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Lama schreibt mit Griffel auf einer 27-Linientafel, womit auch alle Kinder an der Schule schreiben lernen. Jeder einzelne Punkt wird spiegelverkehrt eingestanzt, um es am Ende richtig lesen zu können. (Foto: EMS/Jeric)
Lama
09. Juni 2017

Jeder hat etwas Einzigartiges

Alisa

Alisa

Jordanien
leistet ihren Freiwilligendienst in einer integrativen Blindenschule
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Ein Interview mit Lama

Wo bist du auf die Schule gegangen?

Zuerst war ich in Amman auf der Blindenschule. Im Anschluss daran war ich auf zwei staatlichen Schulen, an der ich die einzige Blinde war.

Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

Die Lehrer waren nicht dafür ausgebildet, blinde Kinder zu unterrichten. Anfangs waren sie überrascht, da sie noch nie zuvor niemanden mit einer Behinderung gesehen haben und nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. So durfte ich auch nur an den Schulen bleiben, weil ich sehr hohe Punkte in meinen Examen schrieb und mithalten konnte. Aber sie haben sich nach einiger Zeit daran gewöhnt und wussten, wie sie mit mir umgehen müssen. Ähnlich war es auch im Umgang mit den Schülerinnen: Anfangs war ich alleine in den Pausen. Ich habe gelernt, dass ich auf andere zugehen muss, damit sie mich kennenlernen können. So habe ich auch meine erste Freundschaft geschlossen und dann war es einfacher, auch andere Freunde zu finden. Wenn ich Hilfe brauchte, war immer jemand da, der mir geholfen hat.

Wurdest du auch benachteiligt oder schlecht behandelt?

Erst an der Universität. Ich war auf Mädchenschulen – ich glaube, nur unter Mädchen ist es nicht so. Aber an der Universität ist das anders. Da sind viele Leute, die ihre Witze über mich machen, lachen oder mich schlecht behandeln. Meistens sind es die Jungen, die mir auf dem Campus begegnen und wenn ich in einem neuen Kurs bin. Der Professor war geschockt und hat mich schlecht behandelt. Sobald sie aber mein Englisch hören und nach meinem ersten Examen meine hohe Punktzahl sehen, beginnen sie mich gut zu behandeln. Viele denken, blinde Menschen lernen langsam und sind schlecht.

Wie gehst du mit diesen Erlebnissen um?

Am Anfang war es sehr schwer für mich. Ich habe versucht, alle Kommentare zu ignorieren, aber zu Beginn gelang mir das nicht. Ich bin weinend nach hause gegangen. Nach kurzer Zeit konnte ich es dann aber richtig ignorieren, ich denke darüber nicht nach und es interessiert mich nicht. Ich glaube, sie machen das nur, weil sie mich nicht kennen, nicht wissen was ich kann und keine Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben. Sobald sie mich kennen, reden sie nicht mehr schlecht über mich und wir werden oft enge Freunde.

Wirst du an der Universität auch bevorzugt?

Ja, aber das ignoriere ich. Ich möchte genauso wenig bevorzugt wie benachteiligt werden, das ist nicht fair. Manchmal können die Professoren das erst nicht nachvollziehen, aber dann behandeln sie mich doch so, wie alle anderen auch.

Wie schreibst du deine Examen?

Im Unterricht ist es kein Problem, wenn ich in Braille mitschreibe. In Examen ist das jedoch nicht möglich, da keiner der Professoren Braille lesen kann. Ich diktiere meine Examen und meistens schreibt einer meiner Freunde, der gut in Englisch ist, für mich in Schwarzschrift. Da bei mir auch Rechtschreibfehler gewertet werden, muss ich schwere Wörter buchstabieren.

Was ist dein schönstes Erlebnis in deinem Leben?

Gleichzeitig Schüler und Lehrer zu sein. Das ist sehr seltsam, aber auch richtig schön. Denn ich kann mich immer auch in die Lage der Schüler hineinversetzen. So kann ich den Schülern helfen, stärker zu werden als ich, weil ich ihnen helfen kann, die Fehler zu vermeiden, die ich getan habe. Das ist das Beste, was ich hier machen kann. Außerdem ist es wunderbar mitanzusehen, wie sich die Kinder entwickeln. Wenn ich am Anfang des Schuljahres sehe, dass ein Schüler in Mathe oder Englisch schwach ist und am Ende ist er wirklich gut.

Was ist an der Schule nicht so einfach?

Die blinden und seheingeschränkten Kinder auf den gleichen Wissensstand zu bringen, auf dem die sehenden Kinder sind, und sie nicht zu diskriminieren. Sie lernen auf eine andere Weise als sehende Schüler, sie müssen mehr sprechen und hören, um konzentriert am Unterricht teilnehmen zu können.

Wie hilft dir deine Familie im Alltag?

Mein Vater bringt meine Schulbücher nach Amman und holt sie wieder ab, damit die Bücher in Schwarzschrift in Braille ausgedruckt werden können, so kann ich alleine lernen. Als ich jung war, half mir meine Mutter mit meinen Hausaufgaben, sie hat dafür extra Braille gelernt. Meine Familie hilft mir aber auch in vielen anderen Bereichen: sie sagen beispielsweise, welche Farbe meine Kleidung hat, meine Schwester geht mit mir einkaufen, ich werde zu Freunden gebracht und selbst spät in der Nacht abgeholt, sie suchen Sachen, die ich selbst nicht finden kann. Sie diskriminieren mich nie! Dafür bin ich sehr dankbar, ich weiß, dass das in anderen Familien nicht so funktioniert wie bei mir. Aber für meine Eltern ist das ein Teil ihres Lebens und sie machen das gerne für mich. So viel wie sie mir geben, kann ich ihnen nicht wiedergeben, aber ich versuche mein Bestes.

Wie gehen die Menschen auf der Straße mit dir um?

Es ist oft schwer. Viele machen ihre Späße mit mir, vor allem, wenn ich mit meinem Blindenstock unterwegs bin. Viele Menschen wissen nicht einmal, was ein Blindenstock ist. Ich denke, das ist auch ein Fehler, den wir Blinden machen: Wir benutzen ihn nicht oft auf der Straße, aber das ist der einzige Weg, den Menschen zu zeigen, was das ist und wozu er dient, sie daran zu gewöhnen. Wir müssen eigenständiger werden, das ist vielleicht schwer, aber wir müssen das versuchen. Es ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Was mich aber doch immer wieder ärgert, ist dass die Autos nicht für mich anhalten, wie für alle anderen. Ich muss immer warten, bis keine oder wenige Autos fahren. Dennoch gibt es selten Leute, die auf mich zukommen und fragen, ob sie mir helfen können die Straße zu überqueren oder die Autos anhalten sollen.

Was möchtest du anderen blinden Menschen mit auf den Weg geben?

Gib niemals auf. Fühle dich nicht behindert, weil andere sagen, du seist behindert. Du bist es nämlich nicht. In dir ist etwas, das besonders und einzigartig ist, was niemand anderes hat. Das gilt für alle Menschen. Fokussiere dich darauf und fördere diese Stärke!

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Im Sportunterricht können sich auch die seheingeschränkten und blinden Kinder mit ihren Lieblingsbeschäftigungen richtig austoben. (Foto: EMS/Jeric)
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