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Die anderen Freiwilligen und ich beim Frühstück (Foto: EMS/Heidtmann)
Die anderen Freiwilligen und ich beim Frühstück (Foto: EMS/Heidtmann)
27. Juni 2019

Goa - Indien oder doch Europa?

Solveig Marie

Solveig Marie

Indien
wirkt in einem Mädchenheim mit
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Hallo ihr Lieben,

inzwischen ist es schon Ende Juni und nächste Woche werde ich bereits von Indien nach Deutschland zurückreisen.

Bevor ich gehe will ich euch noch von meiner Reise nach Goa berichten. Goa ist der kleinste Bundesstaat in Indien und das beliebteste Reiseziel von Touristen. Es war von 1510 bis 1961 eine portugiesische Kolonie und das macht sich bis heute nicht zuletzt dadurch bemerkbar, dass man an jeder Ecke eine Kirche sieht. 25% der Bevölkerung in Goa sind Christen, während in ganz Indien insgesamt  nur ca. 2% der Bevölkerung dem christlichem Glauben angehören. Aber auch sonst unterscheidet sich Goa sehr von den anderen Teilen von Indien, die ich bisher gesehen habe. Einige Verkäufer, mit denen wir geredet haben, meinten auch, Goa sei das indische Europa. In den Restaurants am Strand gibt es vor allem europäisches Essen wie zum Beispiel Nudeln und die indische Speisen auf der Speisekarte haben für uns eher nach dem Essen in einem Indischem Restaurant in Deutschland geschmeckt.

Ich habe es immerhin sehr genossen, Müsli mit Früchten zum Frühstück zu essen. Wenn man in den Supermärkten einkaufen geht, gibt es natürlich auch in Secunderabad Müsli und Früchte, aber für ein lokales Restaurant ist das sonst untypisch. Aber mir hat doch etwas die "indische Kultur" gefehlt: Die Straßenstände, der rege Verkehr, hinduistische Tempel, Moscheen, die bunte und lange Bekleidung, ...

In meiner Umgebung in Secunderabad gibt es natürlich auch westliche Läden. Subway, Café Coffeeday und ein Waffelladen sind nur einige davon, die sich in meiner direkten Umgebung befinden. Aber es gibt eben auch eine Vielfalt an anderen Läden. Und genau diese Vielfalt hat mir in Goa gefehlt.

Die Bilder die ich im Kopf hatte, bevor ich nach Indien kam, waren geprägt von überfüllten Zügen, Rikschas, Slums, Müll und so weiter. Aber diese Bilder zeigen natürlich nur einen Teil von Indien. Indien wird aber nicht so schnell mit Einkaufsmalls, Hotels mit Pool, Luxusrestaurants, Supermärkten, Straßenbahnen, Villen und so weiter assoziiert, die aber genauso zu meiner Stadt gehören. Aber genau diese Mischung und Vielfalt, die sich aus indischer und westlicher Kultur zusammensetzt, macht Indien für mich so besonders.

Dabei finde ich schade, dass nur die westliche Lebensweise beziehungsweise die westlichen Standards als Ziel angesehen werden. Die indische Kultur wird oft als rückständig und die westliche als fortschrittlich wahrgenommen. Generell wird alles, was westlich erscheint, hier von den meisten als gut angesehen.

Ich habe zum Beispiel hier in Hyderabad eine andere Freiwillige kennengelernt, die in einer Waldorfschule eigentlich die Lehrer*Innen unterstützen soll. Im Endeffekt darf sie meistens alleine unterrichten und die Lehrer*Innen sitzen oft nur hinten im Klassenraum. Ein paar Lehrer*Innen sind sogar der Meinung, dass sie besser unterrichten kann, weil sie in Deutschland zur Schule gegangen ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass etwas zu können und etwas jemandem anderen beizubringen zwei völlig unterschiedliche Sachen sind und meiner Meinung nach braucht ein guter Lehrer in jedem Fall eine Ausbildung.

Als ich einem Freund erzählt habe, dass die Mädchen hier auch die europäische Geschichte lernen und ich es sehr schade finde, dass ich in meiner Schulzeit nichts über die indische Geschichte gelernt habe, meinte er nur, dass eben die europäische Geschichte wichtiger sei und uns die indische Geschichte ja nichts bringen würde.

Dies sind nur zwei Beispiele, die die scheinbare Überlegenheit des globalen Nordens gegenüber dem globalen Süden zeigen. Und diese Denkstruktur hat ihre Wurzeln im Kolonialismus. Bis heute profitiert der globale Norden von den kolonialen Strukturen, die bis heute bestehen.

Ich weiß, dass diese Schlussfolgerung für einige schwer nachvollziehbar ist, ich habe selbst einige Zeit gebraucht, um diesen Zusammenhang zu verstehen und habe bis jetzt auch noch nicht das volle Ausmaß der Abhängigkeit verstanden. Allerdings ist mir inzwischen bewusst, das ich es falsch finde, Kulturen in "gut" und "schlecht", "fortschrittlich" und "rückständig" einzuteilen. Jede Kultur hat ihre Vor- und Nachteile und für mich ist keine besser oder schlechter.

Ihr seht, nach zehn Monaten in Indien bringe ich nicht nur eine Fülle wunderbarer Eindrücke, Begegnungen und neuer Freundschaften mit nach Hause, sondern auch viele Fragen, die mich auch in Deutschland weiter beschäftigen werden.

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Eine Metro Station in Hyderabad, der schnellste Weg um durch die Stadt zu kommen (Foto: EMS/ Heidtmann)
Eine Metro Station in Hyderabad, der schnellste Weg um durch die Stadt zu kommen (Foto: EMS/ Heidtmann)
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Eine der unzähligen Malls (Foto: EMS/Mayer)
Eine der unzähligen Malls (Foto: EMS/Mayer)

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