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An dem nahegelegenem Lake Wum. (Foto: EMS/Löw)
An dem nahegelegenem Lake Wum. (Foto: EMS/Löw)
31. Oktober 2017

Grüße aus Wum!

David

David

Kamerun
unterstützt eine Presbyterian High School
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Erste Eindrücke und Gedanken

Es tut mir leid, dass ich erst jetzt einen Blogbeitrag veröffentliche! Das ist aber vor allem der politischen Situation hier geschuldet. In den letzten drei Wochen hat die kamerunische Regierung das Internet für den anglophonen Teil Kameruns, in dem ich für zehn Monate leben werde, gekappt. Mehr zu der sehr brisanten politischen Situation findet ihr in meinem zweiten Blogbeitrag, der in den nächsten Tagen erscheinen wird.

Nun bin ich seit zwei Monaten in Wum. Schon seit zwei Monaten. In dieser Zeit habe ich unendlich viele neue Eindrücke gewonnen. Wie soll ich all diese hier nur schildern? Der erste Blogeintrag kann und soll nur sehr grob von meinen Erlebnissen und Gedanken der letzten Wochen handeln:

Am 2. September machte ich mich zusammen mit meinen vier Mitfreiwilligen auf nach Kamerun. Nach einer anstrengenden, aber vor allem aufregenden dreitägigen Reise kam ich schließlich in Wum, einer kleinen Stadt im Nordwesten Kameruns an. Hier lebe ich zusammen mit meinem Gastvater, Edward Cheng, dem ehemaligen Bürgermeister von Wum, in seinem Haus. Dieses ist im Gegensatz zu vielen anderen Häusern hier sehr groß und von einem Garten voller tropischer Obstbäume und anderer, für mich sehr exotischen, Pflanzen umgeben. Außerdem leben noch drei Hunde (die alle Bulli heißen), eine Katze und zwölf Schweine auf dem Grundstück.

In den ersten Tagen habe ich mich erst einmal ausgeruht und wurde von Edward ein wenig durch Wum geführt. Obwohl Wum immerhin ca. 70000 Einwohner hat, wirkt es auf mich eher wie ein großes Dorf, das eine Hauptstraße hat, an welcher der Markt, viele Läden und Bars zu finden sind. Es liegt an der sogenannten Ring Road, eine kreisförmige Straße, die mehrere Städte und Dörfer im hügeligen Nordwesten Kameruns miteinander verbindet. Große Teile dieser Straße, so auch der Teil nach Wum, sind unbefestigt und deshalb vor allem während der Regenzeit nur sehr schlecht zu befahren. Von Wum nach Bamenda, der nächstgrößeren Stadt, kann es dann für die 70 km lange Strecke bis zu fünf Stunden dauern!

Ab der zweiten Woche habe ich dann auch angefangen ein wenig an meiner Einsatzstelle, der Presbyterian High School, zu arbeiten. Dort unterrichte ich bis jetzt die Klassen eins bis fünf in Deutsch (entspricht den Klassen fünf bis zehn in Deutschland). Für mich ist es noch ein wenig komisch, nach nur so kurzer Zeit plötzlich auf der anderen Seite des Pultes zu stehen. Ich empfinde es auch als unglaublich herausfordernd, nur mit der Tafel als Hilfsmittel mehr oder weniger aus dem Stegreif einer täglich immer wechselnden Schüler*innenzahl Deutsch beizubringen. Der Schulbetrieb funktioniert im anglophonen Teil Kameruns aufgrund der politischen Lage allerdings nur sehr eingeschränkt. Die meisten Schulen haben noch gar nicht geöffnet und die Schulen, die geöffnet haben, können nur eine sehr geringe Anwesenheit der Schüler*innen verzeichnen. In meiner Schule zum Beispiel waren in den letzten Wochen zwischen null und 50 von eigentlich ca. 200 Schüler*innen da. Es gibt auch noch keinen Stundenplan, die Schüler*innen tragen noch keine Schuluniformen, der Unterrichtet findet nur vormittags statt, die Schulküche, etc. ist noch nicht im Betrieb. Ich hoffe sehr, dass die Schule bald richtig losgeht und ich mich dort mehr engagieren kann! Alles in allem macht mir das Unterrichten aber sehr Spaß.

