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Gruppenfoto Elim Blues (Foto: EMS/Nuding)
10. Mai 2017

Rugby

Paul

Paul

Südafrika
unterstützt eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung
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Sinnlose Körperverletzung oder taktischer Sport?

„Rugby – das ist doch der Sport, der mehr einer brutalen Massenschlägerei gleicht und in dem die Spieler nicht einmal Schutzkleidung tragen.“ Die Aussage höre ich öfter. Ganz falsch ist sie nicht, aber auch nicht wahr, wie ich herausgefunden habe. Mir ging es selbst aber auch nicht anders, bevor ich nach Südafrika kam. Mein Wissen umfasste nur noch den Fakt, dass Australien und Neuseeland besonders gut in diesem Sport wären.

So kam ich also mit Vorurteilen beladen in ein Rugby-verrücktes Land. Man sollte wissen, dass Rugby lange Zeit und vor allem während der Apartheid als Sport der Weißen und Coloureds in Südafrika galt. Während die schwarze Bevölkerung eher Fußball begeistert war. Noch heute findet man dieses Schema in der südafrikanischen Gesellschaft wieder. Inzwischen ist diese alte Trennung der Rassen strukturell seit dem Amtsantritt Nelson Mandelas zum Präsidenten Südafrikas beendet. Dieser Tag liegt nun bereits 23 Jahre in der Vergangenheit, doch in vielen Bereichen des täglichen Lebens wirkt die Zeit der Rassentrennung noch heute nach. In den meisten Wohngegenden leben Schwarze und Weiße getrennt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei der schwarzen Bevölkerung fünfmal so hoch wie bei der Weißen. Die Einkommensverteilung ist ähnlich unausgewogen. Diese Fakten sind Nachwirkungen der Apartheid, aber auch ein Zeichen für das Versagen der korrupten Regierung Südafrikas. Selbst im Sport spürt man Nachwirkungen deutlich. Jeder kann seinen Sport frei wählen, aber Rugby wird überwiegend von der weißen Bevölkerungsschicht und den Coloureds gespielt.

Der Fußball im Land erlebte einen Aufschwung durch die Weltmeisterschaft 2010. In diesem Jahr war Südafrika das Gastgeberland. Die meisten werden sich an diese Weltmeisterschaft erinnern, in der Deutschland im Halbfinale ausschied und das Spiel um Platz drei gegen Uruguay gewann. Außerdem wurden bei diesem Sportevent die Vuvuzelas in der internationalen Fußballkultur etabliert. Allerdings sind diese in deutschen Stadien aufgrund ihrer Lautstärke verboten. Nach der Weltmeisterschaft, die Südafrika nicht den gewünschten Wirtschaftsaufschwung brachte, fiel das Fußballfieber des Landes wieder ab und man widmete sich wieder dem Rugby. Eine einfache Erklärung, weshalb Rugby und nicht Fußball der Nationalsport ist, ist, dass Südafrika im Rugby eine der Topmannschaften der Welt ist, während es im Fußball bisher noch keinen nennenswerten internationalen Erfolg zu vermelden hat.

Die Rugbynationalmannschaft heißt Springbocks. Der Springbock ist das Nationaltier des Landes und findet dadurch seinen Weg auf viele Trikots, Mützen, Schals und diverse sonstigen Fanartikel. Ich möchte nicht auf das komplette Rugby-Regelwerk eingehen. Das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. In groben Zügen möchte ich jedoch die Spielidee erklären. Ein Spiel besteht aus zweimal 40 Minuten Spielzeit und gespielt wird mit einem rotationselliptisch, oder umgangssprachlich: „eiförmigen“, geformten Ball. Im Rugby stehen 15 Spieler pro Mannschaft auf dem Feld. Es gibt genaue Positionen der Spieler, die durch die Rückennummer festgeschrieben sind. Die Positionen haben bestimmte Aufgaben im Spiel, vor allem bei Standardsituationen nach einem ruhenden Ball. Punkte können auf unterschiedliche Weisen erzielt werden. Entweder durch Ablegen des Balls in der gegnerischen Endzone (Try) oder durch Kicken des Balls durch das H-förmige Tor des Gegnerteams. Der Ball darf nicht nach vorne, sondern lediglich nach hinten oder zur Seite gepasst werden. Kicken darf man den Ball hingegen auch nach vorne. Durch Takeln des ballführenden Spielers wird versucht, den Vormarsch des Gegnerteams zu verhindern und den Ball zu erobern. Das Wort des Schiedsrichtergespannes ist Gesetz auf dem Feld. Interessanter Weise wird bei diesem doch aggressivem Sport viel weniger über die Entscheidungen des Schiedsrichters gemeckert und sich beschwert als es im Fußball der Fall ist.

