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Vor jedem Meeting wird gemeinsam gebetet - einige sind skeptisch (Foto: EMS/von Hirschhausen)
09. Mai 2017

#4 Jesus: ein Hindugott ?

Clara

Clara

Indien
arbeitet in einem Frauenzentrum mit
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Christentum auf dem tamilischen Land - drei Aspekte

Heute früh im Englischunterricht – Fragen und Antworten. What’s your parents’ names? „My father’s name is Jesus, my mother’s name is Jesus.“  M., die keine wirklichen Eltern hat, lacht etwas verlegen, ihre Freundinnen kichern. In dem Moment fällt mir an der Situation nichts Besonderes auf, ganz normal mache ich weiter mit dem Englisch-Unterricht meiner 10.-Klässlerinnen, die gerade Ferien haben. Erst jetzt, in der Dämmerstimmung meiner Dachterrasse merke ich, wie krass mir diese Situation in den ersten Tagen meines Indienaufenthaltes vorgekommen wäre, und wie charakteristisch sie doch gleichzeitig auch für das Leben hier ist. Ein paar Elemente zum Christentum, wie ich es hier erlebe – Kultur, Glaube und Gesellschaft.         

Zuerst einmal sollte gesagt werden, dass M. aus einer Hindufamilie stammt – genauso wie die meisten meiner Mädchen. Ob sie sich alle haben umtaufen lassen? Nein, ganz bestimmt nicht, und obwohl die Kinder hier täglich morgens und abends in die Kirche gehen, viele beten und an unseren Gott glauben gehen sie doch daheim in ihren Dörfern genauso in den Hindutempel um dort den Traditionen zu folgen. Die Erklärung für diesen Pluri-Glauben liegt meiner Meinung nach im Selbstverständnis dieser beiden grundverschiedenen Religionen. Der Hinduismus in seiner Diversität schließt andere spirituelle Vorstellungen nicht grundsätzlich aus (außer natürlich in seiner radikalen Form), und so kann es kommen, dass gläubige Hindus auch Jesus als einen ihrer Götter anbeten, anders gesagt Teile des Christentums in ihren Glauben mit einschließen. Nicht selten bekommt der Pfarrer der Nagalapuram Gemeinde „prayer requests“ von Nicht-Christen (also in den allermeisten Fällen Hindus). Dass dies andersherum nicht der Fall ist kann man sich schon deshalb denken, weil das Christentum als Offenbarungsreligion den Anspruch hat, die einzig wahre zu sein - ein Christ, der hier von sich aus anfinge, regelmäßig zum Hindutempel zu gehen würde seinem Ruf in der Gemeinde nicht gerade Aufschwung verschaffen.

Ein anderes, gutes Beispiel für diese Ungegenseitigkeit ist die Eheschließung. Traditionell stellt die Hochzeit in Indien den Übergang der Frau von ihrer eigenen Familie in die Familie des Mannes dar, in der sie quasi die neue Tochter des Hauses wird. Obwohl Religion natürlich ein entscheidender Faktor für die arrangierte Ehe ist können andere Faktoren wie Kaste und Familienwohlstand zuweilen überwiegen. So bin ich schon mehrmals auf Familiensituationen gestoßen, wo eine Frau mit hinduistischem Hintergrund in eine christliche Familie geheiratet hat und dadurch selbst, halb oder ganz, zur Christin geworden ist. Gläubige Familieneltern (um nicht -väter zu sagen) dagegen würden nur selten eine ihrer Töchter einem hinduistischen Mann überlassen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Was aber klar ist: Die Religion gehört fest zur Identität dazu und spielt auch im Alltag eine viel größere Rolle, als wir sie gewohnt sind. Nicht nur tragen viele ihren Glauben – ob Hinduismus, Christentum oder andere – durch Ketten, Bänder, et cetera nach außen hin, auch in vielen alltäglichen Angelegenheiten kommt überraschende Spiritualität zum Vorschein. Ein neues Auto/Haus/Ziege wird nach dem Gebet oft mit einem Farbpunkt oder bei Christen mit einem Kreuz markiert; bei vielen selbst profanen Veranstaltungen wird, meist durch Priester oder Pfarrer, gebetet; ein privater Busbesitzer lässt in großen bunten Lettern den Namen von Hindugottheiten oder „God is my shepherd“ an seinen Bus anbringen. Spannend finde ich dabei die kulturellen Ähnlichkeiten zwischen doch so unterschiedlichen Religionen, in meinen Beispielen Hinduismus und Christentum, weil es diejenigen Religionen sind, mit denen ich am meisten zu tun habe auch wenn sich über den Islam, Sikhismus, Jainismus oder Buddhismus bestimmt genauso viel sagen lässt.        

