sah der Himmel schon verdächtig grau aus und es hat nicht lange gedauert, bis der erste Regenschauer kam. Wir haben uns davon aber nicht aufhalten lassen, Schirm und Regenjacke ausgepackt und sind weitergelaufen. Da die vielen Steintreppen dann aber doch sehr rutschig wurden und es auf dem Berg so windig war, dass man sich in den Wind stellen konnte, haben wir unseren Tagesausflug schon früher als geplant beendet. Aber das Wetter hatte auch etwas positives, ich fand es eigentlich ganz schön, Petra auch einmal von einer anderen, wenn auch etwas stürmischen, Seite kennenzulernen.

Von Petra ging es für uns dann weiter nach Wadi Rum, in die Wüste. Dort haben wir zwei Nächte in einem kleinen Beduinencamp verbracht. Wir sind durch die Wüste gewandert, auf Felsen geklettert, auf Kamelen geritten und mit einem Jeep durch die Gegend gefahren. Abends saßen wir mit den Beduinen aus unserem Camp und anderen Besuchern in dem sogenannten Feuerzelt und haben traditionellen beduinischen Tee getrunken. Nachts wurde es dann sehr kalt und ich bin trotz mehreren Schichten Kleidung, Schlafsack und zwei Decken leicht verfroren aufgewacht. Dafür wurde ich aber in den beiden Tagen mit einem traumhaften Sonnenuntergang und einem mittelmäßigen Sonnenaufgang belohnt.

Meine Zeit in Wadi Rum habe ich sehr genossen und war eigentlich die ganze Zeit nur damit beschäftigt, meine Umgebung zu bestaunen. Die Wüstenlandschaft hatte etwas sehr beruhigendes an sich und während einem Spaziergang durch die Wüste, als um mich herum nur noch Sand und Felsen waren, habe ich mich wie der einzige Mensch auf Erden gefühlt. Es war unglaublich still und ich konnte einmal von meinem Alltag Abstand nehmen, alle Verpflichtungen vergessen und einfach nur den Moment genießen.

Silvester habe ich wieder in Amman verbracht und bin am 1. Januar zurück nach Irbid gefahren, da einen Tag später schon wieder die Schule begonnen hat. Für mich war diese Woche der erste Urlaub hier in Jordanien und die längste Zeit, die ich bisher von Irbid entfernt war. Obwohl ich jetzt schon vier Monate hier lebe habe ich nicht damit gerechnet, wie froh ich war, als mein Bus nach Irbid hineingefahren ist und ich wieder in ‚meiner Stadt‘ war, in der ich mich auskenne und die ich, zumindest ein bisschen, verstehe.

Nach meinem Urlaub habe ich aber nicht nur gemerkt, dass mir Irbid, die AES und die SchülerInnen schon ein bisschen ans Herz gewachsen sind. Ich habe auch gemerkt, wie falsch meine Suche nach Weihnachtsstimmung und mein Bild von dem perfekten Weihnachten die ganze Zeit war. Eigentlich habe ich nämlich dieses Jahr gelernt, worum es an Weihnachten wirklich geht. Es ist nicht die richtige Religion, der perfekte Weihnachtsbaum oder die familieneigene Tradition. An Weihnachten zählt doch eigentlich die Besinnung auf die wichtigen Dinge im Leben: eine Gemeinschaft, die jeden Menschen so akzeptiert, wie er ist, der friedliche Umgang und Dialog miteinander und ein zufriedenes Selbst. Als ich das gemerkt habe, wurde mir auch plötzlich klar, dass ich die Weihnachtstimmung gar nicht hätte suchen müssen, sie war nämlich die ganze Zeit da. Sie war da in dem Moment auf der Schulfeier, als christliche und muslimische Kinder zusammen Weihnachtslieder gesungen und ganz aufgeregt auf den Weihnachtmann und ihre Geschenke gewartet haben. In dem Hotel in Petra, als wir abends zusammensaßen, Spiele gespielt haben und eigentlich die ganze Zeit nur gelacht haben. Oder in der Wüste, als ich bemerkt habe, dass man zum Leben nicht mehr als ein bisschen Kleidung und eine Zahnbürste braucht. Obwohl ich mich schon darauf freue, nächstes Jahr Weihnachten und die Feiertage wieder mit meiner Familie zu verbringen, weiß ich meine Erfahrungen hier doch zu schätzen. Ich werde mich glaube ich noch lange an meine Weihnachtszeit in Jordanien, inklusive vielen Weihnachtsfeiern und einem Ausflug in die Wüste, erinnern.

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Die Monastery in Petra, an dem blauen Himmel kann man erkennen, dass dieses Bild an unserem ersten Urlaubstag entstanden ist. (Foto: EMS/Schnotz)
Die Monastery in Petra, an dem blauen Himmel kann man erkennen, dass dieses Bild an unserem ersten Urlaubstag entstanden ist. (Foto: EMS/Schnotz)
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Annabelle, Felix, ich und Lisa (von links nach rechts) auf Kamelen in Wadi Rum. (Foto: EMS/Janke)
Annabelle, Felix, ich und Lisa (von links nach rechts) auf Kamelen in Wadi Rum. (Foto: EMS/Janke)

Kommentare

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Jürgen Leonhard 11. Januar 2019
Toll,
liebe Grüße aus Landau,
Leo samt family