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Gifty und ich (Foto: EMS/Sandherr)
Gifty und ich (Foto: EMS/Sandherr)
23. April 2018

Ghanaisches Schulleben

Miriam

Miriam

Ghana
wirkt am Presbyterian University College mit
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Das schönste Gefühl der Welt:

Die Schulkinder rennen morgens in einem großen Pulk auf mich zu und  umarmen mich so fest, dass ich mich bei dem Ansturm kaum auf den Beinen halten kann.

So ergeht es mir im Moment jeden Morgen und ich versichere euch, dass es keinen besseren Start in den Tag gibt!

Anstatt an der Universität zu arbeiten, unterstütze ich im Moment eine Grundschule bzw. einen Kindergarten. Dort gehen ca. 100 Kinder von 1-10 Jahren hin. Unterrichtet wird bereits ab dem Kindergartenalter, also ab ungefähr drei Jahren. Die Schule heißt „St. Augustine‘s Jubilee School“ und ist eine katholische Privatschule. Das heißt, dass man monatlich einen Beitrag von 80 Cedis (umgerechnet ca. 17 Euro) zahlen muss, sowie tägliches Essensgeld von 1,50 Cedis (ca. 30 Cent) für das warme Mittagessen. Das klingt jetzt vielleicht nicht so viel, aber für viele Menschen hier ist das ein Haufen Geld. Außerdem summiert sich das logischerweise bei einer größeren Anzahl von Kindern.

Allgemeines zum Bildungssystem

In Ghana ist es nun zum Glück so, dass staatliche Grundschulen und sogenannte „Junior High Schools“ (unsere Mittelstufe bis zum Alter von ungefähr 16 Jahren) „tution-free“, also kostenlos sind. Das heißt, dass jedes Kind theoretisch zur Schule gehen könnte und sollte. In Realität sieht es jedoch manchmal leider ein bisschen anders aus. Doch muss man sagen, dass Ghana bildungstechnisch im Vergleich zu den meisten anderen afrikanischen Ländern weit vorne liegt. Das wurde in unterschiedlichen Gesprächen immer wieder betont. Nach der „Junior High School“ folgt die „Senior High School“.

„Senior High Schools“ sind zu 80 Prozent Internate. Das heißt, dass man normalerweise im Alter von 16 Jahren auszieht und ab diesem Zeitpunkt mit Gleichaltrigen in Wohnheimen lebt. Man lernt also schon sehr viel früher für sich alleine zu sorgen. „Senior High Schools“ sind sehr teuer und deswegen können dort nur Kinder aus priviligierten Familien hingehen. Das gleiche gilt für Universitäten. Es gibt zwar auch staatliche „Senior High Schools“ und Unis, allerdings gibt es immer einen gewissen Beitrag, der gezahlt werden muss. Deswegen schaut mich jeder, dem ich hier erzähle, dass Schule in Deutschland nichts kostet, mit ungläubigen Augen an. Da sieht man mal wieder, wie gut wir es haben...

Allgemein lässt sich sagen, dass Privatschulen im Vergleich zu staatlichen Schulen besser sind. Die Kinder kriegen bessere Unterrichtsmaterialien (oder überhaupt welche), ein besseres Lernumfeld und die Lehrer sind besser ausgebildet.

Alltag in der St. Augustines Jubilee School

Für mich beginnt der Morgen in der Schule zwischen 7:30 und 8 Uhr. Meistens sind schon viele Kinder und einige Lehrerinnen da (insgesamt gibt es vier Lehrerinnen, einen Lehrer und zwei Erzieherinnen für die ganz Kleinen). Morgens putzen die Kinder den Hof und die Klassenzimmer mit Reisigbesen und spielen oder essen Kekse. Es gibt zwei Köchinnen, die ab morgens draußen anfangen das Mittagessen zu kochen.

Um 8:30 Uhr ist Assembly, das heißt, dass sich die Kids in ihren Klassen in Reihen aufstellen. Es wird erstmal gebetet, die Nationalhymne gesungen und dann marschieren sie in ihre Klassen. Das klappt allerdings bei den Kleineren (verständlicherweise) noch nicht so gut...

Danach beginnt für die Kindergarten- und Schulkinder der Unterricht. In einer Klasse sind zwischen zwanzig und dreißig Kindern, eine vergleichweise überschaubare Anzahl, wenn man sich andere Schulen anguckt. Jedoch kommt es auch oft vor, dass Lehrer fehlen und Klassen zusammengelegt werden.

