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Der Ausblick aus meinem Fenster: die (katholische) St. Petrus Kirche (Foto: EMS/Dunker)
Der Ausblick aus meinem Fenster: die (katholische) St. Petrus Kirche (Foto: EMS/Dunker)
12. Oktober 2018

Ankommen 2.0: Was das Eingewöhnen antreibt

Marie

Marie

Indonesien
arbeitet in der Kinder- und Jugendarbeit mit
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„Wer aber sich vertieft in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seinem Tun.“ - Jakobus 1:25

Es ist jetzt schon einen Monat her, dass ich das letzte Mal in Deutschland war, und 3 Wochen her, dass ich in Mamasa, meinem neuen Zuhause angekommen bin. Ich möchte euch gerne berichten, was mein Ankommen 2.0 bisher erleichtert oder erschwert hat. 

Ich fange erstmal mit den Dingen an, die mir anfangs Probleme bereitet haben, oder an die ich mich noch gewöhnen muss. 

Schon an meinem ersten Tag in Mamasa habe ich zum Beispiel das Wort "bule" (etwa: Weißer/Ausländer) kennengelernt, und oft, wenn Leute meinen Namen noch nicht kennen wird eben „bule“ gesagt, wenn ich an Schulen vorbeilaufe rennen Kinder mir nach („Miss Bule! Miss Bule!!“) - ich habe das anfangs eher als Beleidigung aufgenommen bis ich einen Freund danach gefragt habe, der mir dann erklären konnte, dass wohl eher das Gegenteil der Fall ist und er es eher schmeichelhaft auffassen würde, so bezeichnet zu werden. 

Die Aufmerksamkeit, die mir aufgrund meiner Herkunft geschenkt wird ist etwas, woran ich mich denke ich gewöhnen muss. Ich wünsche mir, in den nächsten 5 Monaten vielleicht noch an den Punkt zu kommen, wo ich wirklich ganz verstehen werde, warum so viele Leute Fotos mit mir wie ein Foto mit Emma Watson behandeln, ich habe ja nichts Besonderes geleistet. Ich finde es schwierig, eine Balance zu finden, die so herzliche Gastfreundschaft anzunehmen und gleichzeitig zu vermeiden, ungewollt eine „Guckt mal, ich bin hier echt der Ehrengast“-Position einzunehmen, das ist nämlich nicht das, wie ich darüber denke. Ich fühle mich schon seit meiner Ankunft als würden mir schlicht die Worte ausgehen, „danke“ zu sagen, und ich hoffe, im Laufe meiner Zeit hier einen kleinen Teil in Taten zurückgeben zu können. 

Auch die Sprache ist ein Punkt, der mir anfangs zu schaffen gemacht hat. Oft habe ich mich irgendwie stumm gefühlt und wollte so gerne so vieles ausdrücken und an Gesprächen teilnehmen aber konnte das einfach noch nicht. So habe ich auch schon einen kleinen Schock erleben dürfen, als ich das erste Mal in der SMK (vocational high school) war und ich mir eine Englischstunde mit meinen damals noch nicht wirklich vorhandenen Indonesischkenntnissen aus dem Arm schütteln musste, gleichzeitig nämlich ohne dass die Schüler Englisch konnten. Anscheinend gab es im Vorhinein ein Missverständnis bei der Absprache; meine Frage, ob ich zum ersten Mal schon was vorbereiten sollte, wurde nämlich eigentlich verneint. 

Halb so wild, weil ich zum Glück seit meiner 2. Woche hier relativ sicher in der Sprache bin. Das war mir auch sehr wichtig, schnell zu lernen, weil ich mich einfach unbedingt mit Nenek (die unendlich goldige Großmutter von Meri, meiner Gastschwester) unterhalten wollte.

Ich kann mich jetzt super ohne Englisch verständigen, erzählen was ich so loswerden will, Witze machen und Gesprächen folgen - es sei denn es wird extremst schnell oder „Bahasa Mamasa“ gesprochen; es gibt „Bahasa Indonesia“ - die Sprache, die alle vereint, aber noch über 800 weitere jeweils lokale Sprachen die ihre eigenen Vokabeln haben und die man sich deshalb auch nicht wirklich (wie etwa Plattdeutsch) herleiten kann. Daher sorgt es generell immer für eine amüsante Stimmung, wenn ich mich als „odo’ Mari’“ vorstellen kann, oder auf die Aufforderung doch noch mehr zu essen mit „kurru’ sumanga’, sudah dea’ mo’“ (danke, ich bin schon satt) reagiere.

Dass ich leider schon krank geworden bin, weil mein Magen nicht ganz mit „acar“- einem scharfen, in Essig eingelegtem Frucht-Obstgemisch klarkam, hat schon für ein bisschen Niedergeschlagenheit gesorgt. In meinem letzten Blogpost habe ich ja auch das ständige Schwächegefühl erwähnt, was mich zwar nicht verlassen hat, ich aber mittlerweile ordentlich mit Kaffee unterdrücke. Morgens um 5 muss ich regelmäßig der Versuchung widerstehen, einfach das Fenster aufzumachen und die grölenden Gockel und heulenden Hunde herzhaft zurück anzuschreien. Ich hoffe immer noch darauf, irgendwann irgendetwas Liebliches in der Geräuschkulisse am Morgen zu finden. 

Jetzt aber zu den positiven Sachen, die mir geholfen haben, mich so schnell wohl zu fühlen. 

