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Der ganze Staff beim Kumi tanzen an unserer Pongalfeier am Elwin Centre. (Foto: EMS/Felger)
Der ganze Staff beim Kumi tanzen an unserer  Pongalfeier am Elwin Centre. (Foto: EMS/Felger)
28. Juni 2017

Pongal und Dorfleben

Natalie

Natalie

Indien
wirkt in einem Kinderheim mit
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Von der "typischen" Busfahrt bis hin ins Dorf & den Erlebnissen dort

Die Pongalfeier mit kleinen Wettbewerben für die Kinder, Kolam zeichnen, vielen Tänzen, darunter auch der Kumi mit den Helferinnen und Lehrerinnen hier am Center neigt sich so langsam dem Ende zu und nach und nach werden so ziemlich alle Kinder von ihren Eltern abgeholt. Auch die Lehrerinnen und meisten Helferinnen packen ihre Taschen und machen sich auf den Weg nach Hause zu ihren Familien.

Übrig bleiben zwei bis drei Helferinnen, eine Hand voll Kinder und ich. Ich sitze gemeinsam mit R., einer Helferin im Jungenheim, und wir essen ein Stück Zuckerrohr, wie wir es schon den ganzen Tag lang machen. So langsam habe ich auch den Dreh raus, wie man so ein Zuckerrohr isst beziehungsweise mit den Zähnen schält und es dann aussaugt. Sie erzählt mir, dass sie vermutlich auch nach Hause in ihr Dorf fährt, falls sie die Erlaubnis vom Heimleiter bekommt und ob ich nicht mitkommen möchte. Ich willige sofort ein, da ich dann endlich die Möglichkeit habe ihre ganze Familie und das Dorf kennen zu lernen - mit ihren Schwestern hab ich schon des Öfteren telefoniert.

Am nächsten Morgen geht es dann los. Wir machen uns fertig, flechten uns die Haare und sie hilft mir beim Anziehen meines schwarz, rot, goldenen Sarees. Da er nicht aus Seide oder synthetischem Stoff ist, sondern aus Baumwolle, benötige ich ihre Hilfe. Nachdem wir unseren Tee getrunken haben, geht es mit der Rikscha Richtung Sivakasi. Während sie sich angeregt mit dem Rikscha Fahrer unterhält, der ein guter Freund vom Center und quasi unser persönlicher Rikscha-Fahrer ist, beobachte ich das Geschehen und die Menschen um uns herum. Wir fahren am Snack-Shop an der Ecke vorbei, ich winke der Frau freundlich zu, bei der wir oft Halt machen, wenn wir auf dem Rückweg von Satchiyapuram zu Fuß sind. Sie ruft mir etwas zu, vermutlich "narlakia" (wie geht's dir) oder "saptiya" (hast du gegessen), um etwas Smalltalk zu führen. Als wir an der Kirche vorbeikommen, küsst R. ihre Kreuzkette, wie sie hier alle Lehrerinnen und Helferinnen tragen - auch ich habe mir gleich in den ersten Monaten eine zulegen dürfen, wenn auch nicht ganz freiwillig, jedoch musste es keine echt goldene sein. Rechts an der Straße sitzen eine ältere Frau und ein älterer Mann und verkaufen süßes, fettiges Gebäck. Daneben steht ein junger Mann und schenkt Tee (chaii) und Kaffee (koppie) an die Menschen aus- @ an alle die schon einmal in einem indischen Zug waren, kennen nur zu gut die Rufe: chaii, koppie, chaii, die durch die Bahnhöfe hallen. Uns kommt eine Rikscha entgegen, die im Gegensatz zu unserer wirklich voll beladen ist, es stapeln sich quasi die Grundschulkinder mit Schultaschen. Ich versuche die Mädels, die ihre Haare zu Affenschaukeln geflochten haben, zu zählen, doch es gelingt mir nicht. Ich muss sofort daran denken, wie wir regelmäßig mit der gleichen Anzahl an Kindern pkus drei bis vierHelferinnen (mit mir eingeschlossen) in der Rikscha zum Arzt unterwegs sind. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen, woraufhin R. fragt, was los sei. Ich muss nur mit dem Finger auf die Rikscha zeigen und sie versteht sofort.

