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Mit dem Krippenspiel endet eine lange Weihnachtsfeier (Foto: EMS/Gieseke)
Mit dem Krippenspiel endet eine lange Weihnachtsfeier (Foto: EMS/Gieseke)
27. Dezember 2018

We wish you a merry christmas!

Miriam

Miriam

Indien
arbeitet in einem Mädchenheim mit
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Weihnachten war dieses Jahr anders – nicht besser oder schlechter, sondern nur anders. Ohne Adventskranz, ohne Familientreffen, ohne draußen frieren und spekulieren, ob es wohl weiße Weihnachten gibt. Was ich stattdessen in der Weihnachtszeit gemacht habe, erzähle ich jetzt:

Meine Vorweihnachtszeit war von vielen Weihnachtsveranstaltungen geprägt. Die ersten davon waren zwei Lichtergottesdienste. Schon Mitte November wurde bei uns im Mädchenheim eine kleine Andacht gehalten, nach der jeder ausgehend von der Kerze des Pfarrers seine eigene Kerze anzündet. Diese werden zuhause für eine gesegnete Weihnachtszeit brennen gelassen. Die Pfarrer besuchen auf diese Weise innerhalb von zwei Wochen alle Familien in unserer Gemeinde. Ich finde das total schön und total persönlich. Ganz besonders war auch der Lichtergottesdienst in der Kirche, den ich mit den Mädchen aus dem Heim besucht habe. Mit den vielen flackernden Lichtern, bestimmt um die vierhundert Kerzen, war es in der dunklen Kirche einfach zauberhaft schön. Es hat mich sehr an unsere Adventskerzen zuhause erinnert, und an die Schönheit von Kerzen allgemein in der Winterzeit.

Diese Momente haben sich für mich wirklich weihnachtlich angefühlt, etwas was ich in der sonstigen Vorweihnachtszeit eher vermisst habe.

Bei der Weihnachtsfeier der Kirche am 25. November, einen Monat vor Weihnachten, haben die verschiedenen Kirchengruppen das Programm gestaltet. Ich habe mit dem englischen Chor Waldhorn gespielt (das mache ich inzwischen jede Woche) und meine Mädchen haben einen Tanz aufgeführt.

Weil es so viele Weihnachtsfeiern auch für die Mädchen aus dem Hostel gibt, ist es für sie auch eine ganz besondere Zeit. Außerdem kriegen viele, zum Teil auch sehr große Weihnachtsgeschenke von ihren Foster-parents. Dieses amerikanische Programm ist im Prinzip eine Kinderpatenschaft für Kinder, um ihre Bildung zu garantieren. Darüber wird das Mädchenheim auch mitfinanziert. Mit dem Weihnachtsgeld wurde dann Kleidung, Töpfe, Hefte, Bücher und vieles mehr für die ganze Familie gekauft.
So etwas wie Weihnachtsgeschenke gibt es sonst eher nicht, aber für die vielen Vorweihnachtsfeiern und Weihnachten selbst kaufen sich viele Leute neue Kleidung oder schenken anderen neue Kleidung. Auch die Kinder der Special School und die Mädchen aus dem Heim haben zu Weihnachten Kleider geschenkt bekommen.

Die Weihnachtsvorbereitungen in meinem Projekt und der Kirche haben mich vor allem im Dezember gut beschäftigt. Schon seit Anfang November habe ich jeden Tag in der Special School für geistig Benachteiligte unseren Weihnachtstanz geprobt. Das war wirklich sehr schön, weil es den Kindern und damit mir unglaublich viel Spaß gemacht habe. Jeden Tag wurde ich gefragt, wann wir denn endlich den Tanz proben können. In der Special School, wo ich inzwischen jeden Tag bin, habe ich auch einen Adventskalender mit Bildern gebastelte, der auch sehr gut angekommen ist. Allerdings gab es auch Verwirrung, weil Adventskalender hier nicht typisch sind. Anfang Dezember haben wir unser Zimmer dort auch mit bunten Lametta-Bändern, die ich von einer anderen Veranstaltung organisieren konnte, innen und außen geschmückt. Außerdem habe ich mit den Kindern Weihnachtskarten für die Eltern gebastelt. Das war gar nicht so einfach, weil viele Kinder nie oder selten eine Schere benutzt haben – aber es hat ihnen und mir echt Spaß gemacht und das Endergebnis war auch wirklich schön!

