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Tokio. Foto: EMS/Weiler
20. Februar 2017

Time To Say Goodbye

Sarah

Sarah

Japan
unterstützt das Asian Rural Institut
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Eine unvergessliche Zeit in Japan

Richtig bemerkt, dass ich bald wieder gehen muss, habe ich, als ich meinen letzten "Morning Gathering" gehalten habe (Morning Gathering ist, wo jeden Morgen jemand anders etwas für circa 30 Minuten erzählt). Ich habe darüber gesprochen, was ich alles im ARI gelernt habe. Es war eine gute Chance für mich all meine Erfahrungen und Erlebnisse zu reflektieren. Gleichzeitig hatte ich dadurch auch eine gute Möglichkeit mich bei allen zu bedanken, für alles was sie für mich getan haben. Es gab so viel zu sagen, es fiel mir zum ersten Mal sehr leicht 30 Minuten vor vielen Leuten zu sprechen. Auch darüber, dass ich in Englisch sprechen musste, habe ich mir schon lange keine Gedanken mehr gemacht. Es tat sehr gut meine Gefühle und meine Dankbarkeit mit allen ARI-Mitgliedern zu teilen. Und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich in zwei Wochen all diese beeindruckenden und liebevollen Menschen nicht mehr sehen werde.

Ich würde auch sagen, dass die letzten zwei Wochen sehr schöne Wochen waren. Da ich wusste, dass ich bald gehen muss habe ich nochmal intensiver mit den Leuten gesprochen und auch gearbeitet. Ich habe bemerkt, dass ich tatsächlich hier eine bedeutende Rolle hatte und gebraucht wurde. Ich habe in diesen sechs Monaten so viel gelernt und sehr viel nachgedacht. Ich habe bemerkt, was die wirklich wichtigen Dinge sind und das wir Deutsche vieles anders sehen als Personen aus Entwicklungsländern. Zum Beispiel, dass die Leute, die nicht viel haben, wissen wie sie sich in Problemsituationen selbst helfen können. Bei uns, in Deutschland, ist es mittlerweile so, dass wenn wir ein Problem haben im Internet googeln, was wir dagegen tun können oder auch gleich ein Unternehmen zum Helfen anrufen. Wir nehmen uns nicht mehr viel Zeit für solche Dinge. Auch das Arbeiten und die Karriere stehen oft bei uns zu arg im Vordergrund, was ja auch vor allem in Japan ein großes Problem ist. Zu wenig Zeit für soziale Kontakte und Familie. Aber in Entwicklungsländern stehen die Gemeinschaft und die Familie immer im Vordergrund. Da würde niemand die Großmutter in ein Altersheim bringen oder die Babys schon mit sechs Monaten in den Kindergarten. Das meiste im ARI habe ich gelernt, indem ich einfach mit verschiedenen Personen geredet habe. Ich habe viel über die verschiedensten Länder in Asien und Afrika gelernt, aber auch über Kultur und Verhaltensweisen. Ein Grund warum ich ins Ausland wollte war, dass ich selbstbewusster werde und mich mehr traue mit fremden Menschen zu reden. Ich denke, dass ich dies auch gelernt habe, denn in Japan hatte ich keine Wahl, ich musste mit fremden Menschen reden. Dadurch habe ich auch gelernt, dass es ja gar nicht so schlimm ist und die Leute sich sehr freuen, wenn man sich einfach nur mit ihnen unterhält und Fragen zu ihrem Leben stellt.

