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Die ambazonische Flagge. (Foto: Wikipedia/ Southern Cameroon)
Die ambazonische Flagge. (Foto: Wikipedia/ Southern Cameroon)
06. Januar 2018

Kamerun - ein Land vor dem Bürgerkrieg? – Teil 2

David

David

Kamerun
unterstützt eine Presbyterian High School
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Die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate

Der Konflikt in den beiden anglophonen Provinzen Kameruns hat sich zugespitzt, als im Herbst 2016 die Lehrer- und die Anwaltschaft in Streik getreten sind. Sie kritisierten unter anderem, dass immer mehr frankophone Lehrer*innen und Anwält*innen in den anglophonen Teil gesendet werden und dort dann die leitenden Positionen erhalten, ohne dass diese ausreichend über das anglophone Bildungs,- bzw. Rechtssystem Bescheid wissen. Außerdem wurde von den Anführer*innen des Protests zu „Ghost Towns“ aufgerufen, zu einer Art Generalstreik des öffentlichen Lebens an bestimmten Tagen. An bis zu drei Tagen die Woche sollen dann die Geschäfte geschlossen und die Menschen möglichst zuhause bleiben, damit die Städte „Geisterstädten“ gleichen. Die Idee ist, somit erstens ein gewaltfreies Zeichen gegen die Diskriminierung zu setzten und zweitens auch den kamerunischen Staat wirtschaftlich durch die fehlenden Steuereinnahmen zu schwächen. Am meisten leidet darunter allerdings die Bevölkerung selbst: Viele Menschen geraten durch diese Maßnahme in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil sie sich einen ganzen Tag ohne zu arbeiten nicht leisten können. Trotzdem müssen sie an diesen Operationen mitmachen, weil sie sonst eventuell von den Organisatoren unter Druck gesetzt werden.
Ab November gab es – vor allem in der größten anglophonen Stadt Bamenda – immer wieder Demonstrationen, die teilweise auch gewaltsam verliefen. Laut Medien kamen im Zuge dieser Proteste, die von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen worden sind, mindestens 13 Personen ums Leben. Zahlreiche weitere wurden verletzt.

Weil die Proteste immer größer wurden, griff die Regierung im Januar 2017 zu einer sehr rigorosen Maßnahme: Sie schaltete für die beiden anglophonen Regionen das Internet ab. Damit sollte die Organisation gemeinsamer Demonstrationen verhindert werden. Die Wirtschaft und die Menschen dort wurden durch diese Maßnahme extrem hart getroffen, denn viele Unternehmen konnten ohne Internet einfach nicht mehr weiterarbeiten. Der Protest kam aber trotzdem nicht zum Erliegen: Über SMS wurden weiterhin wöchentliche „Ghost-Town“-Operationen vereinbart.

Ende April wurde das Internet für die anglophonen Regionen – auch auf internationalen Druck hin - wieder freigeschaltet. Im August wurden dann sogar einige Separatist*innen als Entgegenkommen der Regierung freigelassen, um einen geregelten Schulstart zu gewährleisten. Doch die Anführer*innen der Separatist*innen, die fast alle vom Ausland aus operieren, forderten die Freilassung aller politischen Gefangenen und riefen die anglophone Bevölkerung auf, ihre Kinder zuhause zu behalten. Am 22. September gab es im Zuge der Rede Paul Biyas vor der UN-Generalversammlung im gesamten anglophonen Teil Proteste. Das Militär reagierte brutal und schoss neun Personen nieder.