Statt Plätzchen wurden hier im Mädchenheim drei Tage lang Snacks gebacken (bzw. frittiert). Leider ist das plätzchenhaltige Geburtstagspaket in der Post verloren gegangen, aber die indische Version ist auch nicht schlecht. Mit der Zeit wurde auch immer mehr dekoriert, bzw. zuerst extra für Weihnachten neu gestrichen und dann mit Lametta-Bändern und bunten Lichterketten oder Sternen geschmückt.

Mit den Mädchen aus dem Mädchenheim gemeinsam habe ich auch seit November für das Krippenspiel geprobt, in dem ich Joseph gespielt habe. Weil der Text auf Telugu war, bin ich auch froh, dass wir jeden Tag geprobt haben. Ein fester Tagespunkt war für mich dann auch das Gitarreüben: Ich habe meinem gleichaltrigen Nachbar Chintu ein paar Akkorde beigebracht, um "The first Noel" mit ihm spielen zu können. Erst zwei Tage vor der Weihnachtsfeier konnten wir dann mit meiner Freundin Silvia, die ich aus dem englischen Chor kenne, proben. Auch eher kurzfristig haben die Mädchen und ich dann noch eine viersprachige Version von "Adeste fidelis" gelernt – je eine Strophe auf Englisch, Deutsch, Hindi und Telugu.

Das alles und noch mehr wurde dann bei der Weihnachtsfeier der St. Mary's Projekte aufgeführt. Weil es noch so viele kurzfristige Änderungen gab, war dieser Abend mit vier eigenen Aufführungen schon etwas stressig für mich. Das lag auch daran, dass wir keinen Soundcheck für meine beiden Musikgruppen machen konnten und die Special School Kinder zum ersten Mal seit langem alle da waren, was wegen der kaputten Rickscha seit Monaten nicht der Fall war. Aber es ist ein wirklich schöner Abend geworden. Meine beiden Lieder, der Tanz und das Krippenspiel haben gut geklappt und auch das andere Programm war sehr schön. Mit zwei Tänzen von "meinem" Mädchenheim und weiteren Tänzen der anderen beiden Heime und der Kinderkrippe war es ein langer Abend. Für meine Mädchen war es sehr schön, weil bei vielen Eltern und Familien gekommen sind, mit denen sie dann am nächsten Tag heimgefahren sind. Für mich war es sehr schön, weil mir alle Projekte wirklich viel Spaß gemacht haben und ich auch viele Leute von den Programmen kannte, in denen ich nicht dabei war. Die gemeinsamen Auftritte waren nach den langen Proben auch sehr schön für uns als Gemeinschaft.

Als die Mädchen dann zu ihren Familien gefahren sind und die Ferien angefangen waren, war es auf einmal ziemlich ruhig. Nach dem Trubel davor habe ich aber auch das genossen.

Vom englischen Chor aus wird jedes Jahr am vierten Advent ein Liedergottesdienst organisiert, bei dem ich auch Horn gespielt habe. Der Gottesdienst wurde aufgenommen und wird wohl bald auf Youtube zu finden sein (Für Interessierte: Khammam St. Mary's church carol service).

