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Der Schulbus des Presbyterian University College (Foto: EMS/ Sandherr)
Der Schulbus des Presbyterian University College (Foto: EMS/ Sandherr)
09. Januar 2018

Daily Business

Miriam

Miriam

Ghana
wirkt am Presbyterian University College mit
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Arbeitsalltag in Agogo

Mittlerweile bin ich schon zur Agogorianerin geworden und berichte euch mal ein bisschen aus meinem Alltag und meiner Einsatzstelle.

Nach zwei erholsamen und abenteuerlichen Wochen am Meer heißt es jetzt wieder: an die Arbeit. Ich arbeite an dem Presbyterian University College Ghana (PUCG). Insgesamt gibt es fünf Campusse vom PUC. Die medizinische Fakultät in Agogo ist mit 1500 Studenten die größte.

Das PUC in Agogo

Das Unigelände ist sehr grün und liegt auf einem Berg. Es umfasst ein "Administration Office", eine Bibliothek, ein "Demonstration Room" (zur praktischen Erläuterung) und eine dreistöckige "Lecture Hall" mit acht Klassenzimmern. Außerdem gehören fünf Hostels zu der Universiät, in denen die „Fresher“, die neuen Studenten, in Viererzimmern wohnen. Nach einem Jahr müssen sie etwas eigenes in Agogo oder in den umliegenden Dörfern anmieten, weil jedes Jahr neue Studenten kommen und in die Hostels ziehen.

PUC ist eine private Universität und man muss sehr hohe Studiengebühren zahlen. In Ghana ist es leider noch so, dass (gute) Bildung Geld kostet und es bisher auch nur wenige staatliche Universitäten gibt. Wer also Geld hat, schickt sein Kind an eine private Fakultät und ermöglicht ihm so eine weitgehend sichere Zukunft.

PUC und Religion

Wie der Name schon sagt, gehört das PUC zur Presbyterian Church. Der Religion und dem Glauben werden große Bedeutung beigemessen. Jeder Student muss, um dort studieren zu können, einer Kirche angehören. Dabei  spielt es allerdings keine Rolle, welcher. Es gibt viele religiöse Veranstaltungen, denen ich zum Teil beiwohne. So gibt es jeden Morgen um 7:30 Uhr die "Morning Devotion" (eine Sequenz aus der Bibel wird vorgelesen und dann diskutiert), jeden Mittwoch den „Midweek Service“ (Gottesdienst für alle Studenten) und zweimal im Monat den sonntäglichen „Family Service“. Dort gehe ich am liebsten hin, denn diese Gottesdienste werden von den Studenten gestaltet und es wird viel gesungen und getanzt. Zu Glauben und Kirche in Ghana werde ich nochmal einen seperaten Blogeintrag schreiben, weil es auch in diesem Bereich meiner Meinung nach unheimlich viel Interessantes zu berichten gibt.

Medizinische Studien am PUC

Man kann in Agogo zwei Studiengänge für jeweils vier Jahre belegen, nämlich „Physician Assistantship“ und „Nursing“. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Krankenschwester bzw. Krankenpfleger ein Ausbildungsberuf ist, wird in Ghana ein Studium benötigt. "Physician Assistants" gibt es in Deutschland nicht. Sie wurden aus dem amerikanischen Gesundheitssystem übernommen. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen im Krankenhaus zu empfangen, eine Erstdiagnose festzustellen und sie dementsprechend den richtigen Stationen zuzuweisen. Von den Nurses unterscheidet sich ihre Ausbildung grob gesagt dadurch, dass sie ein breiteres Spektrum an Wissen vermittelt bekommen. Sie sind sozusagen „Mini-Ärzte“.

Das Studium ist, genau wie in Deutschland, in Semester gegliedert. Jedes Semester schließt die „Examination“ ab, es werden also Klausuren geschrieben. Diese Phase ging zuletzt bis knapp vor Heilig Abend.

In Agogo liegt das größte Missionskrankenhaus Ghanas, das "Presbyterian Hospital". In ganz Ghana hat es einen sehr guten Ruf. Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem Krankenhaus. Die Studenten absolvieren dort ihre Praktika sowie ihre praktischen Prüfungen. Am Anfang des Studiums beobachten sie hauptsächlich. Später kriegen sie einen Patienten zugeteilt und schreiben über ihn eine Art Facharbeit. Teilweise verbringen sie dehalb ganze Semester im Krankenhaus.

Mein Arbeitsalltag im PUC

Nun zu meiner Arbeit: Ich verbringe die meiste Zeit mit administrativen Tätigkeiten. Madame Tina ist meine „Chefin“ und ich teile mir mit ihr das Büro. Wir sind für die werdenden Physician Assistants zuständig.

