info_outline
Zu einer Trauerveranstaltung werden oft gekochte Weizenkörner mit Zucker und Zimt gereicht. (Foto: EMS/Jeric)
20. Mai 2017

Das Trösten

Alisa

Alisa

Jordanien
leistet ihren Freiwilligendienst in einer integrativen Blindenschule
zur Übersichtsseite

Trauer öffentlich auszudrücken ist in Jordanien üblich

Das „Trösten“ ist ein fester Bestandteil der christlichen Trauerkultur. Sobald ein Angehöriger verstorben ist, wird er innerhalb kurzer Zeit beerdigt, oft vergeht nicht einmal eine Woche. Meist wird ein paar Tage gewartet, bis alle Angehörigen angereist sind. Nach einer Beerdigung gibt es ein großes und gutes Essen für alle Gäste, zum Beispiel Mansaf, das Nationalgericht. Die nahen Verwandten stehen besonders während der folgenden Tage in engem Kontakt und spenden sich gegenseitig Trost, auch weiter entfernte Verwandten bleiben in engerem Kontakt. In den folgenden Wochen besuchen sie sich untereinander.

Die Trauernden sind selten alleine: Freunde und Bekannte kommen vorbei und gemeinsam wird Kaffee und Tee getrunken, ein bisschen Gebäck und Obst gegessen. Die Stimmung wirkt trotzdem eher ausgelassen auf mich: viele Gespräche werden geführt und es wird gelacht. Über den Verstorbenen wird erzählt, wie man ihn kannte und was man Schönes miteinander erlebt hat. Je näher der Besucher dem Trauernden steht, desto öfters und länger wird der Trauernde besucht. Diese Besuche habe ich auch selbst miterlebt, da die Mutter unserer Gastmutter verstarb. Die Verstorbene lebte in Amman, wo auch ihre Beerdigung stattfand.

Fast drei Wochen später gab es einen weiteren Gottesdienst in unserer Gemeinde, der sich nicht sehr von den sonntäglichen Gottesdiensten unterschied. Ein großes Bild war auf einem kleinen Tisch vor dem Altarbereich aufgestellt, davor eine riesige Platte mit einer traditionellen Süßigkeit, die zu diesem Anlass den Gästen angeboten wird. Die Familie saß in den ersten Reihen und verließ als erste mit dem Pfarrer die Kirche. Im Außenbereich bildeten sie eine Schlange. Alle weiteren Gäste folgten aus der Kirche heraus, schüttelten Hände und sprachen ein paar tröstende Worte. Einer der Gäste trägt die Platte heraus, ein anderer bringt Kaffeekannen und Wasser. Der Inhalt der Platte wird in Becher verteilt und den Gästen gereicht. Ich konnte den Geschmack nicht richtig ausmachen, fand es allerdings auch nicht sehr lecker. Wir erhielten gekochte Weizenkörner, die mit Zimt und Zuckerperlen vermengt werden. Dazu gab es arabischen Kaffee und Wasser.

Im Anschluss daran trennt sich die Gesellschaft in Männer und Frauen auf, die sich in unterschiedliche Hallen begeben, in denen Stühle aufgestellt sind, es gibt noch mehr Kaffee, Wasser und Süßes, wie beispielsweise auch Datteln. Dort wird den Gästen die Möglichkeit gegeben das Gespräch zu suchen, sei es mit den Angehörigen oder anderen Besuchern. Die Trauergesellschaft löst sich langsam auf und jeder geht seinen Weg.

Enge Angehörige tragen für einen langen Zeitraum, auch über Jahre hinweg, ausschließlich schwarze Kleidung. Das erste große Fest, entweder Weihnachten oder Ostern, wird nicht richtig gefeiert, bei kleineren Festlichkeiten wird in der Öffentlichkeit geweint. Die Familie trifft sich noch einmal, um einander zu trösten und sich an den Verstorbenen zu erinnern. Auch die ersten Geburtstage werden nicht gefeiert, es werden keine Geschenke verteilt. Für kleine Kinder kann dort aber auch eine Ausnahme getroffen werden oder die Feste werden im kleinen gefeiert. Jedenfalls ergab sich das alles aus meinen bisherigen Erfahrungen und Gesprächen.

Liebe Grüße aus Jordanien!

info_outline
Arabischer Kaffee wird zu jedem Anlass gereicht, er gehört einfach dazu. (Foto: EMS/Jeric)
Arabischer Kaffee