Mein erster Kontakt mit Rugby war ein Bezirksligaspiel, das in Elim stattfand. Ich habe nur schwer dem Spielgeschehen folgen können, da ich noch keinen blassen Schimmer von den Regeln hatte. Das Spiel endete in einer Schlägerei zwischen einigen Spielern, die nur mit Mühe aufgelöst werden konnte. Danach sah ich meine Vorurteile erst einmal bestätigt und meine anfängliche Motivation, mehr über diesen Sport zu lernen, war etwas gedämpft. Aber nach einer Weile in Elim überkam mich der Drang nach sportlicher Betätigung und so widmete ich mich dem Rugby. Die neue Saison startete erst im Februar, aber das Training begann bereits im Januar. Zu diesem gesellte ich mich auch schließlich. Auf dem Rugbyfeld kommen Jungs unterschiedlichen Alters zusammen, um zu spielen oder zu trainieren. Elim Blues, die Mannschaft des Rugbyclubs in Elim, spielt in der untersten Kreisliga. Dementsprechend lässt die Motivation für das Training zu wünschen übrig, was ich nicht ganz nachvollziehen kann.

Im Training sind normalerweise so zwischen zehn und 30 Menschen. Die meiste Zeit spielen wir Touch-Rugby. Das ist eine Abwandlung des normalen Rugbys, in der es keinen Körperkontakt gibt. Der ballführende Spieler muss den Ball bereits bei der kleinsten Berührung des Gegenspielers abgeben. Mir gefällt diese Variante sehr, da es viel auf Schnelligkeit und Körpertäuschungen ankommt. Wenn wir tatsächlich mal trainieren handelt es sich meistens um Krafttraining, also sprich Zirkeltraining. Vor allem Sprints, die natürlich existenziell für einen erfolgreichen Spielzug sind, üben wir oft. Meiner Meinung nach wird das Ausdauertraining, das notwendig wäre, sehr vernachlässigt. Manchmal widmen wir uns auch taktischen Spielzügen oder trainieren Standardsituationen. Im Training kommt es aber fast nie zu Körperkontakt. Ich selbst habe noch kein Ligaspiel für den Elim Blues bestritten. Dafür habe ich noch zu viel Respekt vor der Härte des Sportes und meine Fähigkeiten sind auch beschränkt. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Nichts desto trotz genieße ich den körperlichen Ausgleich zu meiner Arbeit und die Gemeinschaft des Teams. Durch das Rugby Training habe ich viele Gleichaltrige kennengelernt und Kontakte knüpfen können. Deshalb gehe ich so oft wie möglich in der Woche zum Rugbyfeld.

Nun möchte ich zu meiner einleitenden Frage zurückkommen. Ist Rugby sinnlose Körperverletzung oder ein taktischer Sport? Inzwischen habe ich mich etwas mit diesem Sport auseinandergesetzt. Ich habe mit vielen aktiven Spielern geredet, etwas Recherche im Internet betrieben und selbst am Training teilgenommen. Meiner Meinung nach ist Rugby ein sehr Team basierter Sport. Das Team kann nur erfolgreich spielen, wenn es als Gemeinschaft auftritt und harmoniert. Gleichzeitig trägt jeder einzelne eine große Verantwortung, da es durch kleine individuelle Fehler schnell zu Punkten für die Gegner kommen kann. Natürlich handelt es sich um einen sehr körperbetonten Sport. Aber es gibt die klare Regel, dass nur unterhalb des Halses getakelt werden darf. Zudem ist es, im Gegensatz zum American Football, nur erlaubt, den momentan ballführenden Spieler zu takeln. Um durch die Linien der Gegner zu brechen und einen Touch-Down zu erzielen, erfordert es großes taktisches Geschick und viel körperliche Kraft. So muss ein guter Rugbyspieler neben einem sehr gut durchtrainierten Körper auch intelligent sein, um die Spielsituation schnell zu verstehen und darauf passend zu reagieren. Mich begeistert die Schnelligkeit und Intensität des Spiels. Ich muss gestehen, dass mich mittlerweile etwas das Rugbyfieber gepackt hat.

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Herrliche Kulisse beim Auswärtsspiel in Karwyderskraal (Foto: EMS/Nuding)
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Teamkreis nach dem Spiel (Foto: EMS/Nuding)