Ich habe auch viel über meinen eigenen Glauben gelernt. Ich gehöre dem Christentum an und zuhause gehe ich auch immer in die Kirche. Aber im ARI habe ich das Christentum auf eine anderen Weise erfahren. Ich bin nicht nur Christin, weil ich in die Kirche gehe, es gehört viel mehr dazu. Ich habe hier jeden Montag bei einem Gebetstreffen mitgemacht, manchmal habe ich es auch geleitet. Dort konnte jeder über seine Probleme reden und über alles, was einem gerade auf dem Herzen liegt. Danach haben wir dann gemeinsam für jeden gebetet. Und nach diesem gemeinschaftlichen Beten habe ich mich tatsächlich immer viel besser gefühlt und es kam mir so vor, als könnte ich diese Probleme sehr einfach überwinden. Am Anfang fiel es mit schwer über meine Gefühle und Probleme zu reden, oder auch laut zu beten. Aber ich habe angefangen es zu mögen und ich werde diese Treffen vermissen. In Deutschland ist es schwierig Leute zu finden, mit denen man über solche Dinge, wie den Glauben, sprechen kann. Viele in meinem Alter interessiert die Religion nicht mehr so stark. Manchmal, wenn ich die Leute im ARI beten gehört habe, hat man richtig bemerkt, wie sie Gott fühlen und an ihn glauben. Viele haben mir auch von ihren Kirchen in ihrer Heimat erzählt. Dort stehen sich alle sehr nahe und sie teilen alles miteinander. Außerdem werden dort immer Leute, welche das erste Mal in die Kirche kommen allen vorgestellt. Und jeden Sonntag sitzen danach alle zusammen und unterhalten sich, spielen Spiele oder essen gemeinsam. Ich denke, dass dieses Gemeinschaftsleben bei uns zu kurz kommt.

An meinem letzten Sonntag in der Kirche habe ich auch einen Kuchen bekommen und wir haben eine kleine Abschiedsparty gemacht, mit der Jugendgruppe, mit der wir uns sonntags manchmal getroffen haben. Das war sehr schön. Von meiner Farm-Gruppe, also mit denen ich gearbeitet habe wurde ich zum Gyozaessen eingeladen und auch mit den anderen Freiwilligen hatte ich eine schöne Abschiedsparty. An meinem letzten Wochenende hatten wir in der Kirche nochmal einen Auftritt mit meinem Gospelchor. Danach sind ein paar Freunde und ich nach Nikko gefahren, wo eine Art Iglu-Festival war. Sonntags morgens haben wir ein Aquarium in der Nähe besucht. Dann war es auch schon so weit und der lang geplante Besuch meines Vaters stand bevor. Mit zwei Freunden bin ich zu dem großen Bahnhof in der Nähe meiner Einsatzstelle gefahren, wo wir ihn abholten. Dort wartete eine riesige Überraschung auf mich, denn tatsächlich kamen auch meine beiden Schwestern mit nach Japan, um mich besuchen. Ich habe mich riesig gefreut. Zusammen waren wir dann noch zwei Nächte im ARI, wo ich ihnen alles zeigen konnte. An meinem letzten Abend hatten wir eine Praise-and Worship Night, wo wir schöne Lieder gesungen und gebetet haben.

Dann war es auch schon soweit Abschied zu nehmen. Es war sehr traurig, denn ich kann mir nicht sicher sein, ob ich meine Freunde je wieder sehen werde. Ich habe mich so wohl gefühlt in diesen sechs Monaten und ein bisschen hatte ich mir gewünscht länger bleiben zu können. Nach einem langen und sehr schönen Abschied sind meine Schwestern, mein Vater und ich noch eine Woche nach Tokio, wo wir uns Japan noch ein bisschen angeschaut haben. Das war eine gute Möglichkeit Japan nochmal genauer kennenzulernen und Städte wie Tokio, Yokohama und Kamakura anzuschauen. Nun bin ich seit einer Woche zurück und habe bemerkt, dass sich in meinem kleinen Dorf eigentlich nichts verändert hat. Vielen lieben Dank an alle, die mich in diesen sechs Monaten unterstützt haben und vor allem auch an die EMS, welche mir diese einzigartige Chance gegeben hat!

Liebe Grüße, eure Sarah

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ARI Foto: EMS/Weiler
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Abschiedsrede Foto: EMS/Weiler