Da ich wegen der politischen Umstände noch nicht so viel in der Schule machen konnte, habe ich in den ersten Wochen viel gelesen, Edward bei Besorgungen in Wum oder bei Barbesuchen begleitet.

In diesen ersten zwei Monaten habe ich das erlebt, was man einen „Kulturschock“ nennt. Alles ist mir zu Anfang anders und fremd vorgekommen: Die tropische Landschaft, die (Alltags-)Sprache (Pidgin), die Verhaltensweise der Menschen, gefühlt einfach alles. Auf der Straße bin ich ständig mit sogenannten „Klischeebildern“ konfrontiert worden: Mit Situationen und Bildern, von denen ich bisher dachte, es gäbe sie (zumindest in diesem Ausmaß) nur in klischeehaften und mit Vorurteilen vollgepackten Geschichten und Filmen. Ein typisches Beispiel dafür ist das Bild einer „afrikanischen“ Frau in bunten Gewändern, die etwas auf ihrem Kopf balanciert. Ich bin mir hier so vorgekommen, als würden die Menschen hier Theater für mich spielen, um meine Klischees und Vorurteile sogar noch zu bedienen. Ein interaktives Theaterstück, von dem ich allerdings die Regieanweisungen nicht kenne und somit nur beobachten, nicht mitmachen kann. Obwohl ich hier sehr nett empfangen wurde, habe ich mich dadurch unglaublich fremd in dieser neuen Umgebung gefühlt. Inzwischen hat sich dieser Eindruck ein wenig relativiert. Ich habe das Gefühl, nicht mehr nur die Andersartigkeit, sondern nun auch Gemeinsamkeiten wahrzunehmen. „Klischeebilder“ fallen mir manchmal gar nicht mehr auf. Wahrscheinlich entstehen Vorurteile auch genau so: durch erste Blicke, durch ungenaues Hinschauen und vorschnelles Urteilen, wie es in wenigen Wochen nur möglich ist. Zwar empfinde ich dies nun schon nicht mehr so extrem wie in den ersten Tagen, aber ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, wie ich genau das mache: wie ich in Klischees denke, Klischees vorschnell bestätige und sogar neue in mir schaffe. Dies zu vermeiden ist vermutlich ein sehr langer, bzw. nie endender Prozess. Ich bin also nicht nur schon zwei Monate hier, sondern vor allem auch erst zwei Monate. Auch wenn ich schon jetzt unglaublich viele neue Eindrücke gewonnen habe, bin ich mir sicher, dass in den nächsten Monaten noch viele dazukommen, die diese ersten Eindrücke ergänzen oder auch widerlegen werden. Ich freue mich darauf, euch von diesen zu berichten!

 

Euer David!

 

P.S. Warum schreibe ich diese Blogs? Ich tue das nicht nur deshalb, weil es von weltwärts vorgeschrieben ist. Für mich ist dieser Blog ein Medium, durch das ich euch zum Einen die Möglichkeit geben möchte, an meinen Erlebnissen und Eindrücken teilzuhaben. Zum Anderen ist es eine Chance für mich all diese zu reflektieren. Beim Schreiben dieses ersten Blogbeitrages ist mir aufgefallen, wie schwer es mir fällt, meine Eindrücke anderen mitzuteilen. Da ich immer gezwungen bin, etwas wegzulassen und (meine) Sprache nie die Vollständigkeit des Erlebten wiedergeben kann, besteht die Gefahr, dass bei euch Lesenden ein unvollständiges oder gar verzerrtes Bild von Kamerun entsteht. Deshalb bitte ich euch, meine Berichte mit Vorsicht zu genießen. Ich schildere hier nur meine subjektiven Eindrücke, die sich nicht auf ganz Kamerun und schon gar nicht auf ganz Afrika übertragen lassen.

 

P.S.S.: Bei Fragen, Anregungen oder Sonstigem lasst doch gerne einen Kommentar da!

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Das Haus meines Gastvaters. (Foto: EMS/Löw)
Das Haus meines Gastvaters. (Foto: EMS/Löw)
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Zusammen mit meinem Gastvater Edward Cheng vor den Menchum waterfalls. (Foto: EMS/Löw)
Zusammen mit meinem Gastvater Edward Cheng vor den Menchum waterfalls. (Foto: EMS/Löw)