Wir fahren durch kleine Gassen, in denen man in Deutschland nur zu Fuß durch gehen dürfte, über den Bahnübergang weiter nach Sivakasi. Nach 15 bis 20 Minuten erreichen wir dann den Busbahnhof in Sivakasi. Wir steigen in einen schon sehr gut gefüllten Bus ein und können gerade so noch zwei Sitzplätze ergattern. Da ich das erste Mal mit Saree Bus fahre, bin ich froh sitzen zu können. Wie es sich für einen tamilischen Bus gehört, läuft in voller Lautstärke tamilische Musik, die ich inzwischen sehr mag und bevorzugt höre. Ich beobachte die Frauen in ihren bunten Sarees, mit ihrem goldenen Schmuck und den Jasminblumen im Haar. Die Armreifen klimpern bei jeder Bewegung und überall riecht es nach Jasminblumen, ein Duft den ich nur allzu gerne mag. Der Kontrolleur kämpft sich durch den vollgestopften Bus, der bei gefühlt jeder Station noch voller wird, als er eh schon ist und ich bewundere seine Multi-Tasking-Fähigkeit, die dieser Job abverlangt. Draußen an den Straßen werden in Massen Zuckerrohr verkauft, die zum Abendessen in einer Art Zuckerrohr-Brei serviert werden, wie mir R. erklärt. In Virudhunagar steigen wir in einen anderen Bus um, der noch voller scheint. Von draußen höre ich schon wie die Musik aus dem Bus dröhnt. Dieses Mal gibt es keine freien Sitzplätze mehr und so stehen wir zusammen gepfercht mit den anderen im Gang und versuchen uns irgendwo festzuhalten. In dem Moment denke ich lächelnd, Busfahren im Saree oder im Chuddidar macht auch keinen Unterschied.

Wir müssen noch ein weiteres Mal umsteigen. Da nur sehr unregelmäßig Busse in Richtung ihr Dorf fahren, müssen wir längere Zeit am Busbahnhof warten. Wir kaufen uns Jasminblumen, pinnen sie uns ins Haar und setzten uns auf eine Bank. Schon nach kurzer Zeit umringt uns eine junge Frau mit ihrem Baby und ihrem Kleinkind. Sie unterhält sich mit R. und ist neugierig wer das weiße Mädchen im Saree ist. Ich wechsele ein paar Worte, ganze Sätze kann man es nicht nennen, mit ihr auf Tamil und sie ist überrascht, dass ich verstanden habe was sie R. gefragt hatte. R. nimmt ihr das Baby ab und setzt es sich auf den Schoß, als es mich sieht, schaut es mich großen Augen an. Ich mustere das Baby, als erstes fallen mir die aufgemalten Punkte im Gesicht und die nachgezogenen Augenbrauen auf, dann die silbernen Fußkettchen. Ein "typisches Tamilisches Baby" stelle ich mit einem Grinsen fest und kneife es in die Wange, wie es hier üblich ist. Nach gefühlt einer Stunde des Wartens kommt der richtige Bus und wir steigen ein. Im Bus verkauft ein Mann Gurken mit Chilipulver, der nächste möchte uns Nüsse verkaufen und ein weiterer Wasser. Wir kaufen zwei Wasser und lehnen uns in unseren Sitzen zurück. Da wir schon den ganzen Morgen unterwegs sind und wir müde sind dösen wir so vor uns hin. Irgendwann fällt mir dann auf, dass der Bus immer leerer wird und nur noch knapp 20 Leute mit uns im Bus sitzen. Wir fahren auf einer fast unbefahren, fast schon verlassenen Straße und die Verhältnisse werden immer schlechter. Der Bus ruckelt von Schlagloch zu Schlagloch und manchmal scheint er sich gefährlich zur Seite zu neigen, doch der Fahrer hat alles unter Kontrolle und lenkt den Bus gekonnt. Man muss sich festhalten um nicht vom Sitz zu rutschen. Als ich auf sie drauf rutsche, da ich mich für einen Moment nicht festhalte, müssen wir beide lachen und sie entschuldigt sich für den Weg in ihr Dorf. Ich kann nur lachen und gebe ihr zu verstehen das alles in bester Ordnung ist. Nach und nach leert sich der Bus, alle Dörfer werden nacheinander abgeklappert und so gut wie keiner steigt mehr ein. Irgendwann erreichen wir ihr Dorf Kanjampatti und steigen aus. Das erste was mir auffällt ist der bunte Tempel, wie man sie in den meisten Dörfern sieht. Was jedoch besonders ist, ist, dass das Dorf auch seine eigene kleine Kirche hat, die direkt daneben steht.

