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Tamale Central Mosque (EMS/Kress)
Blick auf die Central Mosque
14. Dezember 2016

100 Tage Freiwilligendienst - eine Bilanz

Felix

Felix

Ghana
arbeitet in einem Weiterbildungszentrum mit
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100 Tage Ökumenisches Freiwilligenprogramm – eine Bilanz

Nach einem Drittel meiner Zeit hier möchte ich Euch zu einer rigorosen Bilanz einladen. Doch nicht nur harte Fakten sollen hierzu erwähnt werden, auch meine Gefühle möchte ich versuchen zu beschreiben. Im Wechsel versuche ich positive und negative Erlebnisse gegenüber zustellen. Aber: äußerst gelassen kann ich konstatieren: so viel Negatives gibt es gar nicht zu berichten. Dennoch möchte ich aufräumen mit Vorurteilen und abrechnen mit alten Gedankengängen.

Ich möchte unbequem anfangen. Zugegebenermaßen kam ich nach Ghana mit viel zu romantischen Vorstellungen vom wirtschaftlichen System hier. Ich glaubte daran, hier zum Teil noch eine Form der Wirtschaft vorzufinden, die nicht vom Kapitalismus durchdrungen ist und in der Geld nicht im Vordergrund steht. Ich hatte Bilder vom ungezwungenen Tauschhandel im Kopf. Vielleicht war auch etwas von Heinrich Bölls Anekdote über die Arbeitsmoral dabei. Diese romantischen Verklärungen sind mit der Zeit verschwunden.

Was meine anerzogenen Moralvorstellungen betrifft, so habe ich mich schon häufig in Situationen wiedergefunden, in denen diese an ihre Grenzen kommen. Sollte ich von einem vielleicht vier Jahre alten Kind, das womöglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die Innenstadt läuft und einen viel zu schweren Korb auf dem Kopf trägt, eine Orange kaufen oder nicht? Wenn ich es tue, unterstütze ich dann Kinderarbeit? Wenn ich es aus jenen in der Heimat erlernten Prinzipien boykottiere, wem helfe ich damit? Meinem scheinbar guten Gewissen? Ein beruhigender Fakt ist: Niemand schickt sein Kind zur Arbeit, wenn es eine Alternative gäbe. Dass es Kinderarbeit gibt, liegt um Himmels Willen nicht daran, dass es in Ghana so viele Rabeneltern gibt, die ihre Kinder für den Erhalt ihres Luxuslebens schuften lassen.

Oder wie gehe ich damit um, wenn die alleinerziehende Reinigungskraft bloß 15€ im Monat verdient und damit noch drei kleine Kinder durchbringen muss? Sollte ich aus christlicher Nächstenliebe ihr anbieten von meinem weltwärts-Taschengeld wenigstens die Schulgebühren, die tatsächlich den Großteil ihres Gehaltes auffressen, ihrer Kinder zu zahlen? Möglich für mich wäre es, ich würde hier dann immer noch gut leben können. Gut ist sogar eventuell etwas untertrieben. Seitdem ich mich hier eingelebt habe und orts- und sprachkundig bin, zahle ich bei den meisten Produkten die selben Preise wie Einheimische. Oder sollte ich bei meinem Gastvater, der auch Direktor des Centers ist, als Fürsprecher auftreten und mich für eine wenigstens geringe Gehaltserhöhung einsetzen?

Natürlich könnte ich nun auch Augen und Ohren verschließen und in meinem Weltbild diesen Sachverhalt als „so ist das hier in Afrika nunmal“ abspeichern. Dennoch bringt es mich immer wieder zum Nachdenken. Wieso bin ich einer der Auserwählten, einer der Glücklichen „on the bright side of the world“ geboren zu sein? Im Vergleich zu so vielen Menschen hier ist mir im Leben Vieles einfach so in den Schoß gefallen, während hier Menschen wegen vielleicht 20€ sterben müssen. Habe ich denn nicht gerade aus diesen Gründen eine moralische Verantwortung, die ich wahrnehmen muss? Ich möchte hiermit Euch als Leser auffordern, Eure Gedanken hierzu nicht für Euch zu behalten, sondern hier als Kommentare zu veröffentlichen.

Was das Zusammenleben mit Muslimen und Christen in Tamale angeht, habe ich hier bereits viel gelernt und werde bestimmt noch sehr davon profitieren. Zum Beispiel hatte ich es vorher noch nie erlebt, dass Christen und Muslime zusammen beten. Bei den Seminaren zum interreligiösen Dialog hier im Presbyterian Lay Training Centre ist es aber das Normalste von der Welt. Auch sehr bereichernd war eine private Führung gegen eine Hand voll Kolanüsse durch die große Zentralmoschee vom Chief Imam höchstpersönlich. Möglicherweise sind die brüderlichen Beziehungen zwischen Muslimen und Christen ein Faktor, warum die Wahlen vergangene Woche so vorbildich verlaufen sind. Die Wahlen waren für mich eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Noch nie habe ich Wahlen im Ausland erlebt und dann noch gleich dazu in Ghana. Ehrlich gesagt hatte ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Ich assoziierte Wahlen in Afrika noch vor ein paar Monaten mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Doch ich bin stolz hier zu sein. Ghana ist Vorbild vieler afrikanischer Staaten. Es befindet sich zwar in der ärmsten Region der Welt, aber ich habe es als Land mit einer in allen Bevölkerungssegmenten belebten demokratischen Ader kennengelernt. Es ist kein politisches System der Eliten.