Am 1. Oktober, am Unabhängigkeitstag der anglophonen Regionen, wurde dann (einseitig!) die Unabhängigkeit der ehemaligen britischen Kolonie ausgerufen und der Staat „Ambazonia“ gegründet. Trotz der verhängten Ausgangssperre gab es in fast jeder Stadt und jedem Dorf Feierlichkeiten anlässlich der von internationalen Beobachtern als symbolisch gewerteten Staatsgründung. Dabei kam es zu einem bisher unbekannten Ausmaß der Gewalt: Die Regierung spricht von neun Toten, die Separatist*innen von mehreren hundert, die NGO „International Crisis Group“ von mindestens 40. Es gab mindestens 500 Inhaftierungen, außerdem werden etliche Menschenrechtsverletzungen beklagt. Zum Beispiel soll das Militär prophylaktisch Tränengas versprüht haben, in viele Häuser eingedrungen sein, Männer willkürlich geschlagen und Frauen sexuell missbraucht haben. Im Laufe des ersten Oktobers wurde erneut das Internet abgestellt, dieses Mal für drei Wochen. Bis jetzt ist massive Militärpräsenz in den anglophonen Regionen zu beobachten.

In den letzten Wochen und Monaten haben sich militante separatistische Organisationen gegründet, die immer wieder Anschläge auf kamerunische Soldat*innen verüben, vor allem in der Gegend um die nigerianische Grenze. Dort hat das kamerunische Militär nun auch mehrere Dörfer evakuiert, bzw. die Menschen zur Flucht gezwungen. Inzwischen sind laut Aljazeera mehr als 30 000 Menschen vor den Unruhen nach Nigeria geflohen.

 

Für mich als Freiwilligen war es auf der eine Seite zwar sehr interessant, eine solche politisch geprägte Zeit mitzuerleben. Auf der anderen Seite war es für mich aber nicht immer ganz leicht, mit dieser Situation umzugehen. In Wum hatte ich zwar keinerlei Sorgen um meine körperliche Unversehrtheit, allerdings war mein Alltag doch sehr beeinträchtigt durch die schwierige Situation: Der Schulbetrieb läuft nur sehr eingeschränkt, denn viele Eltern wollen ihre Kinder nicht zur Schule schicken, aus Protest oder aus Sorge. Jedes Mal, wenn es zu Protesten oder zu Bränden an Schulen kam, waren am nächsten Tag weniger Kinder in der Schule. Nach dem ersten Oktober kam eine Woche sogar erst einmal kein*e Schüler*in mehr. Das erschwerte das Unterrichten ungemein für mich.

Am 22. September und um den ersten Oktober durfte ich auch nicht das Haus meines Gastvaters verlassen, da er die Situation als zu unsicher einschätzte.

Am schwierigsten war für mich allerdings die Ungewissheit: Die Ungewissheit, wann und in welchem Ausmaß ich meiner Arbeit nachgehen kann, die Ungewissheit, wie sich der Konflikt weiterentwickelt, die Ungewissheit, ob ich vielleicht sogar aus dem anglophonen Teil abgezogen werden muss. Diese Ungewissheit wurde verstärkt durch die brodelnde Gerüchteküche und ganz unterschiedlichen Einschätzungen: Die einen meinen, es wird bald eine gute und friedliche Lösung gefunden werden, die anderen glauben, dass der Konflikt zwangsläufig im Bürgerkrieg enden wird. Ich persönlich kann die Situation nur sehr schwer einschätzen. Ich beobachte, dass der Konflikt gerade einen sehr gefährlichen Weg einschlägt, der zu immer mehr Gewalt führt. Deshalb glaube ich, dass jetzt der Zeitpunkt für die internationale Gemeinschaft gekommen ist, Einfluss auf diese Entwicklung zu nehmen. Jetzt sollte die UN einschreiten, damit sie möglicherweise in ein paar Jahren nicht die Scherben eines weiteren „failed state“ aufkehren muss. Und jetzt sollten auch die ehemaligen Kolonialmächte wie Deutschland versuchen, diesen Konflikt mit Diplomatie zu deeskalieren.

 

P.S: Wie ihr sicherlich gemerkt habt, schreibe ich in der Vergangenheitsform. Denn leider bin ich gar nicht mehr in Kamerun. Was es damit auf sich hat und wie es für mich jetzt weitergeht, könnt ihr in meinem nächsten Blogbeitrag lesen!  

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Tränengas über Wum am 1. Oktober 2017. (Foto: EMS/Löw)
Tränengas über Wum am 1. Oktober 2017. (Foto: EMS/Löw)