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(Foto: EMS/von der Laden)
08. Februar 2017

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Bennet

Bennet

Korea
unterstützt die kirchliche Sozialarbeit der PROK
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Wo Licht ist, ist auch Schatten

"...Nachdem ich die Schule beendet habe, habe ich mich an den verschiedensten Unis beworben und an deren Einstellungstests teilgenommen. Als ich erfuhr, dass ich keinen einzigen bestanden hatte, wollte ich mir das Leben nehmen." - Geschichten aus dem Leben einer Freundin. So schockierend sich diese Sätze auch lesen mögen, ist sie mit solchen Erfahrungen gewiss kein Einzelfall in ihrer Generation. Südkorea hält den unrühmlichen Titel des Landes mit der weltweit höchsten Suizidrate unter Jugendlichen.

Während man Korea im Ausland in erster Linie mit dem stets quietschvergnügten K-Pop assoziiert, kämpfen unzählige junge Erwachsene hierzulande mit den hohen Ansprüchen ihrer Wettbewerbsgesellschaft. Während viele Firmen in den letzten Jahren enormen Profit aus der Globalisierung gezogen haben, fallen die Menschen selbiger zum Opfer. Während sich Passanten auf der Brücke über die neuesten Modetrends aus Europa austauschen, fährt unter ihnen ein Boot des "Suicide Watch" Patrouille.

Mein Gastland hat in den vergangenen Jahrzehnten eine wirtschaftliche Aufholjagd hingelegt, die ihres Gleichen sucht. Der technologische Fortschritt ist omnipräsent und die medizinische Versorgung genießt weltweit hohes Ansehen. Der bittere Beigeschmack dieser beneidenswerten Entwicklung lässt sich jedoch leider nicht ignorieren - und er breitet sich aus. Viele meiner Freunde berichten von geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sollte man keinen tadellosen Abschluss von einer renommierten Universität vorzuzeigen haben. Genau das ist es auch, was ihnen ihre gesamte Schulkarriere über von ihren Lehrern eingetrichtert wird. Die Konsequenz findet sich in Bibliotheken gefüllt mit teils über ihrem Lernmaterial eingeschlafenen Schülern und Studenten. Oder auch in diesem Moment links und rechts von mir um 0:40 in einem der zahlreichen 24h Cafés.

Nicht nur in den Bildungsstätten des Landes lässt sich das Streben nach Perfektion beobachten. Die Schönheitsindustrie erfreut sich in Korea eines riesigen und stetig größer werdenden Marktes. Nicht wenige Menschen in meinem Bekanntenkreis haben bereits den einen oder anderen kosmetischen Eingriff bei sich vornehmen lassen. Das Schönheitsideal orientiert sich hier am vermeintlich europäischen Look und kennt keinen weiten Toleranzbereich. Der Gedanke, dass etwas Übergewicht eine Frau nicht unbedingt entstellen muss, stieß in meinem Umfeld bereits auf einige verständnislose Gesichter - ebenso wie die Tatsache, dass der kleinwüchsige Schauspieler Peter Dinklage die Rolle eines Zuschauerlieblings in der US-Serie "Game of Thrones" spielen darf.

Dass nicht alle Menschen in Korea kurz vor einem Burn-Out stehen, dürfte klar sein. Dass Ästhetik nicht für jeden Koreaner auf solch engem Raum Platz findet, ist selbstverständlich. Nichtsdestotrotz ist der Druck, makellos zu sein, auf den Schultern vieler meiner Altersgenossen unverkennbar. Und so kommt es, dass ein Mädchen aufgrund nicht bestandener Tests von der Brücke springen möchte. Auf dieser sind alle paar Meter Sätze eingraviert, die sie auf andere Gedanken bringen soll. Bei ihr hat es funktioniert.