21. März 2017

Krankenhausbesuch

Paul

Paul

Südafrika
unterstützt eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung
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Allein im südafrikanischen Krankenhaus

Ich lasse mich auf den letzten freien Stuhl fallen und atme erstmal tief durch. Ich befinde mich auf einem Wartestuhl im Flur eines Krankenhauses. Neben mir sitzen 14 andere Personen auf Stühlen und warten. An meiner rechten Seite steht ein Wasserspender. Schräg gegenüber ist ein Tresen, an dem ein junge Frau steht und telefoniert. Mein Blick wird auf das rege Treiben auf dem Gang gelenkt. Dort rennen Ärzte/innen, Arzthelfende und anderes Personal auf und ab. Wie in einer Ameisenstraße wuseln die Leute in ihren sterilen, grünen und blauen Uniformen umher. Ich beobachte die Personen neben mir. Es sind Leute mit ganz verschiedenen Hautfarben, die unterschiedlich alt sind. Meine Augen bleiben bei einem etwas älteren Mann hängen, dessen Kopf wie bei einer Mumie in einen Verband eingewickelt ist. Was dem wohl passiert ist? Motorradunfall, Rugbyschlägerei oder wurde er von seiner Ehefrau mit einem Nudelholz verdroschen? Der Frau, die an seiner Seite sitzt, traue ich das auf jeden Fall zu.

Mein Blick wandert nun zu meinem linken Arm, an dem die frische Bisswunde zu sehen ist. Man kann den Abdruck der einzelnen Beißer in meiner Haut zählen. In meinem Kopf höre ich die Stimme meiner Kieferorthopädin: „UK eins, zwei, drei, vier, fünf ist da, 6 ist da, 7 fehlt...“. Weisheitszähne scheint der Junge noch nicht zu haben, stelle ich zufrieden fest. Schlimm ist die Bisswunde sicherlich nicht, bemerke ich. Die Haut ist kaum verletzt, es ist lediglich angeschwollen. Einen Arzt sollte ich sicherheitshalber trotzdem drüber schauen lassen. Wozu sollte ich ein Risiko eingehen? Und vor allem ist das doch mal eine Abwechslung zum Alltag, seufze ich, lehne mich entspannt zurück und warte. Erst beobachte ich den Ameisenstrom, aber daran verliere ich schnell die Lust, da es echt nicht abwechslungsreich ist. Ich zücke mein Handy und fange an, Headsoccer zu spielen. Nach wenigen Minuten gebe ich auf, der Computer ist einfach zu gut. Ich wechsle das Spiel und beschäftige mich erfolgreich 10 Minuten lang damit, Früchte auf meinem Handybildschirm zu zerschneiden. Das Frustrationsrisiko ist auch bei diesem Spiel zu hoch und ich lasse es sein. Ich schaue noch meine WhatsApp- Kontakte nach neuen Profilbildern durch, bevor ich das Handy wieder in die Hosentasche gleiten lasse.

Nach gefühlten Stunden des Nichtstuns schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass ich bereits eine halbe Stunde warte. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass immer wieder eine sehr unfreundliche Stimme unverständlich einen Namen ruft. Nachdem die versammelten Wartenden erörtert haben, um welchen Namen es sich diesmal handelt, steht die Person auf und geht in das Zimmer, aus dem die Frauenstimme rief. Ich zähle die Leute, die bereits vor mir da waren und darauf warten, dass ihr Name ertönt. Ich komme auf fünf. Also kann es ja nicht mehr ewig dauern, schlussfolgere ich. Es wäre doch mal Zeit, der Toilette einen Besuch abzustatten. Nicht etwa, dass ich müsste, aber zum Zeitvertreib kann man ja trotzdem mal gehen. Ich hatte bereits observiert, wo sich das stille Örtchen befindet. Nachdem ich auf der Toilette festgestellt habe, dass man die Tür nicht verriegeln kann, und ich tatsächlich nicht muss, gehe ich zurück auf meinen Platz und warte.

Ein dunkelhäutiger, hünenhafter Mann fällt mir auf, der schon zum wiederholten Mal an meinem Platz vorbeiläuft. Er ist eine wirklich gewaltige Erscheinung. Dem möchte ich nicht nachts auf der Straße begegnen. Seine türkisfarbene Krankenhausuniform ist ihm sichtbar zu klein, wahrscheinlich gibt es keine in seiner Größe. Nachdem nun eine geschlagene Stunde vergangen ist und mein Name noch immer nicht aufgerufen wurde, komme ich langsam ins Grübeln. Ich erinnere mich nochmal an die Worte von meiner Fahrerin Johann, ich müsse nur da warten, man habe für mich angerufen. Ich beschließe nochmal fünf Minuten zu warten. Nach 15 Minuten stehe ich schließlich auf und bewege mich zum Tresen. Die Frau sagt mir wie schon befürchtet, dass mein Name nicht auf der Liste steht. Ich müsse erst zur Rezeption gehen, mich anmelden. Na klasse, murmele ich nur und lasse mir den Weg dahin zeigen. An der Rezeption sind natürlich nur zwei der vier Schalter besetzt und ich bin auch nicht der einzige, der wartet. Auf der Uhr über der Rezeption schaue ich dem Minutenzeiger beim Voranschreiten zu. Ungefähr mit der gleichen Geschwindigkeit arbeiten auch die Leute hinter den Schaltern. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde des Wartens ist nur noch eine Person vor mir dran. Doch da ertönt eine Stimme, die verlautet: „ Bitte kommen sie in 1 ½ Stunden wieder, wir machen jetzt Mittagspause.“ Das kann doch nicht ihr verdammter Ernst sein!

