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Das Krippenspiel auf unserer Weihnachtsfeier (Foto: EMS/ Mayer)
Das Krippenspiel auf unserer Weihnachtsfeier (Foto: EMS/ Mayer)
07. Februar 2019

Allein der Glaube, allein die Gnade

Lea

Lea

Indien
unterstützt ein Heim für Kinder mit geistiger Behinderung
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Die Church of South India (CSI) ist mit ca 15.000 Gemeinden die größte evangelische Kirche Indiens. Damit ist sie auch eine der größten protestantischen Kirchen Asiens. Ein Schwerpunkt der Arbeit der CSI ist die Überwindung der Kastenschranken und die Förderung von Mädchen und Frauen. Da ich in einem christlichen Heim und Schule der CSI mitarbeite erlebe ich täglich, wie Christsein in Indien praktiziert wird und daran möchte ich euch teilhaben lassen. Natürlich kann ich nur von Erfahrungen mit der Kirche und dem christlichen Leben in meiner Einsatzstelle und meinem Umfeld hier berichten.

Mit einigen Kindern gehen wir sonntags für eineinhalb Stunden in die Kirche, die immer voll ist. Deshalb sitzen viele Menschen auch außerhalb der Kirche und verfolgen den Gottesdienst auf Leinwänden. Indische Christen*innen überlegen nicht, ob sie in die Kirche gehen oder ob nicht - sie gehen immer. Die Männer ziehen sich für den Gottesdienst schicke Hemden und Hosen an, die Frauen tragen einen schönen Saree, häufig mit Gold- oder Silberverzierungen, dazu auffällige Goldketten und anderen Schmuck. Die Kirche und der Gottesdienst sind für sie alle etwas Besonderes.

Der Gottesdienstablauf entspricht in etwa dem unseren, jedoch wird in der CSI Immanuel Church, die ich hier jeden Sonntag besuche, deutlich mehr gesungen. Bei den modernen Liedern steht und singt, wippt und klatscht die gesamte Gemeinde. Von Kirchenmitgliedern werden nicht nur eine, sondern meist zwei bis drei Bibelstellen vorgelesen. Ansonsten verstehe ich im Gottesdienst leider nur sehr wenig, da er auf Tamil ist.

Glaube in Indien

Der Glaube ist ein sehr wichtiger Bestandteil im Leben meiner Kolleg*innen und Freund*innen. Zweimal täglich wird in der Bibel gelesen. Vor jeder Mahlzeit und vor der Schule findet hier im Heim ein "Prayer" statt, in dem gesungen und gebetet wird. Vor allem das Beten ist für die Menschen hier sehr wichtig; man bittet Gott um Hilfe, wenn es Mitmenschen nicht gut geht, man vertraut Gott alles an und dankt ihm. Als ich krank war, trösteten mich die Mitarbeiterinnen oft und munterten mich damit auf, dass Gott bei mir ist, mich beschützt und wieder gesund macht. Sie fragen mich auch, ob ich für sie, ihre Familie oder anderen Menschen, denen es nicht gut geht, beten kann. Häufig erzählen sie mir, dass es Gottes Wille ist, dass sie in diesem Heim arbeiten. Gott gebe ihnen Kraft für die Arbeit mit 70 eingeschränkten und damit unselbständigen Kindern, die doch oft sehr schwer sein kann.

Ich bemerke, dass viele Christ*innen der Überzeugung sind, dass sie jeden Tag die Bibel lesen und Gutes tun müssen, damit sie von Gott geliebt werden. Ein weiterer großer Unterschied zu meinem eigenen Glauben zeigt sich beim Thema Homosexualität. Die meisten indischen Christ*innen glauben, dass wahre Liebe nur zwischen Mann und Frau existieren kann und dass nur diese von Gott gewollt und richtig sei.

"Denn Gott bevorzugt oder benachteiligt niemanden." (Römer 2,11)

Der Großteil der indischen Kinder, die im Heim leben oder zur Schule kommen, sind Hindus wie die Mehrheit der indischen Bevölkerung. Hier lernen sie den christlichen Glauben kennen und erleben die christlichen Rituale.

Beim hinduistischen Kastensystem wird der Mensch in eine bestimmte Gesellschaftsgruppe hineingeboren. Von Geburt an bis zum Tod gehört man dieser bestimmten Kaste an, man kann sie weder wechseln noch auf- bzw. absteigen. Die Einteilung in die Kasten hängt vom Beruf und somit auch vom Vermögen ab. Die Menschen, die der obersten Kaste angehören, werden "Brahmanen" genannt und sind meist Priester oder Gelehrte. Darunter folgen die "Kshatriyas", das sind Fürsten, Krieger und höhere Beamte. Menschen der dritten Kaste sind Bauern und Kaufleute, man bezeichnet sie als "Vaishyas". Die "Shudras" stellen die unterste Kaste dar und bestehen aus Knechten und Dienstleistern. Die "Dalits", die Unberührbaren, gehören keiner der vier Hauptkasten an und werden aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden. Meist leben sie in Armut.

Eigentlich wurde das Kastensystem 1989 abgeschafft, im indischen Alltag ist es jedoch nach wie vor präsent und fest in der Kultur verankert. In Städten allerdings verliert das System immer mehr an Bedeutung. Mit der Zeit verstehe ich, wie tief dieses System das Leben der Menschen prägt. Beispielsweise ist den Mitarbeiterinnen der Schule und des Heims, die, wie in Indien üblich, auf der Suche nach einem Partner für ihre Kinder sind, sehr wichtig, dass der zukünftige Partner aus derselben Kaste stammt.

Aufgrund ihrer Behinderung wird den im Heim lebenden Kindern durch ihr Umfeld zuhause und durch das Kastensystem oft vermittelt, dass sie aufgrund ihrer körperlichen und /oder geistigen Einschränkung nicht so viel Wert seien und nichts könnten. Es ist sehr schön zu sehen, wie die Mitarbeiterinnen im Heim durch den Glauben an Gott zeigen und leben, dass Gott jeden liebt, dass alle Menschen gleich sind und dass jeder individuelle Talente hat. Damit schenken sie den Kindern durch ihren Glauben an Gott große Hoffnung.

"Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst." (Altes Testament, Leviticus 19,18)

Nächstenliebe und Gemeinschaft sind hier im Heim sehr wichtig. Viele Kinder sind nicht selbstständig und auf die Hilfe anderer angewiesen. So ist es den vier Mitarbeiterinnen nicht möglich, morgens alle die Kinder zu waschen, die Hilfe benötigen. Im Alltag helfen dann die älteren Kinder, die selbstständiger sind und vieles können, den kleineren beim Waschen und Anziehen. Auch wenn ein Kind eine nasse Hose hat, kommt meist sofort ein anderes Kind, hilft und zieht es um. Man achtet nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Mitmenschen - gelebte Nächstenliebe. Eine Gemeinschaft, die wirklich sehr schön ist.

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CSI Immanuel Church (Foto: EMS/ Mayer)
CSI Immanuel Church (Foto: EMS/ Mayer)

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