Ihr kleiner Bruder wartet schon auf uns und wir werden von einer Schar Kinder zum Haus begleitet. Bevor wir richtig ankommen können, befinde ich mich plötzlich im Haus ihrer Oma, die schon sehr alt und gebrechlich ist. Bevor ich mich umsehen kann, führt sie schon ein Ritual an mir durch und flüstert unverständliche Worte und küsst mich zur Begrüßung. R. die direkt im angrenzenden Haus ist, brüllt durch die Wand: "Lass sie sich doch erst einmal umziehen und etwas ausruhen". Ich gehe also rüber und ziehe mir mein Nighty (ein Art Nachthemd mit dem man meistens den ganzen Tag im Dorf oder auch bei uns sonntags am Centre herumläuft) an und schau mich im Haus um. Es besteht aus einem Vorraum, in dem eine Henne sitzt und brütet und ihr Vater abends schläft. Im Hauptraum steht eine Art Liege, eine Küche beziehungsweise mehr eine Camping Herdplatte mit einer Gasflasche, ein großer Schrank und ein kleiner Fernseher. Ich bin perplex und bewundere, wie hier trotz allem die ganze Familie auf so wenig Raum Platz hat. Als sie noch ein Kind war, haben sie zu acht (Mutter, Vater, kleiner Bruder, drei jüngere Schwestern, ältere Schwester und sie) in dem Haus gewohnt. Jetzt nur noch zu viert, da ihre Mutter vor drei Jahren gestorben ist, ihre jüngere Schwester im College ist und ihre ältere verheirate Schwester mit ihrer Familie in einem anderen Dorf wohnt und sie selbst ja im Elwin Centre arbeitet und lebt. Ihre eine Schwester ist noch auf Arbeit, die andere im College und ihr Vater ist unterwegs. Also lerne ich vorerst ihre jüngste Schwester und ihren keinen Bruder kennen.

Während R. die Wäsche macht, sitze ich draußen vor dem Haus mit den Kindern und esse, wie sollte es anders sein, Zuckerrohr. Das ich da bin hat sich schnell im ganzen Dorf rumgesprochen und so kommen immer mehr neugierige Menschen vorbei und setzten sich zu uns. R. muss jedem erklären wer ich bin und das ich bei ihr an der Schule und dem Heim lebe und arbeite. Sie sind alle sehr freundlich und laden mich zu Tee, Snacks und so weiter ein. Wie es in den meisten Dörfern üblich ist, sind auch hier alle quasi miteinander verwandt. Es herrscht eine angenehme und familiäre Stimmung. Mir wird ein Baby in den Arm gelegt und alle beobachten wie es auf ein weißes Gesicht reagiert. Zum Glück fängt es nicht an zu weinen oder schreit, sondern ist ganz ruhig und scheint sich wohl zu fühlen. Anscheinend so wohl, dass es mich innerhalb von 2 Stunden dreimal anpinkelt. Windeln tragen hier die wenigsten Babys.

Nachdem R. mit dem Wäsche waschen fertig ist, bereiten wir zusammen das Mittagessen vor - Reis mit Sambar. Beim Essen schauen wir eine tamilische Serie, die wohl im ganzen Dorf sehr beliebt ist. Anschließend gehen wir in das Haus von ihrem Cousin, wenn ich das richtig verstanden habe. Es ist wesentlich größer und geräumiger und da sie ein riesengroßes Bett haben, wird mir befohlen mich hier etwas auszuruhen. Ich spiele etwas mit ihrem Sohn Abiyouth, dem Bruder des Babys das mich angepinkelt hat, und lege mich dann anschließend wirklich schlafen. Um kurz nach vier Uhr gibt es dann Tee und Snacks, danach machen R, ihre Schwester, ihr Bruder und ich gemeinsam, gefolgt von weiteren Kindern, einen Spaziergang auf dem Feld und sie zeigt mir die Umgebung. Abends lerne ich dann noch ihren Vater und ihre zwei Schwestern kennen, die alle richtig lieb sind. Auch den Pfarrer, der urpötzich im Haus steht und gemeinsam mit uns betet. Nach dem Abendessen, gehen R. und ich noch einmal aufs Feld bevor wir uns schlafen legen.