Die Person vor mir verlässt gerade den Schalter, da stürze ich schon hin und beginne zu reden. Ich beginne der jungen Dame schnell die missliche Lage des deutschen Freiwilligen aus Elim mit seiner Bisswunde zu erläutern. Sie ist so freundlich und nimmt sich meiner an.
- Sei ich den zum ersten Mal in diesem Krankenhaus?
Ja!
- Dann müsse man erst eine Akte erstellen.
Okay!
- Würde ich denn meinen Reisepass mit mir führen?
Nein, aber meinen deutschen Personalausweis!
- Das gehe auch.
Erleichterung breitet sich in mir aus. Die Frau beginnt die Formulare auszufüllen. Sie kommt nicht sehr weit. Sie holt sich Hilfe bei einem Mann der geschätzte 160 kg wiegt und es gerade so schafft, sich mit seinem Bürostuhl zum Tresen zu rollen. Nachdem er mir erzählt, dass die Frau erst seit gestern hier arbeitet und ich ihr erster Ausländer wäre, widmet er sich gemütlich den Formularen. Das war ja so klar, dass ich an die kompetenteste aller Möglichkeiten gerate, denke ich mir genervt. Nachdem ich sämtliche Fragen nach Vorerkrankungen mit Nein beantwortet habe, muss ich nur noch eine Gebühr von 20 Rand entrichten. Scheiß Bürokratie, denke ich mir und reiche der Dame das Geld. Sie ist so freundlich und führt mich sogar zu der nächsten Stelle, an der ich warten soll. Ich gebe meine neu angelegte Mappe einer Frau an einem Tresen. Dann setze ich mich auf einen freien Stuhl.

Das Umfeld kommt mir nur allzu bekannt vor. Natürlich, hier saß ich schon für über eine Stunde und habe gewartet! Sogar im selben Stuhl. Meine Stimmung kippt nun vollkommen und ich fluche leise vor mich hin. Aber auch das bringt nichts und ich warte. Mittlerweile habe ich das Gefühl für Zeit verloren und finde mich langsam mit meinem Schicksal ab. Der Bissabdruck ist inzwischen auch schon deutlich abgeschwollen und ich frage mich, was ich denn überhaupt noch hier mache. Ich vegetiere noch einige Zeit so vor mich hin. Doch da, auf einmal schrecke ich auf. Habe ich gerade meinen Namen gehört? Tatsächlich! Ich höre nochmal die monotone Frauenstimme „Nuding“ sagen. Ich springe auf und gehe geschwind zu dem mir zugewiesenen Zimmer. Ich schaue in das Zimmer und erschrecke. Da steht er und wartet bereits auf mich. Der dunkelhäutige Hüne, dem ich nicht nachts begegnen wollte. Zum Glück ist nicht Nacht, raune ich mir beschwichtigend zu und gehe unsicher in den Raum. Der Mann kommt freundlich auf mich zu und fragt, was denn passiert sei. Nach einer schnellen Schilderung des Geschehenen und einem kurzen Blick auf meinen Arm sagt er nur: „Schön, dass sie vorbei gekommen sind, aber da ist weiter nichts. Ich gebe ihnen trotzdem mal eine Spritze für alle Fälle.“ Na super, wie ich es schon erwartet habe, alles umsonst. Der Mann verwickelt mich in ein kurzes Gespräch und gibt mir dabei beiläufig eine Spritze in die Schulter. Dann ist auch schon alles vorbei. Während ich den Raum verlasse, denke ich mir, dass war aber ein netter Mann und sehr hilfsbereit. Paul du musst aufhören so vorschnell Leute zu verurteilen, schimpfe ich mit mir selbst. Mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest: Drei Stunden warten für drei unnötige Minuten mit dem Arzt. Naja was solls, jetzt erstmal raus hier!

Endlich stoße ich die Türen des Krankenhauses auf. Ein erfrischender Windhauch ergreift meine Haare. Meine Nase saugt gierig die frischen Abgasgerüche ein und da treffen die Sonnenstrahlen auf meine schon von Kunstlicht ausgeblichene Haut. Freiheit! Ich setze mich auf die nächste Bank. Von dem ganzen anstrengenden Sitzen muss ich mich erstmal setzten. Was nun? Ja stimmt, Johann wollte mich abholen. Aber wann? Ich hole bereits mein Handy aus der Hosentasche, als mir einfällt das ich natürlich nicht ihre Nummer habe. Ich sacke hoffnungslos in mich zusammen. Ich stelle mich schon darauf ein, auf dieser Bank für die Nacht zu campieren (Anmerkung es ist eigentlich erst 12:00), aber da kommt schon die Erlösung um die Ecke, in Gestalt von Johann. Ich wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen, aber ich beherrsche mich und antworte ganz cool auf die Frage, ob ich denn lange gewartet hätte: „Ne ne, eigentlich gar nicht“. Ich steige in das Auto und denke mir nur: Welcome to South Africa!