Alleine schon, dass ich aus Makassar von meinem Mentor Pdt Yusuf Arta abgeholt wurde, war eine so nette Sache, zumal der Weg von Mamasa nach Makassar ordentlich lange dauert und vor allem ab Polewali die Straße nicht die einfachste ist (ich habe mir sagen lassen, dass es sogar mal weitaus schlimmer war!).

Ich denke die mit Abstand größte Rolle spielt aber meine Gastfamilie, die mich vom ersten Tag an hat spüren lassen, dass ich willkommen bin und mich behandelt als wäre ich ein leibliches Familienmitglied. Meine neue Familie besteht aus (ich verwende nicht die Anreden, die ich normalerweise benutze; ich spreche Meris Eltern zum Beispiel nie mit Vornamen an): Ibu Tasik, Bapak Jermia, Nenek Limbong, ka’ Meri, ka’ Rahel, ka’ Tius (oder wie er sich like an english man vorgestellt hat: Matthew), d’Mista, d’Ana, d’Musa, d’Wesni, d’Toen und d’Firka. Sehr gerne bin ich abends zusammen mit der Familie, ich finde es immer ganz amüsant ab und zu mitzubekommen, was in der soap opera die momentan im Fernsehen geschaut wird, so alles passiert, wenn ich mal einen Abend versäume. Da kann dann innerhalb von einer halben Folge der Ehemann todkrank werden, seine Frau bekommt von ihrer Jugendliebe und gleichzeitig dem besten Freund des Mannes einen Deal vorgeschlagen, die lebensrettende Operation im Tausch gegen eine Hochzeit zu bezahlen, und obendrein reißt das Kind von zuhause aus. Sehr herzzerreißend. 

Was einiges erleichtert ist der Glaube, ich darf bisher eine echt gesegnete Zeit erleben, wofür ich extrem dankbar bin, allerdings habe ich auch aus Deutschland eine gute Unterstützung im Gebet. Die regelmäßig stattfindenden worships (etwa wie ein Hauskreis) bereiten mir viel Freude, weil ich langsam auch den Andachten und Predigten folgen kann und endlich mal mehr von den Gebeten verstehen kann. Ich unterhalte mich auch immer sehr gerne mit Leuten darüber, wie ich über den Glauben und über Kirche in Deutschland denke, und ich werde auch sicherlich noch einen Blogeintrag dem Thema allein widmen. 

Dass die GTM (=Gereja Toraja Mamasa) mich in ihren Aktivitäten einbindet, gibt mir auch ein gutes Gefühl, so durfte ich beispielsweise dabei sein als eine große dreitägige Versammlung mit Vorträgen und Seminaren über die Jugend in der Kirche hier stattfand, und wir den Zaun des Kantor BPS (Kirchenbüro) neu gestrichen haben.

In letzter Zeit dreht sich viel um Palu/Donggala/Sigi, wo große Erdbeben in Verbindung mit einem Tsunami die Umgebung verwüstet haben. Wir haben das ganze hier in Mamasa, Gott sei Dank, nicht so sehr gespürt, einige Möbel haben lediglich gewackelt. So werden im Kantor BPS von sehr vielen Familien Kleidungs-/Lebensmittelspenden gesammelt, die wir dort sortieren und mit denen eine Gruppe dann in die hilfsbedürftigen Gebiete fährt und sie verteilt. Außerdem wurden hier schon über 100 Flüchtlinge aufgenommen. Viele Menschen werden immer noch vermisst und die Auswirkungen der Erdbeben sind wirklich tragisch. Das ist auch weiterhin etwas, wo gerne für gebetet werden kann, Gott hat schon viele Wunder dort getan von denen wir hier berichtet bekommen haben. 

Soweit erstmal zu meinem 2. Ankommen hier in Mamasa, was denke ich noch nicht abgeschlossen ist, aber ich glaube, dass das einfach ein Prozess ist, der vielleicht etwas braucht. 

Ich hatte zwar gesagt ich würde über meinen Alltag und meine Arbeit schreiben, das werde ich aber sicherlich noch in naher Zukunft machen.

Bis dahin,
genießt den Herbst, ich sehne mich sehr danach.

LG, Marie 

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Ein paar der vielen Straßenhunde in Mamasa. Diese halten sich fast immer auf unserer Straße auf. (Foto: EMS/Dunker)
Ein paar der vielen Straßenhunde in Mamasa. Diese halten sich fast immer auf unserer Straße auf. (Foto: EMS/Dunker)
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Der Fluss, an dem ich jeden Morgen vorbeigehe und dessen Anblick mich jeden Morgen aufs Neue freut. (Foto: EMS/Dunker)
Der Fluss, an dem ich jeden Morgen vorbeigehe und dessen Anblick mich jeden Morgen aufs Neue freut. (Foto: EMS/Dunker)

Kommentare

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Jürgen 28. Oktober 2018 Deutschland
Liebe Marie,
vielen Dank für deine bisherigen sehr persönlichen Schilderungen des ÖFP-Lebens in Mamasa. Es ist schön zu sehen, dass du dich zunehmend wohler fühlst. Dass du die Fülle der Eindrücke in einem ganz neuen Lebensumfeld erst einmal sortieren muss und all das natürlich Zeit braucht, ist klar. Ich bin sehr überrascht, dass du sprachlich so schnell Fuß gefasst hast. Damit bist du natürlich sofort viel dichter an den Menschen, mit denen du täglich umgehst. Deine improvisierte Englischstunde muss ein echtes Abenteuer gewesen sein - du wirst sie sicher nie vergessen. Ich wünsche dir in jedem Fall, dass sich alles, was du in diesen sechs Monaten erlebst, am Ende richtig anfühlt und bin gespannt auf deine nächsten Blogeinträge. Alles Liebe, Jürgen.