Jeden Tag werde ich freundlich von den Gärtnern, Putzfrauen und meinen Kollegen empfangen: „Amaaaa, Maakyee! Ete sen?“.  

Ich habe im Büro sehr viel zu tun. Das sah am Anfang anders aus. Jedoch habe ich stark dafür gekämpft, Arbeit und Verantwortung zu bekommen, schließlich bin ich nicht zum Nichtstun und Urlaubmachen hier.

Täglich laufen mindestens 50 Studenten ins Büro und kommen wegen ihrer Registrierung, wegen offizieller Briefe und Anträge, Arztkitteln, Beschwerden über die Hostels oder wegen ihrer Stundenpläne und Vorlesungen. Tina ist die „Mutter“ im Büro, die -  meistens - alles unter Kontrolle hat. Ghana und seine Menschen sind wunderbar. Aber Verwaltung erlebe ich fast durchgehend als großes Durcheinander. Niemals wird ein Dokument zu richtigen Zeit am richtigen Ort ankommen. Auch Pünktlichkeit wird hier nicht gerade groß geschrieben. Das beweisen täglich zumindest die Studenten. Einmal hat es morgens geregnet und ich stand alleine in der Uni. Regen heißt also: Man muss nicht zur Arbeit kommen? Andere Länder – andere Sitten. Worüber sich Ghanaer wohl in Deutschland wundern?

Jeder Student hat einen Ordner, die wichtige Dokumente enthalten wie z.B. die Ergebnisse des WSSCE (ghanaisches Abitur), Letter of Admission and Acceptance, Registrierungspapiere, Zulassung für medizinische Untersuchungen usw. Diese Dokumente müssen sortiert und eingeheftet werden und damit verbringe ich viel Zeit. Außerdem schreibe ich Briefe, erstelle Listen oder korrigiere Klausuren. Während der Klausurenphase durfte ich „supervisen“, also beaufsichtigen. Das stellte eine sehr schwierige Situation für mich dar, weil die Studenten erstens alle älter und außerdem teilweise meine Freunde sind. Außerdem wird hier mehr betrogen und geschummelt, wenn ich das richtig beurteilen kann. Die Konsequenzen und Bestrafungen hängen stark vom Lehrer ab, entweder passiert bei z.B. Reden rein gar nichts, der Student wird umgesetzt oder im schlimmsten Fall der Test weggenommen. Das passierte aber wirklich kaum und wenn, dann nur kurz vor der offiziellen Abgabe. Diese Inkonsequenz erschwerte es mir, Respekt zu erlangen.

Deswegen bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass die Klausurenphase jetzt erstmal vorbei ist. Im Moment ist es auf dem Campus noch sehr ruhig, weil das Semester für die älteren Studenten (außer die Fresher) erst wieder im Februar losgeht.

Vorteile

Ich genieße das Umfeld der Universität sehr. Es gibt viele Veranstaltungen wie z.B die „Matriculation“ und  „Graduation“, die wir teilweise mitvorbereiten oder zumindest daran teilhaben dürfen.

Ein Riesenvorteil ist, dass hier relativ viel Englisch gesprochen wird, also jeder zumindest Englisch beherrscht. Tina sagt zwar immer: "You speak Twi like a real Ghanaian", aber das kann ich so leider nicht unterschreiben.

Ich liebe die Gespräche, die ich mit Mitarbeitern, Proffessoren und Studenten führe. Ich frage viel und lerne dadurch die ghanaische Kultur und Traditionen besser kennen. Es gibt z. B. so viele Unterschiede im Bildungssystem, in Zeremonien wie Beerdigungen und Heiraten bis hin zum im alltäglichen Leben, wie Kinder hier aufwachsen, womit sie ihre Freizeit verbringen, wann sie ausziehen usw.

Trotzdem ist es auch schön zu sehen, wenn mir Priscilla (meine 18-jährige Zimmergenossin und Freundin) von ihrer Schwärmerei erzählt und mich um Rat fragt. Da merkt man doch, dass manche Themen in gewissen Altersklassen überall auf der Welt gleich sind.

Probleme

Das PUC ist jedoch als Einsatzstelle nicht immer einfach. Jan und ich sind die ersten Freiwilligen hier und es bestand und besteht immer noch kaum Verständnis für Freiwillige und wie es z. B. ist, als junger Mensch aus Deutschland in ein Entwicklungsland zu kommen. Außerdem habe ich viel mit meinem Mentor über meine Arbeit diskutiert. Ich wollte zusätzlich an einer Grundschule unterrichten und dort die Lehrer unterstützen. Das habe ich auch am Anfang versprochen bekommen, doch bis Weihnachten ist trotz beinahe täglichen Nachfragens nichts passiert. Allerdings durfte ich das auch nicht selber in die Hand nehmen und musste jeden Tag zur Arbeit kommen. Ich habe aber nicht aufgegeben und mir deshalb noch Abwechslung im Krankenhaus gesucht.

