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Unterwegs in den Bergen (Foto: EMS/Kohrs)
Bus
13. Juni 2017

Ein Rütteln und Schütteln

Annegret

Annegret

Indien
leistet ihren Freiwilligendienst in einem Frauenzentrum
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Meine liebsten Transportmittel

Öffentliche Verkehrsmittel in Indien sind auf den ersten und auch noch auf den zweiten Blick sehr verwirrend. Doch durchschaut man das System hinter dem Ganzen, machen sie einfach nur Spaß, sind einfach zu benutzen und vor Allem günstig. Fangen wir doch mit meinem fast alltäglichen Transportmittel an: dem Bus. Wenige Touristen benutzen die Kurzstreckenbusse, wahrscheinlich weil nirgends ein Plan des Busnetzes existiert. Auch über das Internet ist es sehr schwer rauszufinden wo wann welcher Bus hinfährt. Es gibt die sogenannten staatlichen Busse, die zwischen großen Städten verkehren und meistens nicht an allen Stationen halten, und die privaten Busunternehmen die sich auf verschiedene Strecken über kleine Dörfer spezialisieren. Wenn man weiß wie, kommt man mit dem Bus überall hin, oft kann man sich fast bis vor die Haustür fahren lassen, wenn man nicht grad an einer völlig unbefestigten Straße wohnt. Und das Ganze für sehr wenig Geld. Von meinem Dorf aus fahre ich 30 bis 40 Minuten in die nächste Stadt Kottayam. Das Ganze kostet mich 15 Rupien, was in etwa zehn Cent entspricht.

Aber wie gesagt, so ganz einfach ist es nicht. Bis auf die Busbahnhöfe in größeren Orten, kann man Bushaltestellen als Außenstehender so gut wie nicht erkennen. Es gibt keine Schilder, keinen Busfahrplan, die Stopps werden, insofern ich das beurteilen kann, dadurch festgelegt, wo durchschnittlich die meisten Leute aussteigen wollen und auch nicht alle Busse halten überall. Dann muss man, wenn man die Haltestelle gefunden hat, in den richtigen Bus einsteigen. Hat man Glück und befindet sich an einem großen Busbahnhof, gibt es vielleicht eine Auskunft, sonst durchfragen. Es hilft enorm, wenn man die Schrift des Staates, also in meinem Fall Malayalam, beherrscht, da das Ziel des Buses und einige Zwischenstopps von außen zu lesen sind. So bekommt man nach einiger Zeit heraus, welche deinen Stopp anfahren. Außerdem wichtig: In Kerala sitzen Frauen im Bus vorne, Männer hinten. Ein Mann sollte sich niemals neben eine Frau setzen, außer es ist seine Tochter oder Ehefrau. Frauen können sich schon mal neben Männer setzen, werden aber mitunter etwas komisch angeschaut. Die Sitze sind auch sehr schmal, weswegen ich diese unausgesprochenen aber offensichtlichen Regeln gar nicht so schlecht finde. Und ganz hinten will man aufgrund des Zustands mancher Straßen eh nicht sitzen. Denn konzentriert man sich nicht darauf sich gut festzuhalten und den Körperschwerpunkt möglichst in seine kleinen Zehen zu verlagern, kann es sein, dass man bei manchen Schlaglöchern so weit nach oben fliegt, dass man sich fragt, wie man sich den Kopf noch nicht an der Decke des Busses gestoßen hat. Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung.

Ein anderes überaus praktisches Verkehrsmittel sind die Auto-Rikschas, und die sind auch für Touristen was. Und bitte, an alle Süd-Ost-Asien-Backpacker-Hippies da draußen: Die Dinger heißen in Indien einfach nicht Tuk Tuks. Es. Sind. Autos. Und auch nicht Rikschas, das sind die, die wie ein Fahrrad funktionieren oder per Hand gezogen werden. Ich spreche von den kleinen, schnuckeligen, schwarz-gelben oder grün-gelben Dreiradfahrzeugen. Das Gute an Ihnen ist, dass die Fahrer praktisch jeden Ort, an den du fahren möchtest, kennen. Leider wissen die Autofahrer auch, dass Leute mit weißer Haut in Touristenorten sich wahrscheinlich eher nicht so gut auskennen und unter Umständen (oder bei Tourisachen eigentlich immer) vorab einen Preis vorschlagen, der uns zwar günstig vorkommt (nur drei Euro?), aber manchmal das drei- oder vierfache des tatsächlichen Preises ist. Hier in meiner absolut nicht touristischen Kleinstadt in Kerala muss man manchmal um zehn Rupien verhandeln, mehr aber auch nicht. Beispielsweise in Mumbai haben fast alle Autos ein funktionierendes Taxameter, will ein Fahrer vorher einen Preis festlegen besser nicht einsteigen! Was die meisten anderen Orte angeht: Bei Einheimischen informieren wie viel die Fahrt in etwa kosten sollte und dann verhandeln was das Zeug hält!