Hauptsächlich lernen die Kinder Englisch, Mathe, Religion und ein bisschen Naturwissenschaften. Der Unterricht ist fast ausschließlich frontal und es wird viel nachgesprochen. Ich bin meistens in den älteren Klassen und assistiere dort den Lehrern. Außerdem habe ich eine Art Kunstunterricht eingeführt, denn Kunst wurde vorher noch nicht unterrichtet. Alle freuen sich total, wenn wir etwas malen oder basteln und auch die Lehrer sind sehr begeistert über meine Malkünste und zeichnen teilweise mit ab. Deswegen habe ich jetzt auch angefangen viele bunte Lernplakate zu malen und so die Klassenräume ein wenig bunt zu gestalten. Die Freude und Dankbarkeit darüber ist unbeschreiblich groß, obwohl das in meinen Augen nichts besonderes ist.

Um 10 Uhr gibt es einen mitgebrachten Snack (meistens Nudeln oder Reis) und danach geht der Unterricht bis zum Mittagessen um 12:30 Uhr weiter. Das Mittagessen verteilt der jeweilige Lehrer sehr gerecht auf und jedes Kind holt sich von ihm seine Schüssel ab. Vor dem Essen wäscht sich jedes Kind die Hände in einer großen Schüssel mit Wasser (es wird ja mit den Händen gegessen) und dann wird gemeinsam gebetet. Ich esse mit den Kindern.

Nach dem Mittagessen wird theoretisch nochmal bis 15 Uhr unterrichtet. Allerdings haben die Lehrer teilweise anderes zu tun und oft wird nur noch gespielt. Meistens gehe ich gegen 16 Uhr nach Hause, weil dann auch der Großteil der Kinder bereits abgeholt wurde.

Herausforderungen für mich persönlich

Das Schlimmste für mich ist eindeutig, dass hier Kinder geschlagen werden. Man sieht keinen Lehrer ohne einen „cane“ (Stock) in der Hand. Offiziell ist es verboten, aber das interessiert in der Praxis keinen. Die Kinder werden zwar zum Glück nicht sehr stark geschlagen und weinen auch nur selten, aber das ist natürlich trotzdem schrecklich anzusehen.

Wenn ich alleine unterrichte und die Kids mir auf der Nase herumtanzen, kommen oft Schüler an und wollen mir einen Stock in die Hand drücken mit den Worten: „You have to beat them!“. Das lehne ich natürlich ab. Die Kinder sind untereinander sehr aggressiv und prügeln sich viel. Letztens hat ein fünfjähriges Mädchen einen Jungen mit einem Gürtel so sehr geschlagen, dass er geblutet hat. So etwas zu sehen, schockt mich ziemlich. Da muss man sich mal vorstellen, mit wie viel Gewalt manche Kinder hier konfrontiert werden.

Es ist bzw. war anfangs schwierig für mich, für Ruhe zu sorgen und mich durchzusetzen. Doch durch viel Ausprobieren habe ich mittlerweile die besten Methoden herausgefunden (alle aufstehen, ein bisschen herumspringen, Lieder singen und Belohnungen wie nach dem Unterricht ein Spiel zu spielen).

Resümee

Die Kinder können mich zwar an die Grenzen meiner Kräfte bringen, doch das macht jedes Lächeln und fröhliche Gesicht sofort wieder wett. Die Erfahrungen, die ich an der Schule sammle, sind die schönsten und eindrücklichsten. Arbeitstechnisch macht es mir hier bisher auch am meisten Spaß.

Trotz des Schlagens ist die Schule ein Ort voller Freude. Die Kinder sind hier unglaublich gerne und das merke ich jeden Tag.

Sowohl die Kids als auch die Lehrer freuen sich sehr über meine Anwesenheit und meine Unterstützung. Obwohl ich keine ausgebildete Lehrerin bin, fühle ich mich hier sehr nützlich und gebraucht.

Die Kids lieben es, wenn ich ihnen aus Deutschland erzähle. „Madam Miriam, please tell us how winter and snow are like” oder “Show me how to draw the plane you were flying with to Ghana” sind Sätze, die ich öfter höre. Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Dafür bin ich ja schließlich hier. :)

Liebe Grüße von einer glücklichen (Madam) Miriam

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Die tägliche Mittagspause (Foto: EMS/Sandherr)
Die tägliche Mittagspause (Foto: EMS/Sandherr)
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Meine Kids während der morgendlichen Pause (Foto: EMS/Sandherr)
Meine Kids während der morgendlichen Pause (Foto: EMS/Sandherr)

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