Ich selbst habe das Gefühl gelassener durch die Straßen zu laufen. So bin ich am Anfang immer noch ziemlich gehetzt und fühlte mich ständig unter Beobachtung. Das muss für viele bestimmt sehr lustig ausgesehen haben, wie der Siliminga durch die Stadt hetzt. Da ich zu Anfang auch von Dagbani keine Ahnung hatte, war Tamale eine harte Nuss. Dass ich mich selbstsicherer an für mich noch so fremden Orten bewege, führe ich darauf zurück, dass ich inzwischen sogar in drei Sprachen Small Talk führen kann. Der aufmerksame Leser fragt sich womöglich nun: Wieso denn drei? Twi, Dagbani und … ? Ja, richtig! Hausa! In Ghana wird Hausa von vielen Menschen als Verkehrssprache verstanden und gebraucht. Sowohl die Sprache Hausa als auch das gleichnamige, mehrheitlich muslimische Volk sind heute in vielen Staaten Westafrikas beheimatet und stammen ursprünglich aus dem Süden Nigers und dem Norden Nigerias. In meinen Arbeitspausen nehme ich mir Zeit und lerne Hausa. Das verfestige ich dann, indem ich mich nach Feierabend in den Zongo, das Stadtviertel der Hausa in Tamale, begebe, um das Erlernte anzuwenden. Und so kam es zu der Begebenheit, dass ich eines Nachmittags einen alten Hausa kennenlernte, der mich davon überzeugte, dass ich dringend Ziegenledersandalen benötigte. Zuvor hatte er mir das Lederhandwerk gezeigt. Vor allem die Gerbereien, in denen die Ziegen und Rinder, die sonst frei in der Stadt grasen, zu Leder verarbeitet werden, sind sehr eindrucksvoll. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich den Fertigungsprozess meines Schuhwerks mit eigenen Augen komplett nachvollziehen.

Aber auch sonst hat sich einiges verändert. So bin ich zum Beispiel in einen Gospelchor eingetreten und finde Gefallen an allerlei traditionellen Tänzen. Noch vor zwei Monaten hätte ich mir das niemals vorstellen können. Genauso wenig hätte ich mir je vorstellen können, in einen Fisch zu beißen, der mich noch anstarrt. Außerdem ist die Trockenzeit deutlich spürbar. Das letzte Mal hat es Ende Oktober geregnet. Wasser holen wir an einem Reservoir nicht weit vom Haus entfernt. Trockene Leitungen sind zu dieser Zeit normal, aber auch nicht weiter schlimm. Die gleißende Sonne wird zwar von einem Saharapassat, den man hier Harmattan nennt, gedämpft, dieser legt sich aber wie eine Dunstglocke über die ganze Region und erschwert das Atmen. Da es nachts stark abkühlt, haben im Moment viele Erkältungen und Halsweh.

Wer gedacht hat, es ginge in Ghana nicht noch nördlicher als die Northern Region, den muss ich getrost enttäuschen, denn meine erste Reise auf eigene Faust habe ich Ende November nach Bolgatanga unternommen. Wohnen konnte ich dankenswerter Weise bei einem deutschen Aussteiger, den ich in Tamale im Immigration Office bei der Visaverlängerung kennenlernte. In Bolga, wie es genannt wird, führen er und seine Frau schon Jahrzehnte einen Friseursalon, der auf Dreads spezialisiert ist. Durch ihn und seine Kontakte konnte ich die Upper East Region ein Wochenende lang unsicher machen. Erneute Besuche sind nicht auszuschließen. Der Kontakt zu ihm hat mich, so denke ich, ein ganzes Stück vorangebracht und es tat sehr gut mal mit jemandem gleicher Sozialisationsgeschichte über alles zu sprechen.

Da ich noch Kapazitäten übrig hatte, habe ich nun auch noch ein neues Tätigkeitsfeld: Ich gehe mit meiner Gastmutter in ihre Grundschule und gebe kreativen Unterricht (Kunst und Musik). Aber vor allem spiele ich mit den Kindern in den großen Pausen. Innerhalb meiner Einsatzstelle komme ich mit jedem Mitarbeiter gut klar. Zum Feierabend gemeinsam in einer Chop Bar Pito (fermentierte Hirse) trinken zu gehen, war für mich letzte Woche ein Highlight. Noch immer birgt jeder Tag kleine Überraschungen. Insgesamt genieße ich jeden einzelnen Tag hier sehr und freue mich auf die kommenden Monate – aber vor allem auf ghanaische Weihnachten und die Wochen danach auf Besuch aus der Heimat:drei unbeschreiblich gute Freunde haben nämlich all die bürokratischen und auch finanziellen Hürden auf sich genommen, mich hier in Subsahara-Afrika zu besuchen. Ich hoffe, dass die Erinnerungen an ihren Besuch nicht durch Reisedurchfall und Rückkehrmalaria getrübt werden!  

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Kampagne für friedliche Wahlen (Foto: EMS/Kress)
Wahlplakat
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Gegenverkehr auf dem Weg zum Fußball (Foto: EMS/Kress)
Rinderherde