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Im Deutschunterricht machen wir gerade das Thema Familie. Als Einstieg sollte jedes Kind seine Familie malen. Hier ist Abdullahs Bild (1. Klasse) mit seinen vier Geschwistern, den Eltern, Großeltern und einem Schaf. (Bild: EMS/Garden)
Im Deutschunterricht machen wir gerade das Thema Familie. Als Einstieg sollte jedes Kind seine Familie malen. Hier ist Abdullahs Bild (1. Klasse) mit seinen vier Geschwistern, den Eltern, Großeltern und einem Schaf. (Bild: EMS/Garden)
30. April 2018

Mehr als nur ein Name

Pia

Pia

Jordanien
unterstützt eine integrative Blindenschule
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„Der 'Familienname', auch 'Name', ist ein Teil des Namens eines Menschen. Er ergänzt den Vornamen und drückt die Zugehörigkeit des Namensträgers zu einer Familie aus.“ Das ist die Definition, welche auf der Wikipedia Seite zum Thema Familienname steht.

Für mich gehört der Nachname genauso wie mein Vorname zu mir, meiner Identität.

Dennoch haben Nachnamen in Jordanien nach meiner Erfahrung einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Meine Verwandten haben zum Teil den gleichen Nachnamen wie ich, manche aber auch nicht. Durch Heirat haben einige andere Namen angenommen. Ich teile mir mit anderen wiederum den gleichen Namen, auch wenn wir persönlich nicht blutsverwandt sind. Ich kenne natürlich die meisten Menschen, die zu meiner Familie gehören, bezweifle aber, dass jemand von außerhalb alleine durch das Wissen wie ich heiße mir etwas über meine Familie erzählen kann.

In Jordanien ist das größtenteils anders. Ich hatte nun schon mehrmals Gespräche über Familienamen in Jordanien, meist mit Lehrerinnen meiner Einsatzstelle. Vieles von dem, was ich über das Thema weiß, stammt von ihnen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, dennoch möchte ich aus den Berichten und meiner eigenen Erfahrung folgendes ableiten:

An einem Familiennamen können viele Einheimische dir sagen wo der Großteil der Familie wohnt bzw. ursprünglich herkommt, was für große Ereignisse letztens in dieser Familie passiert sind und welcher Religion du angehörst. Fast alle christlichen Angestellt*innen an der AES haben beispielsweise den Nachnamen „Haddad“ und sind schätzungsweise auch alle über Ecken miteinander verwandt.

Anders als es in Deutschland oftmals der Fall ist ändert man in Jordanien nicht seinen Namen bei der Heirat. Mann und Frau behalten beide ihren eigenen Familiennamen, wobei die Kinder aus dieser Ehe automatisch den Nachnamen ihres Vaters annehmen. Miss Nisreen ist eine Englischlehrerin an der AES und mit ihr habe ich lange über dieses Thema geredet. Sie war sehr irritiert von der Tatsache, dass man in Deutschland seinen Namen ändert wenn man heiratet. Noch dazu, dass beispielsweite mein Vater den Namen meiner Mutter angenommen hat - einfach weil dieser besser klingt als sein ursprünglicher. So könne man ja gar nicht nachvollziehen welcher Familie man gehöre, war ihre Meinung dazu. Dass dies in Deutschland nicht so wichtig sei, fand sie befremdlich.

In den Familien wird sich untereinander geholfen, selbst wenn man sich gar nicht wirklich kennt. Auch in Deutschland ist Familiensinn wichtig, trotzdem ist mein Umfeld individualistischer geprägt. Ich persönlich sehe meinen Namen eher als Teil von mir, auch unabhängig von dem Rest meiner Familie. Bei meinen jordanischen Bekannten habe ich eher das Gefühl der Name repräsentiert ihre Wurzeln und was andere in ihnen sehen.

 Zu einem Namen gehört natürlich auch der Vorname. Es kann jedoch sein, dass man in Jordanien ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr damit angesprochen wird. Und zwar wenn man Kinder hat, was hier ziemlich selbstverständlich zu jeder Ehe dazugehört. Viele werden als Mutter (Umm) von …, bzw. Vater (Abu) von … angesprochen. Unsere Gastmutter Elham kann so auch „Umm Ehab“ genannt werden. Öfters werden mir Personen nur als die 'Eltern von jemandem' vorgestellt. Dabei richtet sich die Anrede nach dem ersten Sohn der Familie, auch wenn dieser das jüngste Kind ist. Wenn man „nur“ Mädchen hat übernimmt man den Namen der erstgeborenen Tochter.

Insgesamt beobachte ich, dass das Zusammenleben von Eltern und Kindern ist enger als ich es von meiner Familie kenne. Viele junge Erwachsene bleiben bei ihren Eltern wohnen bis sie selbst heiraten. Auch nach eigener Familiengründung bleibt der Kontakt zur den Herkunftsfamilien sehr eng.

Die „jordanische Gesellschaft“, soweit ich sie erfahren habe und überhaupt zusammenfassen kann, ist eigentlich eher distanziert zueinander, vieles passiert im Privatem. Dafür ist das Familienleben sehr kollektivistisch geprägt, ganz anders als meine Erfahrungen. Für mich ist es sehr spannend daran einmal teilzuhaben, bin aber auch in vielen Dingen froh, dass ich anders geprägt bin. So sehe ich es als große Freiheit nun zum Studium selbstverständlich auch alleine in eine andere Stadt zu ziehen.