„Meine Mutter heißt Jesus.“ Bei uns hieße das schon eher „Gott ist unser Vater“ und warum nicht auch Mutter (ich wäre da die Letzte um das zu bestreiten). Die Tatsache, dass Jesus als Synonym dafür genommen wird, was wir Gott nennen zeigt in meinen Augen mehr als nur einen Unterschied in der Wortwahl. Natürlich sind auch hier Gott und Jesus Eins, jedoch scheint mir als sei Jesus, der ja der Bibel zufolge als Mensch auf die Erde kam als viel humaner wahrgenommen – wie ein großer Bruder oder eben Eltern, aber doch immer Inkarnation der Liebe, des Lichts, et cetera. „Gott“ hingegen ist oft der des Alten Testaments, der „eifersüchtige“ der auch strafen kann und vor dem viele Christen eine tiefe Ehrfurcht haben – wie sie ja teils von der Bibel vorgeschrieben wird. Der christliche Glaube ist hier also viel mehr an der Bibel orientiert, die oft sehr wörtlich genommen wird. Man könnte sagen dass er mehr wie bei uns so gelebt wird, wie von einigen ihrer Schreiber ursprünglich beabsichtigt – und genau das macht ihn mir persönlich teilweise sehr fremd.  

Wenn vom Höllenfeuer die Rede ist, in das alle kommen, die kein „christliches Leben“ geführt haben, wenn es um den Missionsbefehl geht, um die „richtige“ und die „falschen“ Religionen, dann stößt das gegen andere Werte mit denen ich aufgewachsen bin und die wahrscheinlich sehr kulturbedingt sind. Auf der anderen Seite hat die Feste des Glaubens, die damit verbunden ist, auch etwas sehr Schönes. Die Zuversicht, mit der die Meisten davon überzeugt sind, dass Gott ihnen in ihrem täglichen Leben beisteht; mit der sie sich, selbst in harten Situationen auf Gott verlassen finde ich beeindruckend. Es wird gebetet vor jeder Reise, für jeden kranken Familienangehörigen, und natürlich morgens und abends für jeden Tag und jede Nacht. Ich glaube, dass die Bibel für die Menschen aus den ländlichen Gebieten auch aus dem Grund ansprechender ist, weil sie sich selbst in vielen Themen widerspiegeln können, die uns Christen aus industrialisierten Regionen sehr fern scheinen – Themen wie schlechte Ernten, Landstreitigkeiten oder Tagelohn. Sie kommen in den Predigen, wenn Sonntagmorgen die Kirche full house ist, jedenfalls oft vor.

Kleiner Punkt noch: Natürlich beschränken sich meine Beobachtungen auf den kleinen Ausschnitt dessen, was ich in den neun Monaten, dort wo ich war (nämlich meistens auf dem tamilischen Land) mitbekommen habe – gerade in den Städten und anderen Staaten bin ich jedoch auch auf Gemeinden gestoßen, die unseren sehr viel mehr ähnelten. Vergessen sollte man auch nicht, dass es auch in Indien verschiedene Ausrichtungen des Glaubens gibt: die meisten Menschen gehören der evangelischen Church of South India (CSI), der römisch-katholischen oder syrisch-orthodoxen Gemeinden an, wie überall gibt es aber auch hier zahlreiche, mehr oder weniger dubiose Freikirchen.    

M. ist offiziell hinduistischen Glaubens, zählt also noch nicht in die 6% der tamilischen Christenminderheit mit rein. Trotzdem besucht sie eine christliche Schule und lebt in einem christlichen Mädchenheim. Die gesellschaftliche Rolle, die christliche Institutionen (eben Schulen, Colleges oder Heime) besonders in Südindien spielen ist keine unwichtige; eine Realität, die die hindunationalistische Regierung im Moment spürbar zu verändern sucht: Durch peinliche Kontrollen, umständliche Prozeduren zur Erlangung der notwendigen Zertifikate, Einschränkung der Spendengelder aus dem Ausland oder, bei Vorliegen eines legalen Fehlers, die direkte Schließung oder Übernahme der jeweiligen Institution. Trotzdem scheut die christliche Minderheit es nicht, sich präsent zu machen. Fährt man durch die südindischen Landschaften fallen überall teils imposante Kirchen auf, sowie die meist dröhnende Beschallung durch Kirchensongs in einigen Dörfern – in steter Konkurrenz mit der der Hindutempel oder der privaten Feste.

Auch auf Popularität versteht sich die CSI: Trotz der veralteten Strukturen die zu teilweise unaushaltbaren (!) Hierarchien (#nohate) führen, beschaffen ihr die Bemühungen Vieler eine ausgesprochene Lebendigkeit. Wenn bei uns die alternde Kirche ein offensichtliches Problem ist, so weiß die Kirche in Südindien nur gut, ihre Jugend zu entertainen - durch rockkonzertartige „special services“, ein sieben-bühniges Theaterstück über „Jesus life“ am Karfreitag oder eine Kinderbibelwoche mit Sing- und Tanzworkshops. Ich finde schön, dass die Jugend so zu Amüsements kommt, die mit anderen Themen ein absolutes Tabu wären – ihre Begeisterung lässt daran keinen Zweifel.  Gerade läuft M. mit ihren Freundinnen unten im Hof lang. Wahrscheinlich tut es ihr gut, sich von Gott behütet zu wissen. Und wäre es Opium – es würde trotzdem Schmerzen lindern. 

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Freudige Gesichter zu Ostern - nicht zuletzt dank neuer Kleider für alle; auf dem Gruppenbild darf die Kirche als Hintergrund nicht fehlen (Foto: EMS/v. Hirschhausen)
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Aneinandergereiht: Hindutempel, evangelische Kirche, römisch-katholische Kirche, das Ganze in einem Dorf von knapp 1000 Einwohnern. Ein spannendes Zusammenleben der Religionen (Foto: EMS/v. Hirschhausen)
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