Einmal in der Woche arbeite ich dort. Bisher war ich im Labor, habe dort unter Anleitung Bluttests durchgeführt und die Patientenproben in Empfang genommen. So kriege ich zussätzlich einen Einblick in das Krankenhausleben, was mich sehr interessiert und fasziniert.

Wohnen auf dem Campus

Wegen der knappen Wassersituation im Studentenwohnheim verbringe ich sehr viel Zeit bei Lena auf dem Krankenhausgelände und man kann fast sagen, dass ich bei ihr lebe. Wir wohnen zusammen mit drei jungen Ärzten in einer WG. Mit Hilda teilen wir uns ein Bad (es gibt sogar fließendes Wasser!) und haben eine gemeinsame Küche. Wir verstehen uns wirklich gut und ich freue mich immer, dorthin zu kommen. Die Stimmung ist super fröhlich und es wird viel gelacht. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, gehe ich außerhalb meiner Arbeitszeiten mit einem Arzt in den OP. Das ist meistens am Wochenende der Fall. Ich habe großen Respekt vor meinen Mitbewohnern, weil sie immer auf Bereitschaft sind und auch oft mitten in der Nacht aus dem Schlaf geklingelt werden, um zu arbeiten.

Plan für die nächste Zeit

Im Februar werde ich (endlich) auch an einer Schule unterrichten. Es handelt sich um eine "Basic School", also werden es Kinder im Alter von 12 bis15 Jahren sein. Ich bin sehr gespannt, wie das wird.

Den darauffolgenden Monat werde ich in der Bücherei der Universität verbringen und dort helfen.

Danach geht es wieder in die Schule und am Schluss werde ich im Krankenhaus bei den praktischen Prüfungen der Studenten dabei sein.

Das klingt vielversprechend und abwechslungsreich und ich blicke der nächsten Zeit freudig entgegen.

Hobbies und Freizeit

Ich habe hier ein neues Hobby gefunden und zwar Singen im Chor. Anfangs war ich im Chor der Universität, allerdings waren die Proben dort ziemlich durcheinander und es hat mir nicht so großen Spaß gemacht. Beim Weihnachtsgottesdienst begleitete ich den Chor spontan auf der Geige, was sehr schön war.

Im Labor hat mich eine Ärztin angesprochen und gefragt, ob ich Lust habe, mit ihr zu einer Probe des Heaven‘s Gate Choirs zu gehen. Ich sagte natürlich ja und bereue diese Entscheidung keinesfalls! Der Chor hat ungefähr hundert Mitglieder, vor allem Ärzte und Studenten. Er klingt wunderschön und ich habe mich dort sofort aufgehoben und integriert gefühlt. Der Chor trifft sich zweimal in der Woche und im Moment gehe ich auch noch zusätzlich einmal in der Woche zur „Orientation“, bis ich ein vollständiges Mitglied bin.

An den Wochenenden reisen Lena und ich oft. Wir machen Ausflüge auf Dörfer ohne Strom und „Netz“. Oder wir fahren nach Kumasi und besuchen dort Freunde. Ansonsten ist mein Alltag arbeitstechnisch ziemlich ausgefüllt und die Abende gehen fürs Einkaufen auf dem Markt, Kochen, Waschen und natürlich Rumalbern mit meinen Mitbewohnern drauf. Lena und ich machen uns auch gerne mal entspannte Mädelsabende mit Nudeln mit Tomatensoße und einem netten Filmchen.

Mir geht‘s also sehr gut und ich freue mich auf die neuen Herausforderungen im neuen Jahr.

Ich freue mich außerdem über Kommentare, Anregungen und jegliche Form von Rückmeldung. Wenn ihr gerne mehr über bestimmte Themen erfahren wollt, meldet euch doch bitte. Mir macht es großen Spaß zu berichten und ich kriege hier so viel mit.

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Arbeit im Krankenhaus: links im OP und rechts im Labor (Foto: EMS/ Sandherr)
Arbeit im Krankenhaus: links im OP und rechts im Labor (Foto: EMS/ Sandherr)
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Besuch einer Schule auf dem Dorf (Foto: EMS/ Sandherr)
Besuch einer Schule auf dem Dorf (Foto: EMS/ Sandherr)

Kommentare

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Katharina Klein 12. Januar 2018 Deutschland
Wie schön, so einen wunderbar formulierten und interessanten Beitrag lesen zu können!! Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß, liebe Miri!!
Philip 19. Februar 2018 Deutschland
Toller Beitrag. Möchte selbst nach Ghana gehen und finde es sehr hilfreich! Lässt sich gut lesen und gibt einen interessanten Einblick in den Alltag!
Wünsche weiter alles Gute!!