Und dann Weihnachten selbst. Anders als in Deutschland wird das Fest hier am 25. Dezember gefeiert. Um vier Uhr morgens ging es dabei für uns zum Gottesdienst. Weil unsere Gemeinde hier sehr groß ist, passen die Leute nicht alle in die Kirche, sie passen nicht mal in den Platz um die Kirche herum. Deswegen saßen wir – Hema, Jeevan (meine "Gasteltern") und ich - noch vor dem Vorplatz der Kirche und haben den Gottesdienst über einen Bildschirm verfolgt. Nach einem kurzen Nickerchen zuhause haben wir dann angefangen zu kochen. Hema und Jeevan organisieren jedes Jahr an Weihnachten ein Projekt für die Obdachlosen, wenn sie Spender finden. In einem riesigen Topf wurden dann also 20 kg Reis mit 10 kg Hühnchen, Gemüse und Gewürzen gekocht. Außer diesem Briyani haben wir Tomatencurry gemacht und dann alles in Pakete verpackt. Am Nachmittag sind wir dann mit der Rickscha los zu den Plätzen, wo sich oft Obdachlose aufhalten – zu Tempeln, Kirchen, dem Bahnhof oder Brücken. In einem Paket war immer Briyani, Tomatencurry, eine Flasche Wasser und eine Decke. Viele Menschen haben sofort angefangen zu essen und mir selbst ist wieder bewusst geworden, wie schwer die Obdachlosen und die Bettler es haben. In Indien gibt es kein weit genug ausgebreitetes Sozialsystem, um ihnen Essen, eine Unterkunft oder Kleidung zu garantieren. Auch weil es wenige Organisation dazu gibt, sind sie auf die Gaben vom einzelnen angewiesen. Das heißt aber nicht, dass es Obdachlosen in Deutschland besser geht. Es ist ein Thema, das ich im Alltag schnell vergesse und ich bewundere es sehr, dass Hema und Jeevan, deren Geld selbst gerade so für das notwendigste reicht, dieses Projekt jedes Jahr organisieren. Gerade für Weihnachten, eine Zeit, die inzwischen extrem konsumorientiert ist, war die eigentliche Bedeutung von Weihnachten als Fest von Jesus Geburt und damit als Fest der Liebe und Nächstenliebe viel fühlbarer.

Als Weihnachtsüberraschung sind wir dann noch in die "Kolonie" gefahren, in der Hema und Jeevans zukünftiges Haus steht. Es war ein sehr netter Besuch, weil sie viele Freunde dort haben. Sie wollen gerne dort hinziehen, aber sie haben nicht genug Geld dafür und müssten eine neue Arbeit finden. Deswegen ist es leider nicht so leicht, aber es war sehr schön, ihr hoffentlich zukünftiges Dorf kennenzulernen. Danach sind wir noch zu Jeevans Familie gefahren, die auch sehr nett war und die ich hoffentlich bald wieder besuchen kann.

Mein erster Weihnachtsfeiertag war also sehr voll mit bedeutungsvollen und schönen Momenten. Abends habe ich noch, wie bei unserem Familienweihnachten mit Gitarre ein paar Weihnachtslieder gesungen und ihnen meine Geschenke gegeben – so hatte es dann doch noch einen heimatlichen Touch.

Insgesamt ist Weihnachten auf jeden Fall ein Familienfest und ich war sehr froh, dass ich mit meiner Familie auch skypen konnte. Aber ich habe auch hier enge Freunde und Familie gewonnen und hatte mit ihnen schöne Feiertage.

Am 26. Dezember ging es dann auch schon los auf eine längere Reise: Ich fahre mit den anderen Freiwilligen an die Westküste nach Goa, wo mich auch mein Freund Philipp besuchen wird. Danach besuche ich noch Leonie und Felix in ihren Projekten in Udupi – aber dazu schreibe ich dann etwas im nächsten Blog!

Liebe Grüße aus dem Zug nach Goa von Miriam

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Weihnachtsprojekt: Essenspakete für die Obdachlosen (Foto: EMS/Gieseke)
Weihnachtsprojekt: Essenspakete für die Obdachlosen (Foto: EMS/Gieseke)
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Schön weihnachtlich: Der Candlelight-service in der Kirche (Foto: EMS/Gieseke)
Schön weihnachtlich: Der Candlelight-service in der Kirche (Foto: EMS/Gieseke)

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