Das letzte Transportmittel, das ich vorstellen möchte, ist der Zug. Mich und die indischen Züge verbindet eine ganz besondere Beziehung, aber so fühlt sich wahrscheinlich jeder, der jemals eine größere Reise durch Indien mit sehr knappem Budget geplant hat. Denn die Züge sind auf jeden Fall eines: günstig. Wer hygiene- hitze- und privatsphärenmäßig ein bisschen was aushalten kann und kein Geld hat, für den ist das Sleeperabteil, das man in jedem Zug vorfindet, das richtige. Für meist unter fünf Euro kann man die ganze Nacht fahren und kommt morgens einigermaßen erholt im nächsten Ort auf seiner Liste an. Außer man fährt tagsüber bei 45°C. Dann fühlt man sich halt als hätte man 12 Stunden vor einer grade geöffneten Ofentür gesessen. Und auch hier ist die Organisation, naja, nicht ganz leicht. Will man in der Saison, also um Weihnachten rum, oder im Sommer, also April bis Mai, oder gefühlt zu jedem anderen Zeitpunkt verreisen oder eine sehr lange Zugfahrt buchen, so muss man das mindestens drei Monate vorher machen, um einen Platz auf einer Liege sicher zu haben. Achtung: Jeder Zug fährt höchstens einmal am Tag, manchmal auch nur einmal die Woche, was das Umsteigen zu einer Geduldsprobe der Meisterklasse macht. Oft kommt man morgens an, Züge und Busse zum eigentlichen Ziel fahren aber erst abends los. So musste ich schon zwei oder dreimal für 15 Stunden mein Camp in Bangalore aufschlagen, bis es endlich weiterging. Also möglichst Direktzüge finden. Buchen kann man entweder übers Internet (Internetseite und Anmeldung für Ausländer ein einziger Albtraum) oder direkt am Bahnhof, wo man für jeden Zug einen kleinen Zettel ausfüllen muss und dann entweder einen Platz zugewiesen bekommt, oder auf die gefürchtete Warteliste rutscht. Ist man relativ weit oben, so bis Platz 20, hat man nicht viel zu befürchten, danach wird es kritisch. Paula ist es sogar passiert, dass sie trotz Warteliste Platz 3 am Tag der Abfahrt keine Reservierung hatte, das Ticket war verfallen. Ist der Zug noch nicht abgefahren, kann man am Bahnhof vielleicht noch ein Quotenticket ergattern (für Frauen, Touristen etc.), oder man muss sich ein Ticket ohne Reservierung kaufen und dann den Kontrolleur ein bisschen bestechen. Es gibt immer freie Plätze. Hat man dann einen Platz, kann der Spaß beginnen!

Die Züge sind, nach deutschen Verhältnissen, ziemlich langsam, man sitzt am offenen Fenster und kann die Aussicht genießen oder sich über den ganzen Müll, der die Gleise säumt, aufregen. Das bleibt jedem selbst überlassen. Lehn dich zurück, kauf dir einen Chai  und einen der vielen leckeren Snacks, die durchgehend von durch die Gänge schwirrenden Verkäufern angeboten werden. Beobachte die verschiedensten Leute oder komme mit ihnen ins Gespräch. Lass dich von ihren Kindern beklettern und teil Essen mit ihnen. Oder höre Musik und lese ein gutes Buch. Lehn dich mindestens einmal in der Fahrt aus der offenen Zugtür und staune darüber, wie frei man sich fühlen kann. Lerne, wie man mit jeder Form von Toiletten klarkommt. Oder trinke so wenig wie möglich und geh halt nach 14 Stunden wieder. Klettere nachts in dein Bett. Rege dich wahlweise wieder ein bisschen auf, diesmal über Leute, die ohne Kopfhörer noch Musikvideos gucken, über Großfamilien, die für ihre diversen quengelnden Kinder nur zwei Betten reserviert haben, oder Leute, die einfach irgendwo auf dem Boden schlafen und es dir unmöglich machen, bis zum Morgen nochmal aufzustehen. Akzeptiere die Möglichkeit, dass dein Rucksack am nächsten Tag nicht mehr da ist. Oder schließe einfach die Augen, lasse dich vom Rütteln des Zuges in den Schlaf wiegen und sei froh, denn du bist irgendwo in Indien, und das alles ist ein wunderbares Abenteuer.

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Erstmal selbst ausprobieren wie das geht... (Foto: EMS/Kohrs)
Auto Rikscha
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Im Sleeperabteil auf dem Weg nach Delhi (Foto: EMS/Kohrs)
Zug