Am nächsten Morgen wache ich durch mehrere Geräusche auf, ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass es 5 Uhr ist. Hier eine ganz normale Uhrzeit zum Aufstehen. Alle bis auf ihren Bruder stehen auf, ihre Schwester macht Tee, während ihre andere draußen duscht und R. und ich widmen uns dem Geschirr von gestern. Nach dem wir mit waschen fertig sind, trinken wir unseren Tee und setzten uns wieder nach draußen. Ich höre den Hahn krähen und genieße die morgendliche Luft und die Stille. Um 7 Uhr machen wir uns rüber zu Abiyouth, der heute Geburtstag hat. Es haben sich schon ein paar Leute versammelt und alle warten auf das Anschneiden des Kuchens. Die Musikkerze wird auf den Kuchen gesetzt und ich nehme eine mir bekannte Melodie wahr. Nach dem Anschneiden kommt es zum typischen Posieren, wie das Geburtstagskind die Gäste nach einander mit einem Stück Kuchen "füttert". Auch ich als Tante, wie ich gleich von ihm bezeichnet wurde, kam darum nicht herum. Nachdem die meisten aus dem Dorf wieder in ihre Häuser verschwunden sind, gehen auch wir wieder rüber und fangen mit dem Kochen vom Uppama an. Nach dem Frühstück machen wir uns fertig und verbringen den restlichen Vormittag vor dem Fernseher und mit alten Fotoalben von Hochzeiten und weiteren Feiern, wir wechseln nur ab und zu die Häuser zum Fernsehen und um das nächste Album anzuschauen.

Nachmittags wird mir dann das Dorf gezeigt und ihr Bruder zeigt mir seine Schule, in die er geht. Auf dem Rückweg kommen wir an einem See vorbei, der seit knapp drei Jahren leider ausgetrocknet ist. Er wird von vielen "Lianenbäumen" umrahmt und sie erzählt mir, dass sie in ihrer Kindheit immer an den Lianen geschwungen ist und sich dann ins Wasser hat fallen lassen. Ich lasse es mir nicht nehmen und schnappe mir eine Liane, mache es ihrem Bruder gleich und schwinge mich an der Liane. Es klappt besser als erwartet und ich fühle mich so richtig frei. Das war mit Abstand das größte Highlight, das ich im Dorf erleben durfte. Anschließend haben wir noch sehr viel Spaß mit der Wasserpumpe und werden dank ihrem Bruder richtig nass, vor allem Abiyouth. Ich genieße die schöne Natur und die Atmosphäre und als sich dann auch noch ein Schmetterling auf meiner Hand nieder lässt und ganz handzahm ist, bin ich verzaubert. Abends helfe ich noch einem älteren Mann beim Zwiebel Schälen, während R. das Essen vorbereitet und ihre Schwester Mehndi mit einem Mörser selbst macht. Nach dem Essen macht sie mir dann das Mehndi/Henna auf die Handflächen und die Fingerkuppen. Abends schlafe ich glücklich ein und lasse noch einmal den ereignisreichen Tag Revue passieren und bin schon fast wieder traurig das Dorf morgen zu verlassen. Doch glücklicherweise kam es zu einem Wiedersehen Ende April.

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Beim Zuckerrohr essen. (Foto: EMS/Felger)
Beim Zuckerrohr essen. (Foto: EMS/Felger)
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An Abiyouths Geburtstag, in der Hand halte ich die Musikkerze (Foto: EMS/Felger)
An Abiyouths Geburtstag, in der Hand halte ich die Musikkerze (Foto: EMS/Felger)